Andy Murray dank Ivan Lendl auf dem Tennisthron angelangt

Das Topf-Deckel-Prinzip

Von Jannik Schneider
Dienstag, 22.11.2016 | 15:21 Uhr
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Ist Andy Murray lediglich Nutznießer der Schwächephase von Novak Djokovic, oder hat der Schotte sein Spiel nochmals auf ein anderes Level gehoben? Die Meinungen gehen auch nach dem beeindruckenden Endspielsieg bei den ATP-Finals weit auseinander. Fest steht: Fernab aller Diskussionen hat Ivan Lendl aus Murray einen Gewinnertyp geformt - und das bereits zum zweiten Mal.

Wie war das mit dem Deckel und dem dazu passendem Topf noch gleich? Bekanntlich soll es ja für jeden auf unserer schönen Welt einen Passenden geben. Nur ist der nicht immer ganz leicht aufzufinden - und oder - verformt sich über kurz oder lang. Diverse Datingplattformen geben im Jahr 2016 eine Menge Geld aus für Werbung und konfrontieren uns auf U-Bahn-Plakaten und im Internet mit großen Versprechen. Einfacher wird es dadurch nicht unbedingt.

Was im Privatleben nicht selten eine große Herausforderung darstellt, wird im Sport mitunter schonmal zur Mission Impossible. Hier geht es zwar nur in den seltensten Fällen um die Liebe des Lebens. Aber ohne die strukturierte, fruchtbare Zusammenarbeit mit einem Trainer sind sportliche Erfolge in der Regel langfristig nicht darstellbar. Sportartübergreifende Beispiele gibt es zu Genüge, ohne dem HSV, 1860 München oder den Damen Lisicki und Petkovic, die des öfteren danebenliegen bei der Trainerwahl - zu nahe treten zu wollen.

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Dagegen darf sich Andy Murray im November 2016 sehr glücklich schätzen: Der 29-Jährige hat seinen sportlichen Deckel dieses Jahr bereits zum zweiten Mal gefunden - oder besser gesagt: überredet. Nach dem verlorenen French-Open-Finale im Juni gegen Novak Djokovic trat der frühere tschechoslowakische (später amerikanische) Weltklassespieler Ivan Lendl seine zweite Amtszeit als Trainer des Schotten an.

Trennung nach großen Titeln

Bereits zwischen Januar 2012 und März 2014 war der mittlerweile 56-Jährige für den Konterspezialisten zuständig. In diese Zeit fielen Murrays bis dato größte Erfolge: der Olympiaerfolg in Wimbledon und der US-Open-Sieg 2012, sowie der von ganz Großbritannien herbeigesehnte Wimbledontitel 2013.

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Im März des darauffolgenden Jahres beendete das Duo im beideitigem Einvernehmen die Zusammenarbeit. Lendl wollte schlichtweg nicht mehr so viel Reisen und die sportlichen zu meist Golfkarrieren seiner fünf Töchter intensiver begleiten - zudem selbst zum Schläger greifen:"Er ist ein erstklassiger Kerl. Aber nachdem ich ihm helfen konnte, sein Ziel zu erreichen, große Titel zu gewinnen, will ich mich mehr auf meine eigenen Projekte konzentrieren. Und dazu gehört es, selbst wieder mehr Schaukämpfe rund um die Welt zu spielen. Aber ich werde immer in Andys Ecke stehen", wurde er damals auf Murrays Hompepage zitiert.

Erneute Finalschwäche unter Mauresmo

Unter Amelie Mauresmo, deren Engagement von Anfang an kritisch beäugt wurde, blieb Murray zwar beständig unter den "Großen Vier". Einen großen Titel gewann er in dieser Zeit aber nicht. Im Gegenteil: Unter der Französin reichte es in drei Finalteilnahmen bei Grandslams zu lediglich zwei Satzgewinnen gegen Djokovic. Murray, der sich gerade erst aus der Schublade des ewigen Zweiten hatte befreien können, war eben wieder in jener gelandet. Der Schlüssel, um diese Schublade in den großen Matches zu verlassen, war mehr als gut versteckt. Bei der Suche schien Mauresmo - die stets Rückendeckung ihres Schützlings erhielt - jedoch glücklos. Zudem bekam sie 2015 ihr erstes Kind, gab danach naturgemäß immer seltener Murrays Reisebegleitung.

Und so musste sich Murray - ob er wollte oder nicht - an seinen alten, stoischen Trainer erinnern. Es ist nicht überliefert, wer wen kontaktiert hat. Es ist aber gut möglich, dass Lendl in der Zwischenzeit zu sehr mitgelitten hat, als das er hätte weiter tatenlos von außen zusehen können. Es ist nicht zu pathetisch zu behaupten, nur Lendl könne sich ganz in das sportliche Seelenleben Murrays hineinfühlen. Denn: Die einzigartige Verbindung zwischen Lendl und Murray ist nicht von der Hand zu weisen.

"Ivan hat dasselbe durchgemacht"

Seit dem zweiten Dienstantritt hat Murray auf der Tour nur noch ein einziges Match verloren und in Wimbledon seinen insgesamt dritten Grand-Slam-Erfolg gefeiert, als erst zweiter Spieler überhaupt den Titel bei Olympia verteidigt und zuletzt fünf Turniere am Stück gewonnen - am Sonntag erstmals die ATP-Finals.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung erklärte Murray die Qualität Lendls bereits vor den Finals so: "Er hat vieles von dem, was ich durchlebte, selber durchgemacht." Tatsächlich gibt es nur zwei Tennisprofis auf der Welt überhaupt, die ihre ersten vier Grand-Slam-Turniere verloren haben: Lendl und eben Murray.

Eine weitere Parallele: Lendl musste sich sich Anfang der 80er-Jahre gegen ein Gigantentrio mit Björn Borg, Jimmy Connors und John McEnroe durchsetzen - genau wie Murray gegen Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic. Beide wurden in schöner Regelmäßigkeit damit konfrontiert, dass diese drei mehr Talent hätten - schlichtweg diese entscheidenden fünf Prozent besser sind.

Kein Techniktraining unter Lendl

Der Schotte hat dem Begriff Talent allerdings noch nie eine entscheidende Rolle zukommen lassen. Er glaube schlichtweg nicht daran, dass "ein Mensch mit Talent geboren wird. Es entsteht dadurch, wie jemand aufwächst und wie viel natürlichen Ehrgeiz jemand besitz", so Murray. An Ehrgeiz hat es dem schottischen Helden wahrlich noch nie gemangelt. Aber am spielerischen Feinschliff und der mentalen Komponente?

Zu beiden Baustellen hat sein Trainer hochinteressante Ansichten. Lendl meldet sich selten öffentlich zu Wort. Wenn, dann sollte man aber genau zuhören. Zum Thema technische und spielerische Weiterentwicklung sagte Lendl der DailyMail bereits vor dem diesjährigen Wimbledontriumph seines Schützlings: "Techniktraining? Habe ich mit Andy noch nie gemacht - null." Die Begründung lieferte der 56-jährige gleich mit: "Zum einen, weil ich daran glaube, dass es zwischen 27 uns 29 schlichtweg nichts mehr bringt. Zum anderen, weil ich mies im Techniktraining bin."

Im absoluten Weltklassebereich gehe es für Lendl mehr darum, die Dinge, die ein Spieler bereits verinnerlicht hat "ins grooven zu bekommen. Sie müssen in Fleisch und Blut übergehen."

Lendl als Mentalcoach im Hintergrund

Lendl sieht sich also mehr in der Rolle des Taktikers, Managers und Motivators im Hintergrund. Und er überzeugt mit Ehrlichkeit: Er doktort nicht in Murrays Spiel herum. Er weiß, dass Murray mit 29 ein fertig ausgebildeter Weltklasseprofi ist. Ein Profi, der mental vielleicht mehr durchgemacht hat als jeder andere seiner Kontrahenten. Wo wir bei der zweiten Komponente angelangt wären.

Es gibt kaum ein Interview, in dem Lendl seinen Schützling nicht für seine außerordentliche Weiterentwicklung im Kopf lobt. Es wirkt fast so, als wolle er den Horizont der Fans und all den selbsternannten Experten erweitern. Ihnen klarmachen, was Murray durchgemacht haben muss:

"Was mich am meisten beschäftigt hat, ist der Druck unter dem Andy stets stand. Die Menschen auf der Straße in London haben Andy selbst kurz vor dem Finale in Wimbledon 2012 noch zugerufen 'Wir hoffen, Du gewinnst. Es ist hier so lange her, dass jemand von uns den Titel geholt hat'. Ich habe nie unter einem derartigem Druck gestanden. Und, dass Andy ihn ein Jahr später handlen konnte, war wunderschön mitanzusehen."

Ultimative Verbindung

Murray ist niemand, der nur Ja-Sager um sich herum benötigt, die ihn hätscheln. Der griesgrämige und fordernde Lendl scheint die ideale Ergänzung für Murrays Karriere. Wohl auch, weil er eben die ultimative mentale Verbindung zu Murray besitzt. Die kann man als Trainer nicht erlernen.

Und der Schotte genießt es, diesen Mann gefunden zu haben. Er will, er benötigt ihn in seiner Box, um die letzten fünf Prozent herauszukitzeln. Diesen nach außen stoischen, nie lächelnden und emotionslosen alternden Mann, der auch dann nichts an seinem Aggregatzustand ändert, wenn der Weltranglistenerste mal wieder nicht jugendfreie Schimpftiraden Richtung der eigenen Box abschießt.

Diesen Ansatz beachtend, erscheint es auch völlig sekundär, ob die neuesten Erfolge auf der Schwäche des Djokers basieren. Murray hat die großen Turniere ebenfalls in Lendls erster Amtszeit gewonnen - da waren weder Djokovic, Nadal noch Federer in irgendwelchen Sinnkrisen.

Nicht zweitrangig ist aber, dass Murray ohne seinen Coach dieses Jahr vermutlich nicht so abgeräumt hätte, nicht so durch Wimbledon marschiert wäre und nicht die entscheidenden Punkte bei den Finals gemacht hätte. Dann wäre es vielleicht der endgültige Durchbruch für Milos Raonic gewesen, den der Schotte in Wimbledon in engen Sätzen und jetzt bei den Finals unter Abwehr eines Matchballs denkbar knapp besiegt hätte.

Denn ein Einzelsport wie Tennis lebt eben von der Frische im Kopf, um eine mögliche Schwächephase des Gegners auszunutzen. Lendl hat Murray dabei geholfen, dies wiederholt auf allerhöchsten Niveau zu schaffen.

Der Topf und der Deckel haben zueinandergefunden. Zum Glück für den Schotten, der deswegen - wie in einer richtigen Beziehung auch - die schlechten Eigenschaften respektiert. Von einem Journalisten während der US Open auf Lendls Ernsthaftigkeit angesprochen, entgegnete Murray: "Er ist ein klein wenig lockerer geworden, seit er auch noch mit jüngeren Spielern zusammengearbeitet hat." Um sogleich zu relativieren: "Humor hat er immer noch keinen."

Andy Murray im Steckbrief

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