Die Jagd nach dem heiligen Gral

Von Alexander Hagl
Sonntag, 26.06.2016 | 18:00 Uhr
Wer kann Novak Djokovic auf seinem Weg zu Golden Slam stoppen?
© getty

Der Klassiker im All England Club zu London steht wieder an. Der Altmeister fordert noch einmal den Dominator der Szene heraus, doch dies dürfte ein hoffnungsloses Unterfangen werden. Ein Australier kehrt aus dem Ruhestand zurück und der "Grashüpfer" ist bereit für den nächsten Coup. SPOX beleuchtet die Chancen der Hauptdarsteller in Wimbledon.

Der Topfavorit: Vier Grand-Slam-Titel in Folge. Braucht es mehr Statistik um die Dominanz von Novak Djokovic zu untermauern? Der Djoker spielt außerirdisch gut, fast in einer anderen Liga als sämtliche Konkurrenten auf der ATP-Tour. Allein in 2016 steht der Schützling von Boris Becker bei einer Bilanz von 44-3 und gewann sechs Titel. Der Triumph bei den French Open vor drei Wochen in Paris komplettierte seine Grand-Slam-Sammlung.

"Ein sehr spezieller Moment für mich, vielleicht der beste in meiner Karriere", sagte Djokovic nach dem Finale gegen Andy Murray. Doch der Hunger des Serben ist lange nicht gestillt. Mit zwölf Major-Titeln steht er auf einer Stufe mit Roy Emerson. Nur noch Rafael Nadal, Pete Sampras und Roger Federer liegen vor ihm. Und Nole sind sechs weitere Triumphe durchaus zuzutrauen.

Der Titelverteidiger: Novak Djokovic verfolgt nebenbei noch ein ganz anderes Ziel. Das, was nur Steffi Graf 1988 in der Damenkonkurrenz gelang: Der Golden Slam. Alle vier Grand Slam-Turniere und zusätzlich olympisches Gold zu gewinnen. Vor Rio steht aber jetzt erstmal die geplante Titelverteidigung an der Church Road an.

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Die soll ähnlich vonstatten gehen wie im Vorjahr, als der Djoker nur im Achtelfinale Probleme mit Kevin Anderson bekam und sich von einem 0:2-Satzrückstand zurück kämpfen musste. Wie im letzten Jahr verzichtete Nole auch im Jahr 2016 auf sämtliche Vorbereitungsturniere auf Rasen. Dafür bereitete er sich mit Boris Becker intensiv auf das prestigeträchtigste Turnier des Jahres vor.

Die "Konkurrenten": Der wahrscheinlich schwerstmögliche Gegner für Djokovic ist schon raus. Rafael Nadal musste die Teilnahme an den All England Lawn Championships wegen einer Verletzung am linken Handgelenk absagen. Dauerrivale und Kumpel Murray ist wohl damit der gefährlichste Widersacher im Feld. Der Schotte konnte im Vorfeld das Vorbereitungsturnier im elitären Queen's Club gewinnen. Begleitet wird er wieder vom früheren Wimbledon-Sieger Ivan Lendl, der bereits ankündigte, dem Djoker "seine Golden-Slam-Pläne verhageln" zu wollen.

Trotz seiner 34 Jahre muss auch Roger Federer in diesem Kreis genannt werden. Der Schweizer will es noch einmal wissen, schließlich würde er sich mit dem achten Triumph zum alleinigen Rekordhalter aufschwingen. "Wimbledon. Das ist, wo meine Helden Becker, Edberg, Sampras gewonnen haben. Wimbledon ist der heilige Gral," sagte FedEx erst vor kurzem. Der bleibt für den Schweizer wohl wie letztes Jahr verschollen. Damals scheiterte er im Finale an Djokovic, nun musste er sich schon im Hallenser Vorbereitungsturnier Alexander Zverev geschlagen geben.

Anstelle von Nadal könnte Milos Raonic in die Riege der Top Four vorstoßen. Das kanadische Aufschlagwunder hat sich dafür prominente Unterstützung ins Boot geholt. Ex-Wimbledon-Champion John McEnroe ist für die Rasensaison an seiner Seite. Im Queen's Club gab's eine erste Kostprobe: Im Finale brachte Raonic seinen Gegner Murray bereits am Rande einer Niederlage und überzeugte mit zahlreichen Vorstößen ans Netz.

Dark Dark Darkhorse: Grigor Dimitrov ist mit unglaublichem Talent gesegnet. Vor allem bei seinen Aufrisskünsten neben dem Platz. Nach Serena Williams und Maria Sharapova ist nun Sängerin und Lewis-Hamilton-Ex Nicole Scherzinger die neue Flamme des Bulgaren. Darunter leidet aber wohl die Konzentration auf dem Court. Dimitrov schied bei den letzten fünf Turnieren jeweils in der ersten Runde aus. Dafür kennt er aber die Songs seiner Freundin aus dem Effeff, wie er beim Rasenturnier am Stuttgarter Weißenhof bewies.

Nostalgie pur: Er kann es nicht lassen. Lleyton Hewitt wagt ein kleines Comeback und schlägt sechs Monate nach seinem Karriereende wieder an der Church Road auf. Für die Doppelkonkurrenz hat er zusammen mit seinem Landsmann Jordan Thompson eine Wildcard erhalten. Wir erinnern uns gerne an das Jahr 2002, als "Rusty" die Dominanz der Aufschlagriesen um Sampras, Ivanisevic und Co. durchbrach und die Gentlemen's Singles Trophy in die Höhe streckte. Auf alle Fälle freuen wir uns, dass wir wieder ein nach hinten gerichtetes weißes Cap zu sehen bekommen, wenn schon Tommy Haas nicht dabei ist.

Letztes Jahr: Ein Rastafari im elitären All England Club passt nicht? Passt doch! Dustin Brown verzückte die britischen Fans mit seiner aggressiven Spielweise. Rafael Nadal dürfte dies eher weniger gefallen haben. Brown warf den Favoriten sensationell in vier Sätzen aus dem Turnier, Becker-Hecht-Volleys inklusive. Darauf wollten die Organisatoren auch dieses Jahr nicht verzichten und statteten den Publikumsliebling mit einer Wildcard aus. Und der wird wieder getreu seinem Motto "Winner or Plane" die Tennisfans verzücken.

Die Deutschen: Mit Brown steht eine absolute Wundertüte im Hauptfeld, der von einer sang- und klanglosen Niederlage bis hin zu einem Spektakel alles zuzutrauen ist. Zwei andere haben größere Erwartungen. Top-Talent Alexander Zverev schlug bei den Gerry Weber Open in Halle sein Idol Roger Federer.

Im Finale scheiterte Zverev an Florian Mayer. Der "Grashüpfer" konnte seine Wut offenbar richtig kanalisieren. Vor dem Turnier in Halle beklagte Mayer noch, dass eine Wildcard an Taylor Fritz und nicht an ihn ging. Mayer musste sein Protected Ranking einsetzen und holte sich den Turniersieg. In Wimbledon rutscht er auch durch diese Ausnahmeregelung ins Hauptfeld und muss gleich wieder gegen Dominic Thiem antreten.

Alexander Zverev im Porträt: Ein Geschenk des Himmels

Bei Philipp Kohlschreiber muss man abwarten, ob ihn seine Zerrung an der Hüfte noch beeinträchtigt. Kohli musste deswegen bei den Gerry-Weber-Open passen. Für Benjamin Becker und Jan-Lennard Struff würde das Überstehen der ersten Runde schon einen Erfolg darstellen.

Schwerster Draw: Das erste Mal bei einem Grand Slam-Turnier gesetzt und trotzdem findet Alexander Zverev einen schwierigen Weg durch den Turnierbaum vor. Die Auftaktpartie gegen Paul-Henri Mathieu ist schon kein Zuckerschlecken und in der zweiten Runde dürfte mit Michael Youzhny der nächste Routinier warten. Sollte sich Zverev doch durchsetzen, wartet mit Tomas Berdych bereits in der dritten Runde der erste richtige Hammer. Doch wer einen Roger Federer auf Rasen bezwingt, den dürften diese Aufgaben nicht abschrecken, oder?!

Leichtester Draw: Lokalmatador Andy Murray war dieses Mal mit Fortuna im Bunde. Liam Broady, Yen-Hsun Lu und Benoit Paire werden für den Schotten kein Problem darstellen. Im Achtelfinale wird wohl Nick Kyrgios auf ihn warten, der zwar für die Clips der Highlightshow sorgt, aber doch die Segel streichen muss. Die ersten schwereren Aufgaben stehen wohl im Viertelfinale gegen Richard Gasquet oder Jo-Wilfried Tsonga und im möglichen Halbfinale gegen Thiem oder Stan Wawrinka an.

Geschichtsstunde: Vor genau 30 Jahren trat Boris Becker zum ersten Mal als Titelverteidiger in seinem Wohnzimmer an. Souverän spielte sich Bum Bum Boris im immer noch zarten Alter von 18 Jahren bis ins Finale und traf dort auf Ivan Lendl. Mit 15 Assen und obligatorischem Becker-Hecht bezwang er den damaligen Weltranglistenersten glatt in drei Sätzen. Dieses Jahr könnte es sogar eine Wiederholung davon geben, auf Trainerebene. Dazu müssten Becker-Schützlinge Djokovic und Murray, der von Lendl gecoacht wird, im Finale aufeinander treffen.

Wimbledon 2016 im Überblick

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