Heinz Günthardt im Interview

"Federer ist wie ein Lotto-Gewinn"

Von Interview: Florian Goosmann
Donnerstag, 28.04.2016 | 11:15 Uhr
Heinz Günthardt war früher der Trainer von Steffi Graf
© getty
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Heinz Günthardt ist einer der erfolgreichsten Schweizer Tennisspieler: Der 57-Jährige schaffte es bis auf Platz 22 der Welt im Einzel. Noch erfolgreicher war Günthardt als Doppelspieler: Hier kam er auf 22 Turniersiege und bis auf Rang 3. Nach seiner Karriere coachte Günthardt unter anderem Steffi Graf, die unter ihm 12 ihrer 22 Grand-Slam-Titel holte. Günthardt ist aktuell Betreuer des Schweizer Fed-Cup-Teams und seit vielen Jahren als Kommentator fürs Schweizer Fernsehen aktiv. tennisnet.com hat sich mit Günthardt beim Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart unterhalten.

Frage: Herr Günthardt, wie macht das die Schweiz eigentlich? Man denkt immer: Nach Martina Hingis wird's eng. Nach Federer und Wawrinka wird's eng. Aber die Schweiz hat immer ein oder zwei neue Asse im Ärmel, wie jetzt Belinda Bencic und Timea Bacsinszky. Was ist das Geheimnis der Schweizer?

Günthardt: Ganz sicher hat das viel mit Glück zu tun. Viel mehr als man denkt. Es gibt keine geheime Soße in unserem Essen, um besser Tennis zu spielen. Solche Spieler zu haben, ist wie ein Lottogewinn. Nur: Um in der Lotterie gewinnen zu können, muss ich zunächst Lose kaufen. Mit anderen Worten: Ich brauche Tennisplätze und eine gute Verteilung davon. Und wenn ich Glück habe noch einen guten Coach, der das Kind motiviert, weiterzuspielen. Es müssen ein paar Dinge zusammenkommen. Man kann einen Roger Federer wohl nicht produzieren, aber man könnte ihn sehr einfach verhindern.

Frage: Wo kann der Weg für Bencic und Bacsinszky noch hingehen? Bencic wird ja von einigen als kommende Nummer eins gehandelt.

Günthardt: Die beiden stehen schon oben, waren bereits in den Top Ten. Die Frage ist, ob sie auch einen Grand-Slam-Titel gewinnen können. Das kann man natürlich nicht beantworten. Das hängt von sehr vielen Dingen ab, nicht zuletzt von den Gegnern, also davon, wie stark die Konkurrenz ist. Man kann nicht alles selbst beeinflussen. Aber ich glaube, dass beide das Potenzial dazu haben, einen großen Titel zu gewinnen.

Frage: Stan Wawrinka hat die beiden letzten Jahre sehr überrascht. Vor allem sein French-Open-Sieg gegen Novak Djokovic war eine Sternstunde im Tennis. Was ist für ihn noch alles drin?

Günthardt: Wenn er seinen Tag hat, kann er dermaßen Druck machen, dass er jeden wegfegen kann. Das hat man beim French-Open-Finale gesehen. Er ist einer der wenigen, der nicht darauf angewiesen ist, dass ein Novak Djokovic einen schwachen Tag erwischt. Denn das war nicht der Fall im Finale. Es ist durchaus möglich, dass er seinen Titel bei den French Open verteidigt.

Frage: Kann Wawrinka auch mental noch zulegen? Man hat manchmal das Gefühl, dass er sich nicht ganz im Griff hat.

Günthardt: Ich glaube, dass die Art und Weise, wie er spielt, ein gewisses Risiko verlangt. Seine Stärke ist auch diese Sturheit. Wenn es läuft und er drei oder vier Schläge verzogen hat, versucht er's beim fünften immer noch volle Kanne. Das ist großartig, wie er das wegsteckt. An Tagen, an denen es nicht läuft, sieht das oft etwas ungeschickt aus. Das ist einfach seine Art zu spielen. Er gewinnt mit ihr und er verliert mit ihr. Notgedrungen gibt es da ein paar Schwankungen mehr als bei anderen.

Frage: In Deutschland ruhen viele Hoffnungen auf Alexander Zverev. Wie beurteilen Sie ihn? Kann er tatsächlich in die Top Ten kommen, womöglich die Nummer eins werden, wie viele Experten denken?

Günthardt: Er hat sehr viel Talent, überhaupt keine Frage. Aber die Leistungsdichte ist so hoch... Auch da müssen gewisse Dinge zusammenkommen. Er muss verletzungsfrei bleiben, das kann man nur bedingt beeinflussen, da kann man auch Pech haben. Dann kommen Dinge zusammen, die einem den zusätzlichen Schub geben. Bei Wawrinkas Australian-Open-Sieg zum Beispiel gab's ein paar Aufgaben, es war sehr heiß, im Halbfinale spielt er gegen Tomas Berdych, gegen den er fast immer gewinnt. Ab dann ist er nicht mehr der gleiche Spieler und zeigt, was tatsächlich in ihm steckt. Bis zu einem gewissen Punkt braucht man Glück. Aber dann muss man auch gut genug sein, dass das Glück einem auch über die Ziellinie hilft. Denn nur mit Glück gewinnt man sicher keinen Grand-Slam-Titel. Bei Angelique Kerber war das ja auch so. Sie hat die Australian Open gewonnen, hat fantastisch gespielt im Finale, das war eine Wimpernschlagentscheidung. Wenn Serena Williams im entscheidenden Augenblick drei, vier Asse mehr geschlagen hätte - wer weiß? Aber dieser Schub ist auch bei Angelique gut zu sehen. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten.

Frage: Und Dominic Thiem, der in diesem Jahr so richtig durchstartet - wohin kann es für ihn gehen?

Günthardt: Er ist ein sehr kraftvoller Spieler. Ab einem gewissen Punkt ist es natürlich nicht mehr nur eine Frage der Schläge, sondern auch der Ausdauer, um ganz nach oben zu kommen. Auch die Motivation spielt eine Rolle, und wie gewisse Dinge sich entwickeln. Dominic Thiem kann von der Grundlinie enorm viel Tempo machen, vor allem auf langsamen Belägen. Er erinnert ein bisschen an Thomas Muster, weil er solch extremen Druck machen kann.

Frage: Aktuell zieht Novak Djokovic recht einsam seine Kreise. Er siegt, hat Selbstvertrauen, das immer weiter steigt. Was würden Sie einem Spieler raten, der gegen Djokovic ran muss?

Günthardt: Das hängt natürlich auch vom Spieler ab. Man kann keine Taktik spielen, die man nicht beherrscht. Wie man ihn schlagen kann, hat Stan Wawrinka gezeigt. Er hat ihn bei den French Open mehr oder weniger weggedrückt. Er war schon zuvor zwei oder drei Mal dran, bei seinem Australian-Open-Sieg hat er Djokovic auch geschlagen. Wenn einer richtig Druck machen kann von der Grundlinie, und das mit einer gewissen Konstanz, dann gibt es auch den Punkt, an dem Novak ein paar Fehler mehr macht und ein paar Dinge überlegt. Aber an diesen Punkt zu kommen - dazu haben nur sehr wenige die Möglichkeiten. Das kann jemand sein, der super aufschlägt und ihn nicht erst spielen lässt. Oder wenn der Belag schnell genug ist, einen Ball zu spielen, wie Roger ihn schlägt - das ist auch eine Möglichkeit. Dann bekommt Novak nicht diesen Rhythmus, den er so mag.

Seite 1: Günthardt über FedEx, Zverev und den Djoker

Seite 2: Günthardt über seinen TV-Job, Taktik und Steffi Graf

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