Werner Schuster im Interview

"Das größte Talent seit Nykänen"

Von Interview: Daniel Börlein
Donnerstag, 18.11.2010 | 17:40 Uhr
Gregor Schlierenzauer geht als Top-Favorit in die neue Saison
© Imago
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Werner Schuster geht in seine dritte Saison als Cheftrainer der deutschen Mannschaft. Im Interview spricht der Österreicher über Probleme im deutschen Skispringen, einen überragenden Athleten und eine Parallele zum Tennis.

SPOX: Herr Schuster, Sie gehen in Ihre dritte Saison als Cheftrainer der deutschen Skispringer. Stehen Sie da, wo Sie zu diesem Zeitpunkt bei Ihrem Amtsantritt stehen wollten?

Werner Schuster: Wenn man sich einen Masterplan gesetzt hat, dann wurde der von den Ergebnissen her sicher nicht so erfüllt, wie man sich das vorgestellt hat.

SPOX: Aber?

Schuster: Man kann und darf sich bei so einer Aufgabe nicht nur an den Ergebnissen orientieren. Im ersten Jahr ging es vor allem darum, im personellen und strukturellen Bereich einiges neu zu gestalten und Kompetenzen im Trainerbereich zu setzen. Im zweiten Jahr wollten wir uns inhaltlich steigern, da gab es ein paar Punkte, die nicht so funktioniert haben. Allerdings sind wir im Plan, was die Vereinheitlichung verschiedener Trainingsbereiche angeht. Das wird uns mittelfristig weiterbringen.

SPOX: Kurzfristig wird sich im Vergleich zu den letzten Jahren also nichts ändern?

Schuster: Was wir natürlich nicht unmittelbar beeinflussen können, ist, ob es einen Durchstarter gibt, oder ob es Martin Schmitt, Michael Uhrmann oder Michael Neumayer nochmal ganz nach oben schaffen. Wir können nur die Voraussetzungen schaffen, dass es uns mittelfristig die Leute nach oben spült. Das ist aber eher bis 2013 oder 2014 ausgerichtet.

SPOX: Bis dahin wollen Sie auch wieder mit den Österreichern auf Augenhöhe sein.

Schuster: Das ist der Wunsch, aber noch Zukunftsmusik. Wir sind als Mannschaft in diesem Jahr besser aufgestellt, als im letzten Jahr. Aber gegen die Österreicher ist momentan kein Kraut gewachsen. Da kommt kein anderer ran. Das werden auch die Norweger nicht schaffen. Aber: In den letzten vier Jahren ist es für die Österreicher immer nach oben gegangen. Die letzte Saison nochmal zu toppen, wird schon richtig schwer.

SPOX: Österreich hat die beste Mannschaft - und mit Gregor Schlierenzauer auch den besten Springer?

Schuster: Ganz klar. So einen wie Gregor Schlierenzauer gibt es nur einmal. Ich war zehn Jahre lang in der Nachwuchsarbeit in Österreich tätig und da war kein vergleichbarer Springer dabei. Das bestätigen einem auch die Norweger oder Finnen. Wolfgang Steiert hat mal gesagt, dass Schlierenzauer das größte Talent der letzten 20 Jahre im Skispringen ist. Ich würde sogar sagen, dass er das größte Talent seit Matti Nykänen ist. Und im Vergleich zu Nykänen hat er einen Vorteil.

SPOX: Nämlich?

Schuster: Schlierenzauer hat auch noch den Kopf dazu und ist diesbezüglich jetzt schon weiter, als Nykänen jemals war. Schlierenzauer muss man deshalb ein bisschen außen vor lassen, wenn es um Vergleiche geht.

SPOX: Okay, kein Vergleich mit Schlierenzauer. Dennoch: Ist ein deutscher Siegspringer in Sicht?

Schuster: Einen Überflieger haben wir im Moment nicht. Aber wir haben schon talentierte Springer - Pascal Bodmer steht da derzeit sicher an der Spitze -, die das Zeug haben, auch mal wieder einen Weltcup zu gewinnen. Wann das sein wird, weiß ich allerdings nicht.

SPOX: Was ist mit den erfahrenen Springern?

Schuster: Sie sind auf einem guten Stand. Michael Neumayer hatte wieder einen besseren Sommer als letztes Jahr, Michael Uhrmann ist sehr motiviert. Die beiden sehe ich schon in der erweiterten Weltspitze. Bei Martin Schmitt gibt es nach einem schwierigen Sommer nun wieder einen positiven Trend. Grundsätzlich ist es so, dass Uhrmann, Neumayer und Schmitt mit ihrem Auftreten das Team tragen müssen. In deren Windschatten sollen sich Leute wie Bodmer oder Severin Freund entfalten.

SPOX: Freund war im bei Sommer-Grand-Prix immerhin Siebter, Bodmer überzeugte im letzten Jahr unter anderem bei der Vierschanzentournee. Dennoch wird das deutsche Skispringen eher kritisch betrachtet, weil man an die vergangenen Erfolge nicht mehr anknüpfen kann.

Schuster: Das ist natürlich nicht leicht, gerade für die jungen Springer. Andererseits ist das auch normal und bestimmt nicht nur in Deutschland so. Schauen Sie nach Österreich. Die waren im alpinen Bereich jahrelang die überragende Nation, haben dann mal ein schwächeres Olympia und plötzlich ist alles katastrophal.

SPOX: Was tut man dagegen?

Schuster: Machen kann man dagegen nichts. Da sind einfach die Ansprüche zu hoch. Aber das relativiert sich mit der Zeit. Im deutschen Herren-Tennis hat man jahrelang Boris Becker und Michael Stich nachgeweint. Da war ein Tommy Haas Nummer zwei der Welt und trotzdem haben viele geschimpft: Warum gewinnst du nicht Wimbledon? Becker und Stich haben es doch auch geschafft. Mittlerweile hat sich das allerdings wieder eingependelt, weil die Ansprüche zurückgegangen sind. Einen Wimbledon-Sieg erwartet aktuell wohl bestimmt niemand von einem deutschen Spieler.

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