Totgesagte leben länger

Von Sebastian Schramm
Donnerstag, 17.11.2011 | 10:17 Uhr
Tobias Angerer will wieder zurück in die absolute Weltspitze
© Getty
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Nach einem Winter voller Höhen und Tiefen will Routinier Tobias Angerer wieder voll angreifen. Dabei ist er im Sommer einen völlig neuen Weg gegangen und aus dem "Vorbereitungsgefängnis" ausgebrochen. Immer an seiner Seite: Jugendtrainer Karl Zellner sowie die alten Weggefährten Axel Teichmann und Jens Filbrich. Das Ziel: Die Tour de Ski.

Neuanfänge können oftmals Wunder bewirken. Man verändert starre, im Kopf manifestierte Gepflogenheiten, um neue Reize zu setzen, eine neue Motivation zu erreichen.

Tobias Angerer hatte das Gefühl, aus seinem seit 15 Jahren immer gleichen "Vorbereitungsgefängnis" ausbrechen zu müssen: "Früher hatte ich einen Trainingsplan, der einfach umgesetzt werden musste. Zum Schluss war es für mich immer dasselbe. Die gleichen Trainingsleute, einfach alles war gleich. Manchmal brauchst du neue Sichtweisen, um wieder agieren zu können."

Rückschläge und Rückkehr

Für Angerer war das mehr als nötig. Die letzten Jahre hatten ihre Spuren hinterlassen, allen voran die Saison 2010/11. Die WM in Oslo im Blick und mit guten Vorsätzen in die Saison gestartet, fand er sich im Dezember an den Stränden Portugals wieder, während seine Teamkollegen ihre Ski in den Schnee stampften.

Eine Erkältung und eine ungewohnt schwache Form zwangen ihn zu einer Pause. "Er soll den Kopf frei bekommen und sich auf andere Dinge konzentrieren", ließ Bundestrainer Jochen Behle zum Jahresende 2010 verlauten. Umso beeindruckender war es, dass sich Angerer im Laufe der Saison eindrucksvoll zurückgemeldet und bei der WM in Oslo die Staffel zur Bronze-Medaille geführt hat.

Eine Leistung, die in einer so auf Ausdauer basierenden Sportart kaum höher anzurechen ist. Das honorierte auch der Deutsche Ski-Verband (DSV) und zeichnete Angerer mit dem "Goldenen Ski" aus.

"Totgesagte leben länger", hieß es dort in einer Laudatio auf der verbandseigenen Homepage. DSV-Präsident Alfons Hörmann zollte ihm den größten Respekt. Dass er allen voran die menschliche Größe neben seinen sportlichen Leistungen hervorhob, unterstrich einmal mehr Angerers Stellenwert.

Mit Teichmann und Filbrich

Doch trotz des Lobes und der bei der WM ergatterten Medaille blieb das Empfinden, im Sommer nicht mehr so zu trainieren, wie er es für richtig hält. Irgendetwas suggerierte ihm, dass "sich etwas ändern musste." Gesagt, getan. Er stellte einen Plan auf, der ihn abseits des DSV in Form bringen sollte.

Die Verbands-Spitze höchstselbst segnete den neuen Weg ab. Gemeinsam mit seinen Weggefährten Axel Teichmann und Jens Filbrich absolvierte er Unmengen an Trainingskilometern. Mehr als einen Physiotherapeuten, der gleichzeitig auch ihr Videoanalytiker war, brauchten sie nicht.

Dass die drei erfahrenen Läufer ihre komplette Vorbereitung individueller als der Rest der Mannschaft gestalten können, zeugt vor allem von Vertrauen. Die Verantwortlichen werden nicht müde zu betonen, wie viel die drei für den Sport geleistet haben.

Angerer selbst freut sich über die Wertschätzung, vor allem aber über seine neuen Trainingsmöglichkeiten: "Lauftraining oben auf dem Gletscher im Schnalstal auf über 3000 Meter und nachmittags auf 2000 Meter Crosslauf und Skirollertraining. Höhe pur und ein komplett neuer Reiz. Wir sind auf einem guten Weg. Alle drei haben festgestellt, dass die Motivation viel größer ist, als zum Beispiel noch im letzten Jahr."

Karl Zellner - ein Glücksfall

Und auch sein alter Jugendtrainer Karl Zellner stand ihm während der Vorbereitung mit Rat und Tat zur Seite.

Für Angerer ein absoluter Glücksfall: "Der Karl ist wie ein väterlicher Freund für mich. Er war mein Jugendtrainer. Wir kennen uns nun schon seit 25 Jahren. Er ist eine unglaubliche Persönlichkeit. Auch wenn er nicht immer mein Trainer war, wir haben immer in Kontakt gestanden, telefoniert. Wenn ich nicht weiter wusste, habe ich mir bei ihm Rat geholt. Es ist dadurch einfach eine enge Bindung entstanden. Ich bin so froh, dass er das noch alles mit mir macht. Wir trainieren sehr individuell Wenn ich halt nicht mehr kann, dann fahren wir mit der Intensität runter."

Saisonziel: Tour de Ski

Trotz des neuen Trainigsplans und schwankender Intensität während des Sommers weiß Angerer, dass der Reiz und die Motivation sehr früh, sehr hoch sein müssen. Bereits zum Jahreswechsel kommt es zum Höhepunkt der gesamten Saison: der Tour de Ski.

Und ähnlich wie bei der Tour de France, verzeiht der Ritt durch die Alpen kaum einen Fehler. Krankheiten, das falsche Wachs oder einfach nur schlechtes Wetter: Alles kann den Läufern einen Strich durch die Rechnung machen.

"Es ist eine schöne Herausforderung. Ich denke vor allem gerne an meinen Sieg zurück. In den letzten Jahren hatte ich zwar ein bisschen Pech oder ich musste es im TV schauen und das geht gar nicht!"

Neue Motivation

Vor allem bei der Tour de Ski werden viele mit Argusaugen die "Außenseiter" beobachten. Nur zu gut kennt Angerer das Geschäft und weiß, was auf ihn zu kommt, wenn es nicht funktioniert.

Angst hat er dennoch nicht: "Es ist eine Motivation, einen anderen Weg zu gehen. Natürlich werden wir genauer beobachtet. Wir müssen unsere Leistung abrufen, aber wie man dahin kommt, ist egal. Wir haben das Potenzial wieder in die absolute Weltspitze zu kommen."

Die Rückkehr in die absolute Weltspitze - der Neuanfang hätte sich definitiv gelohnt.

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