Skiflug-WM in Oberstdorf

"Manche muss man in den Hintern treten"

Von Interview: Richard Rother
Donnerstag, 21.02.2008 | 12:04 Uhr
Thoma, Weißflog
© Getty
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München - Vor neun Jahren sprang Dieter Thoma bei der WM mit der Mannschaft zu Gold. 

Davon sind die deutschen Adler in der aktuellen Form meilenweit entfernt, von einer Einzelmedaille ganz zu schweigen. Dennoch ist und bleibt das Skispringen eines der Zugpferde des Wintersports in Deutschland. Zu schön sind die Erinnerungen an damals, als fast alles zu Gold wurde.

Vor dem Start der Skiflug-WM am Freitag (16.30 Uhr im SPOX-Ticker) spricht Thoma im SPOX.com-Interview über die deutschen Chancen bei der WM, wie er es bis in die Weltspitze geschafft hat und warum man den Springern als Trainer auch mal in den Hintern treten muss.

SPOX: Im Hinblick auf die WM in Oberstdorf - was bedeutet das derzeitige Formtief der deutschen Adler für den Skisprung in Deutschland?

Dieter Thoma: Es ist wichtig, dass Deutschland vorne mitmischt, schon allein weil der deutsche Markt einer der wichtigsten ist. Man muss auch im Hinterkopf haben, wer das Geld mit in den Sport Skispringen bringt. Im Moment durchleben wir tatsächlich ein Tief, aber man kann sich das Hoch auch leider nicht herzaubern.

SPOX: Ist das Ende der Talsohle schon erreicht?

Thoma: Man wird sehen. Das Ziel ist, junge Sportler auf dem Weg nach vorne zu ermutigen, so wie das in Norwegen oder teilweise in Finnland hervorragend klappt - von Österreich ganz zu schweigen.

SPOX: Warum funktioniert das in Deutschland nicht?

Thoma: Das fragen sich alle. Das frage ich mich auch und wir haben in Deutschland eigentlich die besten Bedingungen zu trainieren. Wir haben die meisten Sprungschanzen, wir haben im Verhältnis zu anderen relativ viel Geld. Man muss aber eben auch das Glück haben, einen Nachwuchsspringer in den eigenen Reihen zu haben, der den Ehrgeiz und das Talent hat, nach ganz vorne zu springen. Das ist leider noch nicht so da. Wir haben seit längerem einige, die eventuell irgendwann einmal vorne mit springen könnten. Schade ist zudem, dass wir nicht so jemanden haben wie einen Janne Ahonen, der sich zehn Jahre konstant in der Weltspitze aufhält und damit den jungen Springern den Rücken frei hält, sich zu entwickeln. Bei Martin Schmitt und Sven Hannawald waren das eben nur vier, fünf sehr gute Jahre.

SPOX: Unabhängig von Peter Rohwein - was kann ein Trainer da überhaupt machen, wenn es bei den Erfahrenen nicht klappt und von hinten niemand nachrückt?

Thoma: So sieht es nach außen hin aus, das stimmt. Norwegen ist aber ein tolles Beispiel, dass es auch anders geht: Als Mika Kojonkowski den Trainerposten übernahm, war es eine ähnliche Situation, aber er hat aus alten Springern Siegspringer gemacht und zusätzlich Nachwuchs gefördert. Das ist eine Kunst und ich weiß nicht, wie er das gemacht hat, aber das gilt es herauszufinden.

SPOX: Ist das eine mentale Frage bei den Älteren?

Thoma: Auch. Wenn die Grundvoraussetzungen stimmen, dann entscheidet der Kopf. Der Springer muss auch für sich wissen, was er will: Bin ich zufrieden mit dem was ich habe oder will ich mehr? Unsere Springer trainieren hart, aber ich glaube dennoch daran, dass es Reserven gibt. Es stellt sich die Frage, ob ein anderer Trainer da etwas hervorrufen kann, oder dass es die Deutschen einfach von der Leistungsfähigkeit nicht schaffen. Ich halte dennoch daran fest, dass mehr Potenzial in den Deutschen steckt als sie bislang zeigen.

SPOX: Am Ehrgeiz mangelt es also nicht?

Thoma: In Deutschland gibt es oft dieses Luxusproblem, dass man sich nicht schinden möchte und den einfachsten Weg geht. Aber ich glaube schon, dass sich auch ein deutscher Skispringer da durchkämpfen kann. Es ist nicht so, dass sich die Deutschen nicht quälen könnten, aber man muss die richtigen Typen dafür suchen. Was bei anderen Sportarten mit Talentscouts oder dergleichen gemacht wird, müsste man beim Skisprung genauso etablieren. Es wird immer schwieriger, die jungen Leute für hartes Training zu begeistern.

SPOX: Fehlt das Interesse, weil die Zugpferde fehlen?

Thoma: Idole aus dem eigenen Land sind das Beste, was einer Sportart passieren kann. Aber als ich nach oben kam, waren auch keine Superstars da, die reihenweise Weltcups gewonnen hätten. Meine Vorbilder waren eher Matti Nykänen oder Ernst Vettori und da war es egal, woher der Sportler kommt. Ich fand den Sport als solchen einfach geil und wollte mich bei der Vierschanzentournee mit den Besten messen. Als Hannawald und Schmitt spitze waren, hieß es, dass es einen riesigen Skisprung-Boom gibt. Aber wo sind denn die Talente dann jetzt? Entweder noch zu jung oder nicht vorhanden!

SPOX: Glauben Sie, dass diese ganze Diskussion um den Trainer derzeit nötig ist, damit es mal richtig kracht und sich der Sport von selbst dann regenerieren kann?

Thoma: Vor der WM bringt das nichts, da weitere Diskussionen aufzubringen, denn im Endeffekt entscheiden da die Erfolge oder die Nichterfolge.

SPOX: Man könnte sich vor der WM wundern, dass der Trainer mit dem Finger auf die Springer zeigt, oder?

Thoma: Nein. Das kann schon mal vorkommen. Reinhard Hess hätte uns damals auch Feuer unterm Hintern gemacht, wenn wir nicht den nötigen Ehrgeiz gezeigt hätten. Wir hatten unzählige Diskussionen und haben auch oft gestritten, denn ich denke, dass man nur durch Kommunikation zueinander findet. Es war auf jeden Fall ein Lebenszeichen von ihm. Er war eben enttäuscht und versucht, seine Jungs in die Pflicht zu nehmen. Es ist einfach auch die Wahrheit und irgendwie authentisch. Hess hat damals auch geschimpft und mich hat es motiviert, wenn er mich mal zusammengestaucht hat: 'Lass mich jetzt nicht so hängen!' und dann ging das irgendwie.

SPOX: Ist das kein zusätzlicher Druck?

Thoma: Bei mir persönlich war es das Wichtigste, darüber zu sprechen, auch wenn die Diskussionen etwas härter waren. Der Tritt in den Hintern war irgendwo ein Anstoß. Sport ist Psychologie und manche Sportler muss man streicheln und manche in den Hintern treten. Da braucht man besonders als Trainer das nötige Feingefühl.

SPOX: Trauen Sie den Deutschen einen Top-Ten-Platz bei der WM zu?

Thoma: Ich habe direkt nach der Tournee mal gesagt, dass Neumayer bei der WM eine Medaille holen könnte. Im Moment glaube ich, dass eine Einzelmedaille unrealistisch ist. Die Stabilität ist im Moment noch nicht so da und ich hoffe immer noch, dass bei einem der Knoten rechtzeitig noch platzt.

SPOX: Haben Sie einen Geheimtip?

Thoma: Geheimtipp nicht, aber die Norweger sind saustark. Auch Ahonen, der noch nie Skiflug-Weltmeister war, stufe ich hoch ein. Die Österreicher um Morgenstern sowieso und Martin Koch kann beim Skifliegen sehr gefährlich werden.

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