Andrea Henkel im Interview

"Für die bleibt Sotschi gefährlich"

Dienstag, 26.11.2013 | 13:17 Uhr
Andrea Henkel (l., mit Miriam Gössner) wird in Sotschi ihre vierten Olympischen Spiele erleben
© getty
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Andrea Henkel startet in Östersund ihre Abschiedstournee (15 km der Damen, Mittwoch, 17.15 Uhr, im LIVE-TICKER). In Sotschi wird die 35-Jährige ihre vierten Olympischen Spiele erleben. Auch vor ihrer 16. Weltcup-Saison hat sie im Sommer getüftelt, wie sie noch einmal zulegen kann. Die Doppel-Olympiasiegerin über beneidenswerte Unbekümmertheit am Schießstand, flache Hierarchien und "krasse Herausforderungen" in Sotschi. Dazu verrät Henkel, warum ihr das "Tschüss"-Sagen leicht fallen wird.

SPOX: Ihr Saisonauftakt in der Mixed-Staffel lief zweigeteilt: am Schießstand durchwachsen, in der Loipe sehr gut. Wie geht es Ihnen?

Andrea Henkel: Ich bin fit, alles im grünen Bereich. Am Berg ging es wirklich gut.

SPOX: Wie lief die lange Vorbereitung?

Henkel: Ich war nur einmal angeschlagen, konnte nicht mehr richtig laufen. Es ging aber schnell wieder. Ich habe einfach meine reduzierte Trainingswoche verschoben, dadurch hatte ich keinen Ausfall. Die Umfänge und die Intensität müssten also passen.

SPOX: Biathleten tüfteln gern: Was haben Sie in diesem Sommer verändert?

Henkel: Ich habe an meinen Schießzeiten gefeilt.

SPOX: Was ist neu?

Henkel: Na, ich hoffe, sie sind schneller. (lacht) Im Training kann ich es gut umsetzen, mal sehen, wie es in den nächsten Wettkämpfen klappt.

SPOX: Als Sie 1998 einen festen Platz im Weltcup bekamen, glänzten Sie mit einer Trefferquote von durchschnittlich mehr als 86,5 Prozent, obwohl Sie einen sehr schnellen Rhythmus schossen.

Henkel: Wenn man jung ist und noch keine großen Erwartungen hat, schießt man einfach anders. Das musste ich mir irgendwann eingestehen. Ich denke nicht, dass ich wieder ganz dorthin zurückkomme, wo ich einmal war. Wenn ich das annähernd hinbekomme, wäre ich schon sehr zufrieden.

SPOX: Wie haben Sie sich diesmal die Trainingszeiten zwischen den USA, der Heimat ihres Freundes Tim Burke, und Deutschland aufgeteilt?

Henkel: Ich habe bis auf eine Woche alle Lehrgänge mit der deutschen Mannschaft absolviert. Dazwischen war ich viel in den USA und habe das amerikanische Trainingslager in Europa mitgemacht. Deshalb war ich sehr wenig zuhause...

SPOX: ...wie im Winter eigentlich auch...

Henkel: Ja, ähnlich. Aber ich konnte ordentlich trainieren und hatte Spaß dabei, das war das Wichtigste.

SPOX: Den Testwettkampf in Sjusjoen gegen die halbe Weltelite haben Sie gewonnen. Die Trainingsplanung scheint funktioniert zu haben.

Henkel: Das sehen wir dann im Februar. (lacht)

SPOX: Dann bestreiten Sie in Sotschi ihre vierten Olympischen Spiele. Wahnsinn! Wie gehen Sie diesen Meilenstein an?

Henkel: Das ist schon etwas Besonderes, das gilt aber eigentlich für alle Olympischen Spiele. Und es ist immer wieder anders. Wir hatten keine schönen Spiele in Turin. In Vancouver hingegen durften wir erstmals ins Olympische Dorf, sonst war die Anlage immer zu weit weg. In Kanada war die Stimmung ganz besonders, irgendwie anders angenehm, und alles ein bisschen größer. Jede Spiele hatten ihren Reiz.

SPOX: Für Sie muss es bisher in Salt Lake City am schönsten gewesen sein, wo sie Doppel-Olympiasiegerin wurden.

Henkel: Das stimmt.

SPOX: Und nun Sotschi. Ist es beim vierten Mal einfacher, bei Olympia erfolgreich zu sein? Sie können doch bestimmt tolle Tipps verteilen.

Henkel: Die jüngeren Athleten haben es vielleicht sogar leichter als ich. Sie fahren zu ihren ersten Spielen, für Miri sind es die zweiten. Sie wissen, wenn es jetzt nicht klappt, dann vielleicht bei den nächsten. Ich weiß nicht, ob ich da eine große Hilfe bin, wenn ich denen jetzt sage, 'das ist Eure große Chance, danach bekommt ihr erst einmal keine mehr'.

SPOX: Der Test-Weltcup in Sotschi im März war für Sie im Einzel die perfekte Generalprobe, sie wurden Vierte. Aber was war im Sprint los?

Henkel: Da hatte ich keine Chance. Ich war in der ersten Startgruppe, davor hatte es einen Schneesturm mit viel Nebel gegeben. Keiner war über die Strecke gegangen. Also machten wir 30 den Schneepflug. Für die hinteren Startplätze ging die Strecke dann schön auf. Ärgerlich.

SPOX: Dann kann man nach dem starken Einzelrennen festhalten, Ihnen liegt das Olympische Streckenprofil?

Henkel: Das musste noch einmal ein wenig verändert werden, weil doch sehr gefährliche Kurven in den Abfahrten dabei waren, ziemlich krasse Herausforderungen. Für jemanden, der sagt, ich starte dieses Jahr mal für mein Land bei Olympia, kann aber noch gar keine Ski laufen, für den wäre das richtig gefährlich. Für die bleibt es auch gefährlich, aber sie sollten diejenigen, die um Medaillen kämpfen, eben nicht behindern.

SPOX: Wie haben Sie den Unfall von Miriam Gössner und die Zeit danach erlebt?

Henkel: Ich war immer auf dem neuesten Stand. Auf dem Weg nach Toblach, zu unserem ersten Lehrgang, habe ich sie in der Reha-Klinik besucht. Da machte sie einen guten Eindruck. Obwohl sie noch nicht viel machen konnte, war sie guter Dinge. Ich denke, es war ganz wichtig für sie, dass sie dieses Ziel hatte, zu den Spielen zu fahren. Sich entsprechend zu motivieren. Aber natürlich ist es auch schwer, die Geduld zu haben. Das wäre für mich die härteste Probe.

BLOG Laura Dahlmeier & Franziska Preuß - Zwei Küken für Deutschland

SPOX: Mit Laura Dahlmeier, 20, die sich letztes Jahr im Weltcup schon beweisen konnte, und Franziska Preuß, 19, die eine tolle DM abgeliefert hat, hat das deutsche Team wieder zwei junge Athletinnen an Bord. Was erwarten Sie von den Küken?

Henkel: Beide sind natürlich noch unbekümmert. Sie haben auf jeden Fall das Potenzial, an bestimmten Tagen die beste Deutsche zu sein. Beide können den deutschen Biathlon-Fans viel Freude machen.

SPOX: Wie profitieren Sie in der Mannschaft voneinander?

Henkel: Wir müssen schon gegeneinander kämpfen, um die Beste zu sein. Das ist eine gute Voraussetzung fürs Training. Und Hierarchien hatten wir noch nie so wirklich, das hört sich immer so hart an. Wer am schnellsten läuft und am besten schießt ist eben an diesem Tag vorn. Wir machen aber im Training nicht jeden Tag einen Wettkampf, um herauszukriegen, wer wo steht.

SPOX: Wie würden Sie Ihre persönlichen Ziele für diesen Winter formulieren?

Henkel: Ich möchte natürlich eine schöne letzte Saison hinlegen und am Ende zufrieden abdanken. (lacht) Am besten mit Medaillen bei den Olympischen Spielen. In der Staffel sollten wir sowieso um Edelmetall kämpfen. Und dann noch eine Einzelmedaille. Das wäre so das grobe Ziel.

SPOX: Wird es Ihnen schwer fallen, Abschied zu nehmen?

Henkel: Das glaube ich nicht, momentan jedenfalls. Ich möchte alles genießen und mich darauf freuen. Jetzt war ich so lange dabei. Ich denke, ich bin bereit, dass es dann auch vorbei ist.

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