Dienstag, 30.12.2014

Jochen Behle im Interview

"Viele Ehen sind gescheitert"

Trotz aller Dominanz der Norweger darf sich Jochen Behle getrost als Langlauf-Legende bezeichnen. Im Interview mit SPOX blickt der 54-Jährige zurück auf seine Anfänge im Weltcup, kleine Preisgelder und die zahlreichen Erfolge als Bundestrainer.

Jochen Behle beendete 1998 seine aktive Karriere im Langlauf
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Jochen Behle beendete 1998 seine aktive Karriere im Langlauf

SPOX: Herr Behle, die Frage von TV-Kommentator Bruno Moravetz hat Sie berühmt gemacht. Wo ist denn Jochen Behle gerade?

Jochen Behle: Ja, die Frage höre ich öfter. Gerade bin ich im Büro, hier bin ich jetzt deutlich häufiger als früher.

SPOX: Und wie finden Sie den Westernhagen-Song "Wo ist Behle?"

Behle: Ich habe den Sinn dahinter noch nicht ganz verstanden. Aber natürlich ist es eine Ehre, von so einem Künstler erwähnt zu werden.

SPOX: Mittlerweile kommentieren Sie bei "Eurosport" die Langlauf-Events. Sind Sie froh, dass es im Gegensatz zu Ihrer aktiven Zeit überall Kameras und Zwischenstände gibt? Sie müssen nicht nach Athleten suchen...

Behle: Natürlich ist es einfacher und die Regie hilft sehr weiter. Mir macht die Arbeit wirklich Spaß und rund um die Events trifft man jede Menge Bekannte.

SPOX: Zu Ihrer Zeit lief man im Langlauf klassisch und es gab so gut wie keine Massenstarts. Was hat für Sie den Reiz ausgemacht?

Behle: Natürlich hat man mit den Massenstarts und Sprints ein neues Niveau erreicht. Das ist auch im TV besser zu vermarkten. Ich bin damals über meinen Vater zum Langlauf gekommen und bin ein Leben lang dabei geblieben. Ich habe auch Fußball gespielt, aber Langlauf war immer mein Sport und nach den ersten Erfolgen bin ich weiter dran geblieben.

SPOX: Und das Material? Man hat den Eindruck, dass die Topteams heutzutage mehr Wachs testen und als zu trainieren.

"Wir haben abends auch mal ein Bierchen zusammen getrunken."

Behle über die Norweger

Behle: Es ist wirklich überhaupt nicht mehr zu vergleichen. Bindung, Schuhe und Ski sind komplett anders. Insgesamt ist es auch sicherer geworden. Heute kann man wesentlich steilere Abfahrten fahren. Und natürlich sind die Service-Teams viel größer und wichtiger geworden. Früher haben wir selbst viel getüftelt und probiert, wir waren da noch stärker eingebunden in die Arbeiten rund um das Rennen.

SPOX: Bis heute ist das Wachsen der entscheidende Vorteil und kann jederzeit ein Rennen kaputtmachen. Ihr schlimmster Fehlgriff?

Behle: Es war ausgerechnet bei Olympia. Die Bedingungen waren schwer und ich habe einfach nicht das passende Wachs gefunden. Dann bin ich mit einem ganz normal Schuppenski von Fischer gelaufen. Ich hatte natürlich überhaupt keine Chance und bin weit hinten gelandet.

SPOX: Wie heute waren damals die Norweger das Maß aller Dinge. War das nicht frustrierend?

Behle: Norwegen war uns allen in Sachen Know-How, Technik und Finanzen weit voraus, das hat man gemerkt. Als Scherz haben wir immer gesagt, dass wir bei den Weltcups nur den besten Mitteleuropäer herausfinden wollen, vorne liefen ja immer die Norweger. Trotzdem haben wir uns abseits der Piste super verstanden und abends auch mal ein Bierchen zusammen getrunken. Nach der Saison sind wir zum Beispiel oft noch einige Wochen geblieben. Das sind wunderbare Erinnerungen.

SPOX: Und das Training? Haben Sie als Bundestrainer anders trainieren lassen?

Behle: Ja natürlich. Heute ist der Sport sehr wissenschaftlich geprägt. Mit den Daten hat man ganz andere Möglichkeiten. Das hilft den Athleten schon enorm. Ich sage es ganz ehrlich: Unabhängig vom Material waren Angerer, Teichmann und Sommerfeldt auf jeden Fall ein Stück besser als ich damals. Aber das ist ja in jeder Sportart so.

Olympia 2014: Deutschlands Olympiasieger
Felix Loch eröffnete die Jagd auf Gold der Deutschen in Sotschi. Er rodelte im Einzel zum Sieg
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Wohl DIE deutsche Gold-Sensation: Carina Vogt (unten) schockte im Skispringen der Damen die komplette Weltelite
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Hoch hinaus ging's für Eric Frenzel nicht nur auf dem Treppchen. Erst flog er am weitesten, dann lief er am schnellsten.
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Rodel-Gold Nummer drei: Tobias Wendl (r.) und Tobias Arlt setzten sich im Doppelsitzer durch
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Die achte und letzte deutsche Goldmedaille sicherten sich Severin Freund und Co. im Teamwettbewerb von der Schanze
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SPOX: Heute hat es der Langlauf schwer, Nachwuchs zu bekommen. Das liegt nicht nur am Klimawandel, oder?

Behle: Nein, und es ist deutlich zu sehen: Alle Ausdauersportarten, sei es im Wintersport oder in der Leichtathletik, haben Nachwuchsprobleme. Gerade diese Sportarten sind mit viel Fleiß und Mühe verbunden. Heute kennen die Kinder jedes PC-Spiel und alle Serien. Aber draußen Sport treiben machen immer weniger, das macht mir schon Sorgen.

SPOX: Und Geld?

Behle: Im Gegensatz zu Norwegen ist der Wintersport in Deutschland nur eine Randsportart. Fußball dominiert ganz klar, auch bei den Sponsoren. Das wirkt sich natürlich auch auf die finanziellen Möglichkeiten aus. Immerhin: Die Topstars, wie wir sie vor einigen Jahren hatten, haben mit Sponsoren ganz gut verdient. Aber eben nur die absoluten Topleute. Und ihr Gehalt war dann auf Höhe eines Drittliga-Spielers beim Fußball. Olympiasieger und Drittligisten, das passt eben nicht zusammen.

SPOX: Was hat man zu Ihrer Zeit eigentlich verdient?

Behle: Nicht so viel wie heute. Ein Weltcupsieg hat 15.000 Mark gebracht. Ich habe genau einen gewonnen. Natürlich hatte man Sponsoren um sich herum und auch den Verband. Dafür war der Sport damals auch längst nicht so teuer wie heute. Eine Tube Wachs hat zwei Mark gekostet. Heute verkaufen sie 30 Gramm für 100 Euro.

Seite 1: Behle über einen Westernhagen-Song, Wachs und ein Bier mit den Norwegern

Seite 2: Behle über die goldenen Jahre, seinen Rücktritt und Evi Sachenbacher-Stehle

Interview: Jonas Schuetzeneder

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