Zwischen Himmel und Hölle

Von Christian Rapp
Pete Sampras ist nach seinem historischen Fünfsatz-Match mit den Kräften am Ende
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5. Drama der Matchbälle

Michael Stich - Andrej Chesnokov 4:6, 6:1, 6:1, 3:6, 12:14

Ort: Moskau, RUS

Runde: Halbfinale 1995

Michael Stich sitzt minutenlang auf der Bank. Sein verheultes Gesicht tief unter seinem Handtuch versteckt. Trotz 15.000 Menschen in der Moskauer Olympiahalle ist Stich - in diesen endlos erscheinenden Minuten - die einsamste Person auf der Welt.

Boris Becker steht regungslos hinter seinem Mitspieler und tätschelt dessen Rücken. Alle im deutschen Davis-Cup-Team schauen sich verdutzt an, versuchen das Unbegreifbare zu verstehen. Was sich aber in den gut fünf Stunden zuvor abspielt, ist schlicht nicht zu realisieren.

Stich soll Traumfinale perfekt machen

Es ist der 24. September 1995. Michael Stich soll gegen Andrej Chesnokov den dritten und entscheidenden Punkt für das deutsche Team holen. Im Finale warten schließlich die US-Boys.

Doch Chesnokov, die Nummer 59 der Welt, hat etwas dagegen. Es entwickelt sich ein ausgeglichenes Match. Am Ende kann der Russe etwas glücklich den ersten Satz für sich entscheiden, Stich ist gewarnt. Der Satzverlust ist ein Weckruf.

Die folgenden beiden Sätze dominiert Stich nach Belieben. Mit atemberaubendem Serve-and-Volley entzaubert er seinen Gegner und lässt die Massen verstummen. Mit 6:1 und 6:1 gehen die Sätze an den Deutschen. Das Finale scheint in Reichweite.

Stich vs. Publikum

Doch mit dem Mute der Verzweiflung kann Chesnokov den vierten Abschnitt offen gestalten. Was aber weit wichtiger ist. Die Zuschauer sind zurück aus der Schockstarre. Stich kämpft nicht nur gegen seinen Gegner auf dem Court, sondern gegen 15000 wie entfesselnd wirkende Russen.

Das Publikum peitscht Chesnokov nach vorne. Leichte Fehler von Stich werden enthusiastisch bejubelt. Aufschlagfehler beklatscht, als wäre der Matchball gespielt. Rufe während der Ballwechsel bringen Stich aus der Fassung. Der Deutsche scheint von der Atmosphäre angezählt und verliert den vierten Satz.

Ein Albtraum wird wahr

Die Folge: Das Spiel entwickelt sich zu einem Ritt auf der Rasierklinge. Stich wirkt ausgelaugt. Physisch von dem kräftezehrenden Doppel tags zuvor, psychisch vom Moskauer Hexenkessel. Doch Stich kämpft sich wieder in die Partie. Beim Stand von 6:6 gelingt dem Deutschen das Break.

Dann ereignet sich das Unerklärliche. Stich erspielt sich den ersten Matchball. Aufschlag, Sprint nach vorne. Weltklasse Return. Matchball abgewehrt. Weitere acht Matchbälle folgen. Weitere acht Mal rennt der Elmshorner ins Verderben.

"Ich habe versagt"

Es kommt, wie es kommen muss. Mit der ersten Breakchance gelingt dem Russen das Break. Stich ist demoralisiert. Er schleppt sich aber eine weitere Stunde durch die Partie. Doch beim Stand von 12:13 und 15:40 ist das Unheil nicht mehr abzuwenden. Stich beendet die Partie, wie könnte es anders sein, mit einem Doppelfehler.

Das Traumfinale zerplatzt wie eine Seifenblase, Stich ist am Boden zerstört. "Ich habe versagt. Das war nicht die schlimmste, aber die schmerzhafteste Niederlage meiner Karriere. Als Mensch und Tennisspieler wird dieses Match mich immer prägen. Ich wusste nicht, wie brutal Sport sein kann."

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