Lara Gut im Interview

"Ich fahre nicht mit Kopf, das ist Instinkt"

Von Interview: Liane Killmann
Freitag, 04.02.2011 | 18:15 Uhr
Das Lächeln ist zurück: Lara Gut gewinnt nach schwerer Hüftverletzung den Super-G in Zauchensee
© Getty
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Lara Gut ist jung, attraktiv, irre schnell - und lacht eigentlich ständig. SPOX sprach vor der Alpinen Ski-WM in Garmisch-Partenkirchen mit der 19-jährigen Schweizerin über ihre schwere Hüftverletzung, den langwierigen Weg zurück auf die Piste und die Rückkehr des Skigefühls. Außerdem verrät Gut, was sie tat, als andere Olympia-Gold holten, und sie schwärmt vom enormen Talent ihres Bruders.

SPOX: Wo erwischen wir Sie denn gerade?

Lara Gut: Ich bin ausnahmsweise mal kurz zu Hause, das kommt wirklich selten vor. Aber irgendwann muss ich ja mal Wäsche waschen und packen, so ab und zu. In zwei Stunden geht es auch schon wieder weiter.

SPOX: Jetzt sind Sie wieder mittendrin im Weltcup-Zirkus. Aber wie ging es Ihnen im Herbst, als Sie nach einem Jahr Pause und schwerer Hüftverletzung zurückkehrten.

Gut: Sehr gut, die Hüfte hat gehalten. Als ich zurückkam, war ich schon zehn Monate schmerzfrei. Ich merke nach wie vor, wenn das Wetter wechselt, wenn zu Hause der Nordwind kommt. Aber das stört mich nicht. Immerhin weiß ich jetzt, ob das Wetter am nächsten Tag schön oder schlecht ist (lacht).

SPOX: Funktioniert alles wie vor der Verletzung?

Gut: Ich konnte schon in Sölden alles wieder so machen wie vorher. Im Kraftraum, Skifahren, ob es eisig war oder Schläge gab. Ich spürte überhaupt nichts, hatte keine Mühe und das war das Wichtigste beim Comeback.

SPOX: Wenn jemand erwartet hatte, dass Sie es langsam angehen lassen würden, hatte er sich geschnitten: Sie fuhren gleich wieder alle Disziplinen. Es langsam angehen zu lassen, ist nicht so Ihr Ding, oder?

Gut: Es gab ja keinen Grund dazu. Ich hatte eine normale Vorbereitung und konnte wirklich wieder alles machen.

SPOX: Trotzdem gab es Rückschläge. Und die Schweizer Öffentlichkeit hatte nicht sehr viel Geduld bei Ihrem Comeback. Haben Sie sich Sorgen gemacht, als es im Oktober mit den Plätzen 25, 28 und 26 in den Speedrennen und zwei Ausfällen im Slalom losging?

Gut: Nein. Obwohl es mein erstes Comeback war. Und hoffentlich auch das letzte. Wir hatten gut trainiert und ich habe kleine Fortschritte gemacht. Da wusste ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

SPOX: Was fehlte Ihnen zu dieser Zeit, um wieder vorn dabei zu sein. War es der Kopf?

Gut: Nein, ich fahre nicht mit Kopf. Den brauche ich nicht, um Rennen zu fahren. Es ist einfach Instinkt. Alles Gefühl. Mit fehlte es zum Saisonstart an Routine und Selbstvertrauen.

SPOX: Mit St. Moritz Mitte Dezember ging es dann aufwärts. Vor zwei Jahren gab es dort den ersten Weltcupsieg. Haben Sie seither eine besondere Beziehung zu dem Hang?

Gut: Ich weiß wirklich nicht, wie ich das beschreiben soll. Es ist immer gut gelaufen, 2008 der Sieg, 2007 aufs Podest gestürmt. St. Moritz ist immer noch das einzige Rennen, das ich je in der Schweiz absolviert habe. Hier fühle ich mich zu Hause. Ich bin immer im gleichen Hotel. Alle reden italienisch und mein Fanklub ist da.

SPOX: Sie schieden im Super-G mit Bestzeit aus. Warum war das Rennen trotzdem so wichtig?

Gut: Ich war wirklich schon wieder schnell in diesem Super-G, das hätte ich nicht gedacht. Da habe ich gemerkt, dass ich Rennen brauche, damit das Gefühl und mein Rhythmus zurückkommen. Es fehlte nur eine Kleinigkeit. Ich wusste, irgendwann würde ich wieder schnell sein.

SPOX: Anfang Januar war es dann schon soweit: In Zauchensee feierten Sie ihren zweiten Weltcupsieg, den ersten nach der Zwangspause. Muss ein Supergefühl gewesen sein.

Gut: Ja, Wahnsinn. Der Sieg kam früher als erwartet. Aber ich hatte daran geglaubt, dass es irgendwann "klick" macht und wieder so funktioniert, wie ich will. Wie vor zwei Jahren.

SPOX: Ende September 2009 haben Sie sich kurz vor Saisonstart bei einem Sturz die Hüfte ausgerenkt, Luxation nennen die Ärzte diese schmerzhafte Verletzung. Da waren Sie 18 Jahre alt. Wie sind sie mit dieser langen Verletzungspause umgegangen.

Gut: Ich weiß nicht, ob ich es eine schwierige Situation nennen soll, aber sie war neu und ich war deshalb total unsicher. Ich hatte einfach keine Ahnung, wie so etwas funktioniert. Normalerweise merke ich im Training ja, was mir gut tut. Ob ich gut drauf bin, ob ich mich schlecht fühle oder nicht. Aber damals wusste ich überhaupt nicht, was ich tun sollte, um meine Hüfte wieder hinzukriegen.

SPOX: Aber die Ärzte und Physiotherapeuten wussten doch sicher, was sie taten?

Gut: Natürlich musste ich da auf die Ärzte und Physios vertrauen. Aber für mich war es einfach so unglaublich, dass ich mein Bein nicht mehr bewegen konnte. Plötzlich kannst du nichts mehr machen. Das kannte ich nicht. Nach der Operation hatte ich dann diese Narbe, aber mein Bein war noch da, alles war ja noch da. Aber ich durfte mich nicht draufstellen. Ein bisschen verwirrt war ich da schon.

Teil II: Wie Gut wieder auf die Beine kam und warum sie Olympia im TV boykottierte.

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