Tischtennis-WM 2017: Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov im Doppel-Interview

"Das Bett steht immer noch parat"

Mittwoch, 24.05.2017 | 11:47 Uhr
Timo Bolls und Dimitrij Ovtcharovs Freude kannte in Rio keine Grenzen, als das Team mit Bastian Steger erneut eine Medaille gewann
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Für Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov steht mit der Tischtennis-WM in Düsseldorf (29. Mai bis 6. Juni) ein absolutes Karriere-Highlight an. Im Doppel-Interview mit SPOX diskutieren die besten deutschen Spieler nicht nur über Chancen und Druck bei der Heim-WM, sondern geben tiefe Einblicke in eine seltene Freundschaft im harten Profialltag. Außerdem berichten sie, warum Ausdauer bei der Kritik an mangelnden Preisgeldern und Materialdoping gefragt ist und wie der DTTB-Nachwuchs langfristig mit Asien mithalten kann.

SPOX: Herr Ovtcharov, mein Chef bei SPOX ist nachweislich ein riesiger Timo-Boll-Fan, hat ihn letztens erst in einer All-Time-Liste der besten deutschen Sportler überhaupt deutlich in seine Top-Ten gewählt. Vor wichtigen Fußballgrößen.

Bei Ovtcharov und Boll bricht Gelächter aus.

SPOX: Das war kein Witz. Er findet Timos Art, seine Erfolge und den Fair-Play-Gedanken, den er in sich trägt, einfach klasse. Wo würden Sie Ihren Nationalmannschaftskollegen platzieren?

Dimitrij Ovtcharov (Nachdem sich beide gefrotzelt haben, setzt er ernsthaft an): Was Timo im und für das Tischtennis erreicht hat, das können wirklich nicht viele andere Sportler in dieser oder anderen Sportarten vorweisen. Wie Ihr Chef schon bemerkt hat, hat das nicht nur mit seinen sportlichen Leistungen zu tun. Wie er mit seiner angenehmen Art, dem Fair-Play-Gedanken seit mehr als einem Jahrzehnt unseren Sport repräsentiert, landet er auf jeden Fall unter den Top Ten. Dieses Bild wurde durch die Wahl zum Fahnenträger in Rio auch nochmals gestärkt. Aber wie hoch ich ihn genau platzieren würde, dazu müsste ich nochmal ganz genau in mich gehen. (schmunzelt) Da hat sich Ihr Chef sicherlich mehr Gedanken gemacht.

SPOX: Herr Boll, Dimitrij Ovtcharov ist deutlich jünger und hat Sie zumindest in der Konstanz und in der Weltrangliste seit 2013 überholt. Dennoch nennen Sportfans beim Stichwort Tischtennis zumeist zuerst noch Ihren Namen. Glauben Sie, dass er Sie in dieser Wahrnehmung auch noch überholen wird? Schließlich werden Sie die aktive Karriere früher beenden.

Ovtcharov (grinst): Wer weiß, wie lange er noch durchhält!

Timo Boll (lacht): Hoffentlich nicht länger als Du. Nein, Dimas beste Jahre kommen jetzt erst noch. Zumindest waren diese drei, vier Jahre zwischen Ende 20 und Anfang 30 bei mir gefühlt die Besten. Da kann er sportlich noch so viel erreichen und das traue ich ihm zu, denn er ist immer noch so unglaublich heiß und akribisch in der Trainingsarbeit und längst nicht satt. Dann kommt das mit der Wahrnehmung sicherlich von alleine.

Ovtcharov: Cool, weiter arbeiten. Wenn es so einfach ist, merke ich mir das.

Boll: Wer weiß, was noch alles kommt!

Beide schauen sich vielsagend an und schmunzeln.

SPOX: Sie beide sind erst vor wenigen Tagen ausgerechnet im Champions-League-Finale Ihrer Teams Borussia Düsseldorf und Gazprom Fakel Orenburg im Einzel aufeinandergetroffen. (Ovtcharov und Orenburg setzten sich nach Hin- und Rückspiel durch Anm. d. R.) Das Spiel endete mit 14:12 in der Verlängerung des Entscheidungssatzes denkbar knapp für Sie, Herr Ovtcharov. Aber spielen Sie beide eigentlich gern gegeneinander oder nervt es eher, weil Sie Ihr Spiel in- und auswendig kennen?

Ovtcharov: Also ich spiele nie gerne gegen Timo. Zum einen weil ich ungern gegen einen Freund spiele. Zum anderen, weil er einfach immer noch so ein verdammt guter Spieler ist und mich mit seinem Händchen permanent an meinen Schwachstellen anspielt. Es ist einfach brutal anstrengend. Ich spiele definitiv lieber gegen andere Gegner.

Boll: Mir geht es genauso. Gegen Freunde, das wird dem ein oder anderen ähnlich gehen, ist es doch immer etwas gehemmt von den Emotionen her. Aber wir nehmen es immer sehr professionell und es sind meist sehr enge Spiele und vor allem akzeptieren wir es anschließend direkt, wenn der andere besser war - das mindert sicher nicht unsere Freundschaft.

SPOX: Müssen Sie immer noch Ihr Handy auspacken, um zu sehen, wie es im direkten Vergleich steht?

Ovtcharov: Ich habe das vor mehr als einem Jahr das letzte Mal nachgeschaut. Da war es mit 5:4 relativ ausgeglichen. Zuletzt habe ich das nicht mehr getan. Aber da stehen ja ohnehin nur die internationalen Vergleiche drin und nicht die unzähligen Ligaspiele. Dass es einigermaßen ausgeglichen ist, darauf bin ich schon ganz schön stolz.

Boll fängt an zu lachen.

Ovtcharov: Das können nicht viele auf der Welt von sich behaupten.

SPOX: Herr Boll, Sie haben in der Champions League nur hauchdünn verloren, kurz davor gar die renommierten Korea Open gewonnen und sich damit für die Heim-WM die nicht mehr selbstverständliche Top-8-Setzung gesichert. Sind Sie momentan wieder auf Augenhöhe mit Ovtcharov?

Boll: Puh, Augenhöhe - weiß ich nicht. Dima ist, gerade gegen die Chinesen, der gefährlichere Spieler, weil er einfach athletisch besser ist und über die größere Schlaghärte verfügt. Ich bin nicht mehr ganz so beweglich, steifer geworden. Und das hemmt mich auch ein bisschen gegen die allerbesten Spieler. Technisch gesehen bin ich aber immer noch ganz gut und hatte einen guten Formaufbau, sodass ich an einem guten Tag noch gegen die sehr guten Leute gewinnen kann.

SPOX: Dass Dimitrij Ovtcharov heute gegen die Besten der Welt gewinnen kann, hat auch etwas mit Ihrer intensiven Freundschaft zu tun. Sie hatten in jungen Profijahren stets ein frisch bezogenes Bett in Timo Bolls Haus, wenn Sie zum Training dort waren. Hat sich diese intensive Freundschaft, jetzt als Familienväter, geändert?

Ovtcharov: Timo ist mittlerweile ja auch umgezogen.

SPOX: Heißt: Sie sehen sich außerhalb der Lehrgänge der Nationalmannschaft gar nicht mehr?

Ovtcharov: Natürlich nicht mehr so häufig. Früher war ich tatsächlich jeden Monat bei ihm und seiner Familie zu Besuch und habe mich sehr heimisch gefühlt. Und das war auch viel mehr als das überragende Training mit einem damals viel besseren Spieler, von dem ich so profitiert habe. Ich hatte stets mein eigenes Zimmer und wurde überragend gut bekocht von seiner Familie.

Boll strahlt über beide Ohren.

Ovtcharov: Ja, war so. Wir waren oft draußen, laufen mit dem Hund. Wir waren sogar gemeinsam im Urlaub.

SPOX: Wann war das letzte Mal?

Ovtcharov: Ist tatsächlich länger her. Aber wir haben ja viel später auch hier in Düsseldorf gemeinsam in einem Haus gewohnt, als die Zeit bei Timos Familie im Odenwald zu Ende ging. Nachdem ich dann vor sechs Jahren nach Russland gewechselt bin und selbst eine Familie gegründet habe, wurde das natürlich weniger.

SPOX: Sie haben in der Vergangenheit die gemeinsame olympische Medaille 2008 in Peking als Schlüsselmoment tituliert, der Ihre Freundschaft auf eine andere Stufe gehoben hat. Das ist jetzt immerhin schon neun Jahre her.

Boll: Das Problem ist halt wirklich der Faktor Zeit, um die Erfolge - danach sind ja noch einige zu feiern gewesen - auch wirklich gemeinsam zu nutzen. Die wenige Freizeit widmet man dann selbstredend seiner Familie. Wir trauern diesen Zeiten glaube ich auch beide ein stückweit nach. Als Familienvater liegt definitiv der Fokus nun auf den Kids. Aber das Bett steht immer noch parat für den jeweils anderen - sowohl bei mir als auch bei ihm.

SPOX: Eine intensivere Freundschaft auf einer anderen Ebene?

Boll: An der Freundschaft hat und wird sich auch nichts ändern. Wir schreiben uns noch nach jedem Spiel, nach jedem Erfolg und gönnen uns alles. Das ist sehr herzlich und ehrlich und im Sport nicht normal.

Ovtcharov: Und zum Glück sind wir beide auch noch nicht zu alt, hören irgendwann mit Tischtennis auf und haben wieder mehr Zeit für uns.

SPOX: Aus Fansicht hoffentlich nicht allzu bald: Immerhin treten Sie nach der WM bei der neuartigen Asian Pacific Table Tennis League beide an.

Ovtcharov: Ja, und da reisen wir auch beide mit den Familien an und werden sicherlich einiges an Zeit miteinander verbringen.

Seite 1: Boll/Ovtcharov über ihre veränderte Freundschaft und ein gemeinsames Haus

Seite 2: Boll/Ovtcharov über den Doppel-Zwist und den Druck der Heim-WM

Seite 3: Boll/Ovtcharov über Verbandskritik, Materialdoping und den eigenen Nachwuchs im Kampf gegen Asien

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