Wintersport

"Ich habe mich oft getrieben gefühlt"

Von Interview: Alexander Mey
Magdalena Neuner bereitet sich auf die Biathlon-Weltmeisterschaft in Russland vor
© Getty

Magdalena Neuner hat sich stark verändert. Vor der Biathlon-WM in Russland erklärt sie bei SPOX die neue, "nicht total biedere" Lena und spricht außerdem über denn Spagat zwischen Geschäftsfrau und heiler Welt sowie ihre Bewunderung für Maria Riesch.

 SPOX: Ich erinnere mich an ein Gespräch zwischen uns vor genau zwei Jahren. Auch vor der anstehenden WM. Seitdem ist viel passiert. Wie haben Sie sich verändert?

Magdalena Neuner: Ich glaube, ich habe mich ziemlich stark verändert. Vor allem sportlich, aber auch persönlich. Ich habe viel gelernt in der Zeit.

SPOX: Was denn?

Neuner: Ich mache mir nicht mehr so viel Stress wie damals. Ich weiß noch, wie nervös ich vor zwei Jahren vor der WM war. Das ist diesmal ganz anders. Ich freue mich drauf, ich bin total entspannt. Ich merke: Ich bin gereift. Ich gehe alles mit einer ganz anderen Professionalität an. Das bedeutet für die WM, dass ich weiß, was ich kann und total fit bin. Ein paar Medaillen wären also schon schön.

SPOX: Von diesem Selbstverständnis war nach Ihren Olympiasiegen 2010 noch keine Spur. Sie wirkten sehr deprimiert.

Neuner: Das lag daran, dass ich in dem Jahr davor alles für Olympia getan habe. Ich habe extrem viel trainiert und darüber hinaus noch andere Sachen getan, nur um auf jeden Fall dieses Ziel einer Olympia-Medaille zu erreichen. Als das dann geschafft war, ist so eine große Last von mir gefallen, dass ich erst einmal nur noch leben und Abstand vom Sport haben wollte. Ich muss aber sagen, dass sich das nach einigen Wochen wieder eingerenkt hat. Ich habe den Spaß am Sport wiedergefunden.

SPOX: Ihre Aussagen direkt nach Olympia klangen aber durchaus dramatisch. Da war sogar mal kurz vom Karriereende die Rede.

Neuner: Das war natürlich eine extreme Situation, als erfolgreichste deutsche Sportlerin zurückzukommen. Es gab Momente, in denen ich gedacht habe, ich wandere aus. Zum Beispiel bei der Ankunft am Flughafen. Ich wollte einfach nur zu meiner Familie und zu meinem Freund, aber ich hatte keine Chance. Die Fotografen haben mich nicht zu ihnen durch gelassen, obwohl ich sie seit vier Wochen nicht mehr gesehen hatte. Da habe ich mich schon gefragt: Ist es das wirklich wert? Direkt danach war ich ausgebrannt, aber es hat sich im Laufe der Wochen und Monate alles wieder normalisiert.

SPOX: Aus der Zeit nach Olympia stammen auch Aussagen von Ihnen, dass Sie nur noch drei oder vier Jahre lang Biathlon weitermachen wollen. Hat sich Ihre Einstellung dazu auch geändert?

Neuner: Ich weiß es nicht. Ich genieße den Moment und mache den Sport, solange er mir Spaß macht. Das kann noch zwei, vier oder sechs Jahre der Fall sein. Für die Zeit danach habe ich noch keine konkreten Pläne. Die hängen schließlich gerade bei mir als Frau stark davon ab, wie alt ich dann bin. Es ist ein Unterschied, ob ich mit 25, 30 oder 35 Jahren aufhöre.

SPOX: Es fällt auf, dass es viele Ihrer Ex-Kolleginnen wie Uschi Disl oder Kati Wilhelm zum Fernsehen zieht. Und Sie? Öffentlichkeit oder doch lieber kompletter Rückzug?

Neuner: Ich kann mir eher einen Rückzug vorstellen. Ich glaube, ich bin ein Typ, der nach der Karriere einen drastischen Schnitt in seinem Leben macht und etwas völlig Neues anfängt. Ich freue mich schon jetzt darauf, einfach mal wieder zu Hause zu sein.

SPOX: Es könnte bei Ihrer Bekanntheit schwierig werden, diese Ruhe in Deutschland zu finden.

Neuner: Ich kann mir aber nicht vorstellen wegzugehen. Ich habe den Plan, in Wallgau zu bleiben. Dort haben die Leute mittlerweile akzeptiert, dass ich zu Hause mein Privatleben haben möchte. Die Einheimischen gehen wirklich super damit um und auch bei den Touristen funktioniert es mittlerweile ganz gut.

SPOX: Noch sind Sie mittendrin im Sport und trotzdem hat man den Eindruck, dass Sie sich seit Olympia noch stärker aus der Öffentlichkeit zurückgezogen haben. Stimmt das?

Neuner: Das hatte nicht nur etwas mit Olympia zu tun. Ich habe grundsätzlich entschieden, mich mehr zurückzunehmen. Ich habe in den letzten drei, vier Jahren viel gemacht. Entsprechend anstrengend waren diese Jahre auch. Dabei bin ich das eigentlich gar nicht. Ich bin kein Mensch, der gerne jedem Rede und Antwort und in der Öffentlichkeit steht. Ich mache gerne mein Training und meine Sponsorentermine, viel mehr muss ich aber nicht haben. Doch das war mir vor Olympia schon klar.

SPOX: Das klingt irgendwie ganz danach, als würden Sie in Ihrer perfekten Welt irgendwo Biathlon betreiben wollen, wo Sie niemand sieht.

Neuner: (lacht) Ja, wahrscheinlich.

SPOX: In diesem Punkt unterscheiden Sie sich deutlich von einer anderen erfolgreichen deutschen Wintersportlerin: Maria Riesch. Sie inszeniert sich bewusst als Marke und sucht die Öffentlichkeit.

Neuner: Damit kann ich gar nichts anfangen. Sie kann das aber gerne so machen. In gewisser Weise bewundere ich sie sogar dafür, dass sie stark genug ist, um das alles zu schaffen. Schauen Sie sich nur die WM in Garmisch an. Sie war krank und hat trotzdem so viele Termine wahrgenommen. Ich hätte das nicht durchgestanden, weil ich für so etwas wahrscheinlich zu sensibel bin. Ich denke aber, dass auch mein Weg okay ist. Die Leute mögen mich trotzdem gerne.

SPOX: Machen Sie wirklich nie etwas mit PR-Hintergedanken? Nach dem Motto: Es wäre für mein Image gut, wenn ich mich da und da sehen lassen würde.

Neuner: Ich bin auch Geschäftsfrau und muss mein Geld verdienen. Das kann ich nur, wenn ich mich vermarkte. Aber ich bin kein materialistischer Mensch. Ich verzichte lieber einmal auf etwas, bevor ich mir was weiß ich was antue. Ich kann ganz gut abwägen, was gut für mich ist und was nicht.

SPOX: Hängt mit dieser Einstellung auch der Wechsel Ihres Managements im vergangenen Jahr zusammen?

Neuner: Das war in der Tat der Grund. Jörg Heger kennt mich schon seit vielen Jahren und weiß, dass ich nicht nur auf Geld aus bin. Und unser Pressesprecher Stefan Schwarzbach koordiniert jetzt alle meine Termine und regelt vieles im Hintergrund. Die Partnerschaft ist sehr schön, weil sie Rücksicht auf meine Bedürfnisse nehmen und wirklich vorsichtig anfragen, wenn es um irgendwelche Verpflichtungen geht. Sie sagen zwar schon bei manchen Dingen, dass es gut wäre, wenn ich das machen würde. Sie akzeptieren aber auch, wenn ich mal nein sage.

SPOX: Und das war beim vorherigen Management anders?

Neuner: Ich darf darüber nicht reden, aber in der Zeit habe ich mich oft getrieben gefühlt.

SPOX: Schon unter dem neuen Management haben Sie für eine Dessous-Kampagne posiert, "um aus einer Schublade" herauszukommen, wie Sie vor der Saison im SPOX-Interview gesagt haben. Welcher PR-Gedanke steckte dahinter?

Neuner: Ich mache mir natürlich schon Gedanken über meine Außendarstellung. Und es hat mich ein bisschen geärgert, dass ich nur noch die kleine süße Lena mit dem Dirndl war, die auf der Couch sitzt und strickt. Das sind natürlich Seiten von mir, aber ich wollte zeigen, dass ich auch eine junge Frau bin, die nicht total bieder ist.

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