"...der Aufschrei könnte brutaler nicht sein"

Von Interview: Christian Bernhard
Sonntag, 02.01.2011 | 12:04 Uhr
Felix Neureuther hat bisher zwei Weltcup-Slaloms gewonnen
© Getty
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Spätestens seit seinem Kitzbühel-Sieg 2010 ist Felix Neureuther festes Mitglied im Club der weltbesten Slalomfahrer. Im SPOX-Interview spricht der 26-Jährige über die Heim-WM in Garmisch-Partenkirchen, phänomenale Norweger, Golf-Runden vor Olympia und seine Auto-Träume.

SPOX: Herr Neureuther, was macht die Faszination Slalom aus?

Felix Neureuther: Die Gradwanderung. Der Grad, auf dem wir uns bewegen, ist extrem schmal. Das besondere am Slalom ist, dass man sich so extrem am Limit bewegt und auch muss, um vorne dabei zu sein.

SPOX: Da kann es ganz schnell auch vorbei sein.

Neureuther: Allerdings. Überschreitet man das Limit, ist es sofort vorbei. Der kleinste Fehler, und du bist weg - aus und vorbei. Das ist der Reiz. Das Ganze muss man auch noch zweimal durchstehen: Wenn man einen guten ersten Durchgang hat, bringt dir das im Endeffekt noch nichts, weil du den zweiten auch noch runterbringen musst. Daher ist die Anspannung bis zum Schluss unheimlich groß.

SPOX: Neben der körperlichen Stärke bedarf es also auch einer mentalen.

Neureuther: Der Kopf spielt eine extrem wichtige Rolle, speziell bei uns im Slalom. Der Nervenkitzel ist einfach riesig, weil man sich nie sicher sein kann, was in der nächsten Sekunde passiert. Deswegen ist der mentale Aspekt von so großer Bedeutung.

SPOX: In weniger als 40 Tagen beginnt die Heim-WM in Garmisch-Partenkirchen. Die Anspannung steigt und damit auch der Druck. Beunruhigt Sie das?

Felix Neureuther: Nein, ich mache mir überhaupt keine Sorgen. Im Endeffekt sind wir mit unseren Erfolgen im letzten Jahr selbst schuld an dieser Situation. Ich habe das letzte Weltcuprennen in Garmisch gewonnen, da ist es klar, dass die Erwartungshaltung sehr hoch ist.

SPOX: Die Termine außerhalb der Piste werde auch nicht weniger. Belastet Sie das?

Neureuther: Das stimmt, aber es stört mich überhaupt nicht. Alles was man für die WM machen kann, um die Leute dafür zu begeistern, ist sehr wichtig. Für eine WM im eigenen Land setzt man sich sehr, sehr gerne ein.

SPOX: Die vergangene Saison war mit den Olympischen Spielen bereits eine außergewöhnliche, jetzt sind Sie mitten in der nächsten Highlight-Saison. Wie gehen Sie damit um?

Neureuther: Mal ehrlich: Es wäre ja schlimm, wenn es nicht solche Highlights gäbe und man permanent im gleichen Trott von Weltcuprennen zu Weltcuprennen rumreisen würde. Olympische Spiele oder eine Heim-WM sind unheimliche Privilegien - es ist wunderschön, so etwas als Sportler überhaupt erleben zu dürfen. Der Fakt, dass die WM nicht nur im Heimatland, sondern gleich in meinem Heimatort stattfindet, macht die Vorfreude noch viel größer. Solche Ereignisse machen einen im Kopf nicht wirklich müde.

SPOX: Die Frage aller Fragen lautet: Gibt es einen Weg, genau zum Saisonhöhepunkt topfit zu sein? Kann man die Trainingsplanung so steuern?

Neureuther: Das ist im Skisport ganz schwer, für Ausdauersportler ist das ein bisschen einfacher. Wichtig ist, dass man sein Selbstvertrauen bei den Weltcuprennen stärkt, um dann mit einer breiten Brust im WM-Starthaus zu stehen. Einen perfekten Formaufbau hin zur WM zu realisieren, ist sehr schwierig.

SPOX: Bei den Skandinaviern hat das in der Vergangenheit oft geklappt - ich sage nur Kjetil-Andre Aamodt oder Lasse Kjus. Wie erklären Sie sich das?

Neureuther: Es gibt ein paar Phänomene, die bei Großereignissen immer ganz stark sind. Das sind einfach außergewöhnliche Sportler. Definitiv. Aamodt und Kjus waren ja vor den Olympischen Spielen eineinhalb Wochen beim Golfen - irgendwo in der Sonne. Und sind dann zu Olympia angereist. Also wenn ich das machen würde...

SPOX: Ja?

Neureuther: ...dann würde es einen Aufschrei geben, der brutaler nicht sein könnte. Aber sie hatten Erfolg damit. Natürlich kannst du so etwas nur machen, wenn du schon Triumphe in der Tasche hast. Jeder muss für sich selbst wissen, was einem gut tut. Dem einen hilft Golfen und Entspannen, dem anderen ein unheimliches Trainingsprogramm. Man muss für sich selbst die richtige Mischung finden.

SPOX: Stichwort Golf: Sie drehen ja auch sehr gerne Ihre Runden auf dem Golfplatz. Ist das für Sie die ideale Art und Weise, um abzuschalten?

Neureuther: Und wie. Ich finde es einfach unheimlich schön, mit meinen Kumpels auf eine Golfrunde zu gehen, in der Natur zu sein und mächtig Spaß zu haben. Da kann ich extrem gut abschalten und viel Kraft daraus ziehen.

SPOX: Den Bildern nach zu urteilen, die Sie als Beifahrer im Rennboliden zeigen, zählen auch Autos zu Ihren großen Hobbys.

Neureuther: Auf jeden Fall. (lächelt) Es war für mich als kleiner Junge immer ein Traum, zur DSV-Einkleidung zu kommen, weil man da einen Anorak bekam. Der nächste Traum lautete, ein Auto zu bekommen. Das klappt, wenn man unter den besten 15 Läufern der Welt ist. Und dann ging ein weiterer Traum in Erfüllung, als ich mir das Auto aussuchen durfte. Dafür muss man unter den Top 5 im Weltcup sein.

SPOX: Die höchste Stufe ist also erreicht. Was kommt jetzt?

Neureuther: Vom Auto her ja. Jetzt geht's um Medaillen und um Weltcup-Kugeln.

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