Claudia Pechstein im Interview

Pechstein: "Jeder kann das glauben, was er mag"

SID
Montag, 08.11.2010 | 14:00 Uhr
Claudia Pechstein hat ihre Autobiografie veröffentlicht, in der sie von Selbstmordplänen berichtet
© Getty
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Claudia Pechstein stellte am Montag im Berliner Regent-Hotel am Gendarmenmarkt ihre Autobiografie "Von Gold und Blut - Mein Leben zwischen Olymp und Hölle" vor. Vorher stand sie für ein Interview zur Verfügung.

Frage: "Sie schreiben in Ihrer Autobiografie, dass Sie sich im Zuge Ihres Dopingfalles selbst das Leben nehmen wollten. Wie geht es Ihnen heute?"

Claudia Pechstein: "Es ist schon eine ganze Weile her, aber mir ist beim Schreiben des Buches immer noch die eine oder andere Träne gekommen. Wenn ich so etwas von anderen Leuten gelesen habe, fand ich das selbst schockierend. Aber ich habe damals für mich keinen Ausweg mehr gesehen und bin selbst in diese Situation geraten."

Frage: "Dieses Kapitel war auch das erste, das Sie aus Ihrem Buch zur Veröffentlichung freigegeben haben. Warum war es Ihnen so ein Bedürfnis, ausgerechnet dieses Kapitel zuerst mit den Menschen zu teilen?"

Pechstein: "Auf ein solches Thema schauen alle Leute, auch diejenigen, die nicht unbedingt mit Sport in Verbindung stehen und mit dem Namen Claudia Pechstein etwas anfangen können. Dieses Thema bewegt jeden, egal, aus welcher Branche er kommt. Außerdem hat es mir weitergeholfen, darüber zu schreiben. Vielleicht kann ich mit diesen Zeilen auch die Leute aufwecken, die so etwas vorhaben."

Frage: "Wenn Sie an den betreffenden Tag zurückdenken, mit welchem Gefühl tun Sie das?"

Pechstein: "Ich bin froh, dass mir mein Manager noch schnell genug den Kopf gewaschen hat. Wäre er nicht gewesen, würde ich vielleicht heute nicht hier sitzen. Ich hoffe nicht, dass ich solche Gedanken noch einmal bekomme."

Frage: "Am 5. März 2009 haben Sie die für Sie niederschmetternde Anklage des Eislauf-Weltverbandes ISU erhalten. Irgendwann in den Wochen danach, Sie nennen in dem Buch kein konkretes Datum, kam dann der betreffende Tag. Er muss sich also bereits zum ersten Mal gejährt haben. Haben Sie den Jahrestag wie einen zweiten Geburtstag begangen?"

Pechstein: "Nein, ich erinnere mich nicht an das genaue Datum. Ich habe tagtäglich mit meinem Dopingfall zu kämpfen. Das ist schwer, und es nimmt mich sehr in Anspruch. Das beschäftigt mich mehr als der Selbstmordgedanke von damals."

Frage: "Sie schreiben, dass Sie sich gemeinsam mit Ihrem Ehemann, von dem Sie mittlerweile getrennt sind, das Leben nehmen wollten. Haben Sie ihn vorher gefragt, ob er einverstanden damit ist, Bestandteil dieses sehr privaten Kapitels zu sein?"

Pechstein: "Das ist meine Autobiografie, und mein Noch-Mann war Teil meines Lebens. Ich habe das gute Recht, über mein Leben zu berichten. Und dass er dazugehört, wusste er, als er mich damals geheiratet hat. Ich glaube, ich musste ihn vorher nicht fragen."

Frage: "Ihr Fall und auch Sie persönlich werden kontrovers diskutiert. Glauben Sie, dass es Menschen gibt, die Ihnen nicht abnehmen, dass Sie Selbstmordgedanken hatten?"

Pechstein: "Jeder kann das glauben, was er mag. Ich habe auch eigene Meinungen zu verschiedenen Themen. Was den Dopingfall angeht, kann ich nur immer wiederholen, dass ich unschuldig bin. Wer eins und eins zusammenzählt, kann mir auch glauben. Was den Selbstmordgedanken angeht: Ich habe ihn niedergeschrieben, weil es so war. Warum soll ich mir Geschichten ausdenken, es ist schließlich kein Märchenbuch. Wer mir glaubt, der glaubt mir, wer mir nicht glaubt, der soll es bleiben lassen. Ich persönlich wünsche keinem, dass er in so eine Situation kommt."

Frage: "Sie kritisieren in Ihrem Buch zahlreiche Leute. Besonders hart nehmen Sie sich DOSB-Präsident Thomas Bach zur Brust. Sie werfen ihm vor, dass er Sie nicht genug unterstützt. Denken Sie tatsächlich, dass er sich gegen das komplette Sportrechtssystem stellen könnte, selbst wenn er es wollte?"

Pechstein: "Er hätte sich auf jeden Fall nicht so zurücklehnen zu brauchen und so tun müssen, als ob ihn das alles nichts angehen würde. Er hat nie die richtigen Worte gefunden, und ich denke, er hätte in der Position, die er auch im CAS bekleidet, mehr Einfluss nehmen können. Ob er nicht will oder nicht kann, ist mittlerweile sowieso egal."

Frage: "Sie haben es ihm auch nicht ganz leicht gemacht, Ihnen zu helfen. Sie haben Bach beziehungsweise den DOSB im Zuge ihres letztlich gescheiterten Versuchs, bei Olympia in Vancouver zu starten, vor dem CAS verklagt ..."

Pechstein: "Wer macht mir es denn leicht? Niemand! Ich musste an mich denken und habe alles in Bewegung gesetzt, um meine Unschuld zu beweisen und meine Ziele zu verfolgen. Ich mache es nicht nur Bach nicht leicht, das sieht jeder, der mein Buch liest. Aber das ist halt meine Meinung, und die darf ich äußern. Ich denke, es stet mir auch zu, Leute zu kritisieren."

Frage: "Glauben Sie, dass Sie heute weiter wären, wenn Sie in Ihrem Fall diplomatischer, feinfühliger, zurückhaltender vorgegangen wären?"

Pechstein: "Wäre, wenn, hätte oder aber gibt es bei mir nicht. Ich glaube, in meinem Fall weiß man nicht einmal hinterher, welcher Weg der richtige war. Ich habe meinen Frust in das Buch geschrieben, und ich habe immer noch jede Menge in mir."

Frage: "Auf Seite 188 schreiben Sie: 'Mein (erster) Besuch in Westberlin wurde für mich zur Enttäuschung. Als Erstes stand die Erkenntnis, dass unsere vermeintlich wohlhabende Westverwandtschaft uns in die Geburtstags- und Weihnachtspakete stets die billige Aldi-Schokolade gepackt hatte.' Denken Sie, dass Sie manchmal zu hohe Ansprüche an Ihre Mitmenschen stellen?"

Pechstein: "Nein! Die stellen an mich auch hohe Ansprüche. Wenn ich im Wettkampf einmal Zweite geworden bin, dann hieß es, Du bist nur Zweite geworden."

Frage: "Auf Seite 34 geben Sie zu, dass Sie in der Schule nur deshalb immer eine Eins in Russisch hatten, weil Ihre Mutter für Sie die Hausaufgaben erledigt hat. Auf Seite 36 steht der Satz: 'Es gab (für mich) nur eines, was schlimmer war, als zu verlieren: Mogeln.' Wie passt das zusammen?

Pechstein: "Das war aus meiner Sicht kein Mogeln bei den Russisch-Hausaufgaben. Ich habe nur die Lehrer in meiner Familie clever genutzt. Das ist kein Mogeln."

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