"Es ist eine Medaille des Glaubens"

Montag, 22.09.2014 | 14:42 Uhr
Vital Heynen (l.) führte das DVV-Team in Polen zu WM-Bronze
© imago
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Deutschland hat bei der WM in Polen Geschichte geschrieben und nach 44 Jahren wieder eine Medaille geholt. Der Vater des Erfolgs ist Vital Heynen. Bei SPOX spricht der 45-jährige Bundestrainer über die Siegesfeier, den Hammer-Schorsch und verrät, wie er seinen Spielern das Verlierergen austrieb.

SPOX: Glückwunsch zu Bronze, Herr Heynen! Erwischen wir Sie noch beim Feiern?

Vital Heynen: Danke. Aber nein, ich feiere nicht mehr. Ich bin auf der Autobahn auf dem Weg zu meinem polnischen Verein Bydgoszcz, da stehen schon wieder die nächsten Aufgaben an. Ich sitze auf dem Beifahrersitz und genieße, meine Frau fährt. Ich muss das jetzt sagen: Sie macht das sehr gut (lacht).

SPOX: Wollen Sie uns damit sagen, Sie haben WM-Bronze nicht gebührend gefeiert?

Heynen: Meine Aufgabe war mit Bronze erfüllt, ich habe die Feier ganz früh so gegen 1 Uhr verlassen. In meinem Vertrag steht nichts davon drin, dass ich hätte noch länger bleiben müssen (lacht).

SPOX: Die Party ohne Aufsicht des Bundestrainers - da dürfte es besonders hoch hergegangen sein.

Heynen: Gut möglich. Die Spieler haben, wie ich hörte, größtenteils durchgemacht, sie sind sehr früh morgens zurückgeflogen. Unserem Manager gab ich nur den Auftrag, mir mitzuteilen, wenn alle in bester Verfassung am Flughafen in Warschau angekommen sind. Ob alle in bester Verfassung waren, wage ich zu bezweifeln. Aber angekommen sind sie - das ist die Hauptsache.

SPOX: Am Sonntag meinten Sie noch, dass Ihr Deutsch nicht gut genug sei, um das alles in Worte zu fassen. Wie sieht es mit einem Tag Abstand aus?

Vital Heynen: Es fühlt sich immer noch unglaublich an, ich bin wahnsinnig stolz auf meine Mannschaft. Aber die Worte, die das Geschehene richtig beschreiben würden, habe ich immer noch nicht gefunden. Es ist alles perfekt gelaufen. Als Trainer legst du dir immer einen Plan zurecht, aber dass dieser dann auch genauso aufgeht - das ist in diesem Jahr eigentlich erstmals der Fall.

SPOX: Wo haben Sie den Hebel angesetzt?

Heynen: Es ist eine Medaille des Glaubens, des Kopfes. Sehen Sie: Die Deutschen haben nicht die besten Volleyballspieler der Welt, aber sie sind gut. Das Problem ist, dass sie im Volleyball den Ruf hatten, niemals etwas zu gewinnen. Das dachten sie auch über sich selbst. Sie gingen in der Vergangenheit schon davon aus, dass irgendetwas schief gehen würde. Über 40 Jahre war das in den Köpfen drin: Wir gewinnen am Ende doch nicht.

SPOX: Diesmal war es anders.

Heynen: Zum Glück! Wir waren zwei, drei, vier, eigentlich sogar fünf Mal bei dieser WM am Ende. Wir mussten gegen Finnland gewinnen, wir mussten gegen Kuba gewinnen, wir mussten gegen Kanada und den Iran gewinnen. Und dann mussten wir natürlich gegen Frankreich im Spiel um Platz drei gewinnen, um Bronze zu holen. Immer wenn wir mussten, haben wir es geschafft. Der Glaube an die eigene Stärke war immer da.

SPOX: Mit etwas Glück wäre für Deutschland sogar noch mehr drin gewesen. Oder war die Niederlage im Halbfinale gegen Weltmeister Polen verdient?

Heynen: Ich weiß es nicht. Wir machten gegen Polen ein gutes Spiel, nutzten aber unsere Chancen nicht. Wir hätten schon den ersten und zweiten Satz gewinnen können. Fakt ist: Die Polen haben ihren Heimvorteil perfekt ausgenutzt, das muss man anerkennen.

SPOX: Nur 18 Stunden nach der Polen-Partie stand schon das Spiel um Platz drei an - eine komplizierte Situation. Wie haben Sie es geschafft, Ihre Mannschaft so schnell wieder auf Kurs zu bekommen?

Heynen: Ich musste nicht viel machen, weil die Mannschaft diese Medaille so sehr wollte. Das spürte ich jeden Tag. Das Team beschäftigte sich nie damit, welche Medaille sie holen würde. Klar war nur, es musste eine Medaille geben, egal welche. Als ich am Sonntagvormittag in den Videoraum kam, habe ich sofort in den Gesichtern der Spieler gesehen, dass sie bereit sind. Das Polen-Spiel war abgehakt, es zählte nur Frankreich. Ich wusste in diesem Moment, wir würden ein gutes Spiel machen.

SPOX: Es war also eine gefestigte, intakte Mannschaft, die den Erfolg sicherte?

Heynen: Ja, ganz klar. Jeder trug seinen Teil bei. Nehmen wir das Beispiel Sebastian Schwarz. Gegen Polen hat er nicht gespielt, gegen Frankreich dann aber und das sehr gut. Es gibt in diesem Team viele Spieler, die uns - mindestens an einem Tag - eine riesige Hilfe waren. Es wäre also völlig daneben, jemanden herauszuheben.

SPOX: Hammer-Schorsch Georg Grozer war ein ganz wichtiger Faktor, das können Sie nicht abstreiten.

Heynen: Natürlich. Entscheidend ist aber - und das haben viele Leute nicht verstanden - dass Georg in erster Linie nicht so ein wichtiger Faktor war, weil er viele Punkte machte, sondern weil er meine Idee ganz deutlich an die Mannschaft weitergeleitet hat. Er ist vorangegangen und sagte: Wir schaffen das, Jungs. Sein Verhalten war noch wichtiger als sein Spiel.

SPOX: Sie loben Grozer in den höchsten Tönen, dabei galt er früher als nicht gerade pflegeleicht. Das können Sie also nicht bestätigen?

Heynen: Nein, davon weiß ich nichts. Georg ist kein Durchschnittsspieler - auch von seiner ganzen Art her. Meine Aufgabe als Trainer ist es, mit solchen Typen klar zu kommen und sie so im Team zu positionieren, dass sie ihre ganze Klasse einbringen können. Unser Verhältnis ist gut. Das bedeutet aber nicht, dass wir nicht auch mal Streit haben. Es ist nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen. Aber wir haben das gleiche Ziel, auch wenn wir manchmal einen anderen Weg dorthin gehen. Für mich ist er ein Vollprofi.

Seite 1: Heynen über die Siegesfeier und ein echtes Team

Seite 2: Heynen über den Knackpunkt und ein Missverständnis

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