Tischtennis-EM: Dominanz des Deutschen Tischtennis Bundes leidet

Vormachtstellung der DTTB-Herren erschüttert

SID
Sonntag, 23.10.2016 | 20:26 Uhr
Timo Boll musste bei der EM verletzungsbedingt aufgeben
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Nach dem Verletzungsschock für den letzten Hoffnungsträger Timo Boll ist bei der Tischtennis-EM in Budapest von der jahrelangen Überlegenheit der deutschen Herren nur noch ein kümmerlicher Rest übrig geblieben.

Durch Bolls unfreiwilliges Aus im Halbfinale wegen einer erneuten Nackenverletzung kehren die einstigen "Dominatoren" des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) lediglich mit einem "halben" Titel für den Saarbrücker Patrick Franziska im Doppel aus Ungarn zurück.

Mit Franziskas Erfolg an der Seite des Dänen Jonathan Groth, Bronze für EM-Rekordsieger Boll sowie Gold im Damen-Doppel für Kristina Silbereisen/Sabine Winter (Kolbermoor) nach dem 4:3 im teaminternen Finalduell mit Petrissa Solja/Shan Xiaona (Berlin) standen für den DTTB vier Podestplätze zu Buche.

Gegenüber den Titelkämpfen 2015 in Russland (einmal Gold und einmal Broze) bedeutete das Gesamtergebnis auf dem Papier eine Verdopplung und erneut Platz eins im Medaillenspiegel.

Lebesson und Melek holen Einzel-Gold

Doch die Bilanz von Budapest, wo der Franzose Emmanuel Lebesson und die chinesischstämmige Türkin Hu Melek Einzel-Gold holten, glänzt nicht nur wegen des Zweitrunden-Aus von Titelverteidiger Dimitrij Ovtcharov (Hameln/Orenburg) matt: Die Herren verloren von ihren 2007 im "Durchmarsch" eroberten drei Titeln nach der Krone in der Mannschaft (2014) im Einzel nach zuletzt fünf Triumphen in Serie auch den zweiten wichtigen Titel, und die Damen blieben wenige Wochen nach Olympia-Silber für die Mannschaft trotz drei Viertelfinalistinnen im Einzel wie schon vor Jahresfrist sogar gänzlich ohne Edelmetall.

"Unser Fazit fällt durchwachsen aus. Vier Medaillen sind ordentlich. Aber auch wenn 'Dima' Ovtcharov bald wieder der dominierende Spieler in Europa sein wird, sind wir mit nur einem Spieler im Herren-Achtelfinale nicht zufrieden, und bei den Damen hatten wir uns mit den Nummern eins bis drei der Setzliste auch etwas mehr erhofft", sagte DTTB-Sportdirektor Richard Prause.

Eine erfreulichere Bilanz verhinderte am Schlusstag Bolls dramatische Wandlung zum "tragischen Helden". Als in seinem Semifinale gegen den Franzosen Simon Gauzy beim Stand von 1:2 die schon für auskuriert gehaltene Blessur aus dem Olympia-Turnier von Rio wieder auftrat, signalisierte der 35-Jährige mit traurigem Blick seine Aufgabe.

"Es ist mir in den Nacken gefahren"

Damit endete für den Düsseldorfer eine Serie von bis dahin überraschend starken Auftritten, bei den denen Boll noch tags zuvor gegen Groth (4:3) und den Finnen Benedek Olah (4:2) auch kämpferisch vollauf überzeugt hatte.

Boll bezeichnete die Aufgabe im Kampf um die Chance auf seinen siebten Einzel-Titel bei einer EM als Gebot der Vernunft: "Es ist mir im zweiten Satz wieder in den Nacken gefahren.

Es ist die gleiche Stelle wie bei Olympia. Nachdem es sich nicht wieder legte, habe ich vorsichtshalber aufgegeben." Der Ausstieg sei auch Vorsichtsmaßnahme mit Blick auf die Heim-WM 2017 (29. Mai bis 5. Juni) in Düsseldorf: "Die WM ist für mich der Saisonhöhepunkt, auf den ich richtig heiß bin. Deswegen wollte ich nicht erneut eine längere Pause riskieren."

Damen klagen über "mentales Loch"

Einen Boll in optimaler Verfassung scheinen die DTTB-Herren in Düsseldorf auch zu brauchen. Nach zuletzt mehreren Dämpfern - in Rio mussten sich die DTTB-Herren mit Bronze statt der angestrebten Silbermedaille begnügen - rutschen die lange als "Chinesen Europas" geltenden Spieler von Bundestrainer Jörg Roßkopf zusehends ins kontinentale Mittelmaß ab.

Im Damen-Bereich führte Roßkopfs Kollegin Jie Schöpp das enttäuschende Einzel-Ergebnis, das der Weltverband ITTF auf seiner Homepage als "Katastrophe" wertete, auf die Auswirkungen der Olympia-Belastungen zurück: "Nach Rio sind die Spielerinnen mental in ein Loch gefallen. Wäre die EM in drei oder vier Wochen, würden wir erfolgreicher sein."

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