Berlin-Coach Mark Lebedew im Porträt

Der schlafende Vulkan

Von Adrian Franke
Freitag, 27.03.2015 | 15:30 Uhr
Mark Lebedew feierte mit den Berlinern in den letzten Jahren große Erfolge
© getty
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Seit 2010 ist Mark Lebedew Trainer der Berlin Recycling Volleys, der Australier hat auch dank seiner persönlichen Wandlung entscheidenden Anteil an dem rasanten Aufstieg des Klubs auf und abseits des Platzes. Jetzt richten die Berliner das Final Four der Champions League aus und sind klarer Außenseiter. Es geht erneut gegen die eigene Nemesis - doch womöglich sind aller guten Dinge tatsächlich drei.

Es muss den Berliner Verantwortlichen wie ein schlechter Scherz vorgekommen sein, als feststand, dass es schon wieder gegen die Übermannschaft Zenit Kasan gehen würde. "Das ist die beste Mannschaft der Welt. Wir haben einfach kein Glück. Eine Weltauswahl", stöhnte Geschäftsführer Kaweh Niroomand. Lebedew bewies einen gewissen Galgenhumor: "Das musste ja so kommen. Vielleicht ist das ein bisschen unser Schicksal."

In den vergangenen beiden Jahren waren die Russen in der Champions League jeweils die Endstation für Berlin. Zwei Mal 2:3 hieß es 2013, zwei Mal 0:3 im Vorjahr. Der Weg ins Final Four blieb versperrt.

Als Ausrichter ist das Team jetzt gesetzt - und prompt wartet schon wieder Zenit. Doch bei allem Hadern über das Lospech dürfte auch keiner der Verantwortlichen vergessen haben, wo das Team herkommt.

Keine sechs Jahre ist es her, da knackten die Berliner bei ihren Heimspielen gerade so die 1.000-Zuschauer-Marke. Weit weg war das Team da noch von der aktuellen Beurteilung von Klaus-Peter Jung, Geschäftsführer der Volleyball Bundesliga: "Die BR Volleys sind der Motor für die Entwicklung des Volleyballs in Deutschland." Der Erfolg kam mit Lebedew - und für Lebedew kam der Erfolg mit Berlin.

Die Lektion aus Spielertagen

Für den Australier war der Weg in den Sport schon früh bereitet. Sein Vater war ebenfalls Volleyballspieler und wanderte von der Ukraine nach Australien aus, wo er zum Chef des Landesverbandes aufstieg. Lebedew brachte es immerhin zum Nationalspieler und hat vor allem eine Lektion aus seinen aktiven Tagen in die deutsche Hauptstadt mitgebracht: "Wir haben besser gekämpft als andere, besser zusammengespielt, waren ehrgeiziger."

Der 47-Jährige, der als Spieler ein absoluter Vulkan auf dem Platz war und nur zu gerne mal laut wurde, kam 2010 nach Engagements unter anderem in Belgien, Italien und Polen sowie bei der SG Eltmann und beim VC Franken zu den Berlinern. "Volleyball weiterzuentwickeln, das ist unsere gemeinsame Aufgabe", hat er sich seit Jahren auf die Fahne geschrieben.

Und er lässt Taten folgen: Lebedew schreibt einen Blog ("At Home on the Court"), wo er sich mit anderen Trainern austauscht und die Öffentlichkeit an seinen Ideen teilhaben lässt und ist sich nie zu schade, sein Wissen an den interessierten Nachwuchs weiterzugeben.

Darüber hinaus genießt er den Ruf, dass Spieler mit ihm reden können und er auch Änderungsvorschlägen offen gegenüber steht. Sein ehrlicher Umgang mit den Spielern hat ihm zudem viel Respekt eingebracht.

Keine Angst vor der Technik

Offen ist er auch im Umgang mit Innovationen. Lebedew nutzte zuletzt Headsets, um sich während des Spiels Erkenntnisse aus der Vogelperspektive einzuholen. Seine einfache Begründung: "Ich sehe an der Seite nur, dass wir keine Punkte gemacht haben. Aber ich weiß manchmal nicht, warum." Schon in den 90er Jahren in Australien hatte er mit Funkverbindungen gearbeitet.

Auch Tablets haben längst Einzug in den Volleyball gefunden. Mit zehn Sekunden Zeitverzögerung läuft dort das Spiel an der Bank mit, um so schnell Szenen noch einmal betrachten zu können. "Wir sind da manchmal etwas weiter", grinste Lebedew, angesprochen auf die Offenheit des Sports für technische Neuerungen.

Die eigenen Spieler bekommen den Innovationsgeist ihres Trainers ohnehin zu spüren. "Mark ist ein Querdenker, macht andere Sachen, verrückte Sachen", berichtete der Berliner Außenangreifer Robert Kromm.

Die Startformation etwa erfährt das Team meist erst kurz vor den Spielen, was ihm auch schon Kritik einbrachte. "Es wäre für das Aufwärmen wichtig, das eher zu wissen", betonte Kapitän Scott Touzinsky jüngst. Doch bislang gaben ihm die Erfolge Recht.

Ein gelassener Gourmet

In Berlin war der Australier schnell angekommen. "Es macht mir bisher sehr viel Spaß in einer solchen Metropole zu leben, mit vielen Menschen und einem großen Kulturangebot. Auch wenn ich bisher die meiste Zeit im Training verbracht habe, hatte ich trotzdem schon Gelegenheit, die reichhaltige Restaurantauswahl zu nutzen", schwärmte er wenige Monate nach seiner Ankunft in der Hauptstadt.

Darüber hinaus hätten ihn "die Märkte mit den vielen frischen Waren" beeindruckt. Lebedew als gelassener Gourmet, der über Märkte schlendert? Vor einigen Jahren war dieses Bild in der Volleyball-Szene noch undenkbar. Genau wie während seiner Spielerkarriere war Lebedew in jungen Trainer-Jahren gerne mal forsch und vor allem laut im Umgang mit seinen Spielern.

"Ich habe geschrien", erinnerte er sich später und berichtete von seiner Erkenntnis: "Ich habe gelernt, dass die Spieler tun wollen, was du ihnen sagst. Sie machen die Fehler nicht mit Absicht."

Das brachte Lebedew, dessen Tick es nach wie vor ist, zwei Flaschen Cola während eines Spiels zu leeren, zu einem radikalen Schritt: Er wurde ruhiger - und erfolgreicher. "Fast schon stoisch", witzelte Niroomand und Lebedew fügte nur hinzu: "Es ist ganz gut, dass niemand weiß, wie es in mir wirklich aussieht."

"Mark lebt für den Volleyball"

Was aber jeder sofort sah, war die positive Stimmung, die Lebedew mit in die Hauptstadt brachte. Obwohl er privat immer auch einen Schicksalsschlag mit seiner Zeit in Berlin in Verbindung bringen wird. Im Herbst 2011 starb die Tochter des damals 44-Jährigen, der seine Frau Anita während seiner Trainer-Tätigkeit in Polen kennen gelernt hatte, eine Woche nach ihrer Geburt. Für zwei Spiele nahm er sich eine Auszeit, dann stand er wieder an der Seitenlinie.

Am Ende der Saison, zwei Jahre nach seinem Einstand, holten die Berliner die Meisterschaft. Es sollten zwei weitere in den beiden folgenden Jahren folgen. Niroomand brachte es in der Berliner Morgenpost auf den Punkt: "Seine Erfolge sprechen für ihn. Er ist ein sehr professioneller Arbeiter. Er sieht das nicht nur als Beruf. Mark lebt für den Volleyball."

Nur abseits des Platzes ist er noch der Rocker früherer Tage. Led Zeppelin, die Foo Fighters oder Guns N' Roses konnte ihm bislang niemand austreiben. 2012 führte Lebedew das Team schließlich nach sieben Jahren auch in die Königsklasse zurück.

"Natürlich war eine Portion Ungewissheit dabei", gab er jüngst rückblickend zu: "Wir waren nicht sicher, wo wir auf europäischer Ebene stehen." Es folgte ein 3:0-Sieg zum Auftakt gegen Ceske Budejovice und schnell wurde klar: Die Berliner waren keine Eintagsfliege.

Gibt es die Sensation?

So entwickelte sich das Team auch dank Lebedew konstant weiter, auf wie abseits des Platzes. Infrastruktur, Vermarktung und das wachsende Zuschauerinteresse haben das Team inzwischen deutschlandweit zum Vorbild in der Volleyball-Welt gemacht.

Als erste deutsche Stadt erhielt Berlin so das Final Four. International ist das Team noch nicht ganz in der Elite angekommen, ein Halbfinal-Erfolg über Kasan wäre eine Sensation.

"Ich kenne keinen Profisportler, der nach ein oder zwei Meisterschaften satt ist", stellte der Australier aber klar und sein Motto hat auch heute noch Bestand: "Wir wollen jedes Spiel und jeden Wettbewerb, an dem wir teilnehmen, gewinnen."

Daher gilt vor dem Auftakt in die Heim-CL-Final-Four: Außenseiter? Ja. Aufgeben? Mitnichten, wie auch Lebedew vor einigen Tagen betonte: "Wir wissen: Zu Hause können wir alle schlagen." Und wer weiß - womöglich sind aus Berliner Sicht am Ende aller guten Dinge drei.

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