Heinrich Bergmüller im Interview

"Trainingsweltmeister sind Versager"

Von Christoph Köckeis
Donnerstag, 12.12.2013 | 15:28 Uhr
Heinrich Bergmüller formte Hermann Maier zum Terminator
© getty
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Er ließ Hermann Maier um die Jahrtausendwende zum Herminator mutieren, peitscht Attraktionen der alpinen Zunft zu ungeahnten Triumphzügen. Ob Österreichs Ski-Imperium, Julia Mancuso oder nunmehr Maria Höfl-Riesch - er avancierte zum Erfolgsgaranten: Heinrich Bergmüller. Ein Interview über Trainingsweltmeister, Maiers positiven Gehorsam und dessen Traum-Comeback. Außerdem: Was hat Höfl-Riesch mit dem Herminator gemeinsam?

SPOX: Herr Professor Bergmüller, unter Ihrer Ägide erklomm Hermann Maier damals den Olymp. Ihre Ideologie revolutionierte die Trainingskultur im Skisport - was sagt denn nun der Beiname "Schinderheini" über Sie aus?

Heinrich Bergmüller: Seit 30 Jahren bin ich als Konditionstrainer bei den Alpinen tätig. In früheren Jahren trainierte Armin Assinger unter meiner Aufsicht. Er widmete mir in seinem Buch ein ganzes Kapitel und verpasste mir diese Bezeichnung. Ich leitete mit Hermann sowie der österreichischen Herren-Mannschaft in den 90er-Jahren eine Wende ein. Wir haben gelernt, richtig zu trainieren. Aufgebaut auf zwei Eckpfeiler: der medizinischen Diagnostik und Trainingssteuerung. Wir fingen an, sämtliche Leistungen und Stoffwechsel-Tests zu hinterfragen - nach allen erdenklichen Parametern. Um zu kontrollieren, ob wir unsere Ziele erreichen. Die Ergebnisse verankerten wir im System.

SPOX: Durch Sie wurde mitunter das Ergometer im Weltcup salonfähig. Maier schien beinahe die gesamte Freizeit darauf zu verbringen. Welche Vorzüge bringt dieser mit sich?

Bergmüller: Wenn man die Sportart beleuchtet, ist die Grundlagenausdauer ein ganz wesentliches Element. Man braucht sie, um schnell zu regenerieren - zwischen den Rennen und speziell den Trainingsläufen. Das Ergometer hilft dabei. Ist diese Säule ausgeprägt, kann man alles darauf aufbauen. Meine Erfahrungen gaben mir Recht. Thomas Sykora, ein bekannter österreichischer Slalomläufer, absolvierte eine Saison keine Krafteinheit - er gewann fünf Rennen in Serie. Der Schlüssel liegt darin, das Fundament durch gewisse Umfänge, die sehr moderat sein können, über den Winter aufrechtzuerhalten.

SPOX: Manch Vertreter der jungen Generation wird Sie wohl verfluchen, ist diese Methode ja doch recht monoton.

Bergmüller: Ein Sportler sollte das getrennt bewerten - wer das kapiert, setzt es erfolgreich um: Unter Laborbedingungen habe ich die Garantie, eine Effizienz von 80 Prozent zu erreichen. Wenn Hermann nicht auf Skiern stand, war meine Einrichtung sein Wohnzimmer. Bei Rennen hatten wir stets das Ergometer dabei. Im Weltcup gilt es, die geringe Zeit, die zur Verfügung steht, effizient zu nutzen.

SPOX: Seit diesem Jahr darf sich Maria Höfl-Riesch zu Ihren Schützlingen zählen: Maier trägt dabei eine "Mitschuld" - stimmt das?

Bergmüller: Genau, er fädelte alles ein. Sie bat ihn um Rat und er fragte mich, ob ich mir überhaupt vorstellen könnte, mit ihr zu arbeiten. Mich reizte der Gedanke, ich war von der Herausforderung begeistert. Danach trafen wir uns, diskutierten das. Nachdem DSV-Technikchef Christian Schwaiger auch mit mir arbeitet und sich sehr an meine Philosophie anlehnt, erzielten wir schnell Einigkeit.

SPOX: Mal ein gewagter Vergleich: Wie viel Herminator steckt in Höfl-Riesch?

Bergmüller: Grundsätzlich hat Maria genetisch sehr gute Anlagen. Was ihr fehlt, ist das reaktive, dynamische Element. Zwei Jahre lang coachte ich Julia Mancuso zum Olympiasieg, die ähnliche Anlagen mitbrachte. Maria ist jedoch ein Ausdauer-Typ, wies gute Werte vor, als sie zu mir kam. Wir setzten daher bei der Schnellkraft an und integrierten Elemente wie Hürdensprünge, da musste sie sich anfangs richtig überwinden. Bewusst vernachlässigten wir das klassische Maximalkraft-Training, bauten auf koordinatives Krafttraining. Großgewachsene Sportlerinnen wie Maria müssen lernen, ihr Gewicht zu stabilisieren. Da quälte sie sich teilweise auf dem Gleichgewichtskissen - die körperliche Entwicklung ist sehr erfreulich.

SPOX: Inwiefern können Sie während der Saison aus der Ferne einwirken?

Bergmüller: Wir standen und stehen täglich in Kontakt. Sie kriegt ihr Programm und wir besprechen die Schwerpunkte. Ich gebe laufend Messungen vor, die von Christian Schwaiger akribisch und ganz exzellent durchgeführt werden. Mit den Werten kann ich reagieren. Ich analysiere alle Trainings und Rennen und tausche mich mit ihm regelmäßig aus.

SPOX: Ähneln sich die Trainingsinhalte zwischen Höfl-Riesch und Maier?

Bergmüller: Sehr, wobei ich das nicht alleine auf Maria und Hermann beziehe. Mittlerweile richtet sich alles nach der Basis vom körperlichen Ausgangsniveau. Wenn eine Person sehr lange in dem Prozess steckt wie Maria, die den Winter fast durchfährt, ist der Körper unter Umständen ziemlich ausgelaugt. Zahlreiche Rennen, dazu diese psychische Belastung - das ist unheimlich kräftezehrend. Als sie Ende April zu mir kam, war sie leer. Nach einer kurzen Auszeit von zwei Wochen startete sie mit dem Training.

SPOX: Höfl-Riesch wirkt penibel und akribisch: Welche Charakteristika zeichnen Sie aus?

Bergmüller: Genau, sie ist peinlichst genau und sehr konsequent in jede Richtung. Eigentlich ist sie beinahe bürokratisch, da sie alles aufzeichnet. Sie kann Anweisungen perfekt umsetzen und genaue Rückmeldungen geben. Das habe ich bei keiner Dame erlebt. Hermann war ähnlich. Ihn trieb der Wille an, immer besser zu werden - das hatte er Maria womöglich voraus.

SPOX: Olympiasiegerin, Weltmeisterin und Gesamtweltcup-Siegerin - fehlt ihr trotzdem der letzte Biss?

Bergmüller: Nein, bestimmt nicht! Sie ist sehr lange im Zirkus dabei, das Risiko ist ein ständiger Wegbegleiter. Womöglich reizt man es deshalb nicht immer aus. Mitunter hängt das von der Bedeutung eines Rennens ab - ob Weltcup, Weltmeisterschaft oder Olympische Spiele. Generell ist sie eine Läuferin, die Sicherheit und eine gewisse Anlaufzeit braucht.

SPOX: Denkt Sie manchmal zu viel nach?

Bergmüller: Zwischen Frauen und Männern herrscht eine grundverschiedene Auffassung, was die Risikobereitschaft betrifft. Da kann man Maria nicht mit Hermann vergleichen - schon wegen der Historie nicht. Er hat jahrelang darum gekämpft Rennläufer werden zu dürfen und das wurde ihm verweigert. Ihm wurde keine Unterstützung des ÖSV zuteil, er musste verbissen für seine Chance rackern. Die Konsequenz: Auf der Piste war Hermann gnadenlos.

Seite 1: Der Vergleich Maier vs. Riesch und das Ergometer im alpinen Skisport

Seite 2: Trainingsweltmeister, Maiers Horrorunfall und Höfl-Riesch in neuen Sphären

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