Snowboarder Elias Elhardt im Interview

"Die Lawine kam genau auf mich zu"

Von Interview: Bastian Strobl
Samstag, 06.04.2013 | 12:52 Uhr
Elias Elhardt auf einer seiner vielen Reisen, die ihn um die ganze Welt führen
© Elias Elhardt
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30 bis 40 verschiedene Hotelzimmer in einem Jahr. Trips nach Kanada, Argentinien und Neuseeland. Snowboarder Elias Elhardt lebt seinen Traum. Im Interview mit SPOX spricht der 24-Jährige über Idealismus, Shaun White und eine prägende Nahtoderfahrung.

SPOX: Elias, in einem Jahr finden die nächsten Olympischen Winterspiele in Sotschi statt. Viele Sportler träumen davon, einmal bei einem solchen Event dabei zu sein. Sie haben dagegen andere Pläne.

Elias Elhardt: Ich kann sehr gut nachvollziehen, warum Olympia auf viele Sportler eine so große Anziehungskraft hat. Man steht im Fokus der Weltöffentlichkeit, duelliert sich mit den Besten der Besten und saugt die Atmosphäre auf. Aber das ist nicht meine Welt. Ich habe für mich eine andere Definition von Snowboarden gefunden, ohne irgendwelche Vorschriften oder Regeln.

SPOX: Können Sie das näher erläutern?

Elhardt: In der Snowboard-Welt gibt es zwei Richtungen, die man einschlagen kann. Entweder konzentriert man sich auf die Wettkämpfe, dann ist Olympia sicherlich ein reizvolles Ziel. Aber mich zieht es eher ins Gelände. Es gibt nichts Schöneres, als mit einer Filmcrew einen unberührten Hang vor sich zu haben und eigene Entscheidungen treffen zu dürfen.

SPOX: Was macht Ihre Art des Snowboardens aus?

Elhardt: Es ist viel mehr als Anfahren, Trick und dann Landen. Ich würde es vielleicht mit einem Tanz vergleichen. Man versucht, verschiedene Bewegungen im Einklang mit der Musik bzw. mit dem Berg zu vollführen und spürt dabei ein Gefühl der Freiheit.

SPOX: Dabei haben Sie in der Vergangenheit durchaus an klassischen Wettkämpfen teilgenommen.

Elhardt: Das ist richtig. Ich habe 2005 die Junioren-Weltmeisterschaft gewonnen und war auch danach noch erfolgreich. Aber mich haben Filmaufnahmen immer mehr fasziniert. Ich habe eine Zeit lang versucht, beides zu kombinieren. Aber das ging zeitlich nur schwer, außerdem konnte ich mich nie richtig auf eine Sache konzentrieren. Man verzettelt sich dann sehr schnell. Deswegen lege ich den Fokus jetzt darauf, Filme zu drehen. Diese Entwicklung ist nicht unüblich für Snowboarder. Man macht sich zuerst bei den ganzen Contests einen Namen, um später eine gewisse Art der Freiheit und Selbstständigkeit zu genießen.

SPOX: Liegt Ihre Entscheidung auch an der schwierigen Zusammenarbeit mit der FIS, die mit eiserner Hand regiert?

Elhardt: Ich würde nicht sagen, dass die FIS meine Entscheidung großartig beeinflusst hat. Aber es stimmt, dass darin allgemein ein großes Problem liegt. Es ist eigentlich unverständlich, warum die FIS die Olympia-Qualifikationen veranstaltet, obwohl die World Snowboard Tour eine viel größere Akzeptanz in der Szene besitzt. Die Fahrer müssen also den Verband wechseln, nur um nach Sotschi zu dürfen. Das beweist, dass die FIS Snowboarder immer noch ein wenig stiefmütterlich behandelt. Damit ist sie aber nicht alleine, wenn man die staatliche Förderung im Vergleich zu den Skifahrern sieht.

SPOX: Solche Probleme hat Shaun White nicht. Der größte Star der Szene geht in der Playboy-Villa ein und aus und ist mit vielen jungen Hollywood-Größen befreundet. Können Sie sich mit ihm noch identifizieren?

Elhardt: Er hat nun mal seinen Weg gewählt, der Erfolg gibt ihm Recht. Er hat eine andere Perspektive auf das Snowboarden an sich. Aber diese Vielfältigkeit macht unseren Sport auch aus. Auf der einen Seite die Jungs in der Halfpipe, die unfassbare Tricks zeigen, und auf der anderen Seite die Filmproduktionen. Außerdem muss ich betonen, dass es beeindruckend ist, was White auf dem Board anstellt. Er ist ganz klar der beste Fahrer in der Halfpipe.

SPOX: Auch deswegen hat White immer wieder mit Neid und Missgunst zu kämpfen. Verliert die Snowboard-Szene also langsam das Image einer großen Familie?

Elhardt: Dem muss ich widersprechen, sowohl bei Contestes als auch bei Filmdrehs. Die Atmosphäre ist immer noch locker, jeder hat ein offenes Ohr für den anderen. Das ist ein ganz besonderer Idealismus, der zum Glück größtenteils noch nicht verloren gegangen ist. Die Herangehensweise ist bei anderen Sportarten sicherlich anders, da ist alles viel verbissener. Bei Olympia sieht die Geschichte vielleicht anders aus, aber ich habe selbst beim Finale vom Air & Style in Peking diesen Zusammenhalt gespürt. Ich bin mit den anderen Fahrern im selben Lift die Schanze hochgefahren, und unser Motto war: Lasst uns die Show rocken und danach feiern gehen.

SPOX: Apropos feiern gehen: Ihr Leben ähnelt einer kleinen Weltreise. China, Japan, Neuseeland, Kanada, Argentinien - das klingt nach einem Rockstar-Leben.

Elhardt: Na ja, es ist auf keinen Fall so glamourös (schmunzelt). Aber das muss es auch nicht sein. Ich liebe es, unterwegs zu sein und neue Länder zu erkunden. Natürlich es ist auch anstrengend und hat mit einem normalen Leben nicht mehr so viel zu tun. Man muss einige Entbehrungen in Kauf nehmen, es gibt kaum Konstanten wie ein richtiges Zuhause oder dergleichen. Aber man gewöhnt sich daran, auch an die 30 bis 40 verschiedenen Hotelzimmer im Jahr (lacht).

SPOX: Ist Snowboarden für Sie also doch harte Arbeit?

Elhardt: Ich versuche, es nie zu einer harten Arbeit verkommen zu lassen. Das ist mir sehr wichtig. Natürlich ist es schön, damit Geld zu verdienen oder Anerkennung zu bekommen. Aber mir geht es vor allem darum, meine Leidenschaft auszuleben. Dafür opfere ich vieles, aber ich bin immer mit Leib und Seele dabei. Anders würde es auch nicht gehen. Die Kreativität auf dem Board lebt von der eigenen Begeisterung. Wenn die nachlässt, lassen auch meine Fähigkeiten nach und meine Drehtage gehen in die Hose.

SPOX: Sie haben ihre Filmprojekte angesprochen. Wie läuft so ein Dreh ab?

Elhardt: In den letzten Jahrzehnten haben sich solche Projekte immens professionalisiert. Es wird viel Arbeit und Zeit in die Planung gesteckt. Wo fahren wir? Welchen Hang nehmen wir uns vor? Wie viele Schanzen bauen wir? Da steckt viel dahinter.

SPOX: Gibt es auch eine Art Drehbuch?

Elhardt: Nein, kein richtiges Drehbuch. Zum Glück wird immer noch oft auf das Gespür der Fahrer vertraut, die mitbestimmen dürfen.

SPOX: Das kann aber auch schief gehen. Verletzungen gehören bei Ihnen fast zum Alltag.

Elhardt: Es ist ein schmaler Grat, auf dem wir uns bewegen. Erst im letzten Dezember habe ich mir am Arlberg den Arm gebrochen. Allerdings hatte ich danach im Krankenhaus eine nette Begegnung mit einem Touristen, dessen Arm kreuz und quer vom Körper weg stand. Er hat das aber total locker genommen und sogar noch mit dem Arzt geschmerzt. Diese Sichtweise hat mich fasziniert. Es kommt, wie es kommt.

SPOX: Ein Armbruch ist für Sie vielleicht noch eine Lappalie. Gab es allerdings auch Momente, in denen Sie um Ihr Leben fürchten mussten?

Elhardt: Einmal war es ziemlich eng. Ich war mit einigen Einheimischen in Argentinien unterwegs und hatte von Anfang an kein gutes Gefühl bei der Sache. Der Berg war sehr groß und relativ uneinsehbar. Auf einmal höre ich ein Geräusch, blicke mich um und sehe, wie eine Lawine genau auf mich zukommt. Das war wie in Zeitlupe, die Welt schien stillzustehen. Wir sind sofort losgerannt und hatten riesiges Glück, die Schneemassen haben uns nur um ein paar Meter verfehlt. Zufälligerweise haben uns vom Gegenhang ein paar Leute gefilmt. Die Aufnahmen waren schon erschreckend.

SPOX: Welche Gedanken sind Ihnen damals durch den Kopf gegangen?

Elhardt: Es war alles surreal, wie in einem Traum. Ich habe in diesem Augenblick gehofft, dass ich einfach aufwache. Aber diesen erlösenden Moment gab es nicht. Dieses Erlebnis hat mich zum Nachdenken gebracht. Man muss aufpassen, dass man es nicht übertreibt. Das ist auch eine Kunst, die man mit der Zeit lernen muss.

SPOX: Danach dürften Sie erst mal keine Lust mehr auf Snowboarden gehabt haben.

Elhardt: Nicht unbedingt, dafür liebe ich es einfach viel zu sehr. Aber es gibt sicherlich Momente, in denen ich das Board auch mal länger in die Ecke stelle. Irgendwann ist die Luft raus. Das ist aber auch gar nicht schlimm. Erst dann lernt man das Snowboarden auch wieder richtig schätzen.

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