Zwischen Himmel und Hölle

Von Christian Rapp
Pete Sampras ist nach seinem historischen Fünfsatz-Match mit den Kräften am Ende
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2. Das Wintermärchen von Göteborg

Carl-Uwe Steeb - Mats Wilander 8:10, 1:6, 6:2, 6:4, 8:6

Ort: Göteborg

Runde: Finale 1988

Es ist der 16. Dezember 1988. Schweden empfängt Deutschland zum Davis-Cup-Finale. Die Schweden sind in jenen Tagen die überragende Tennis-Nation. Mats Wilander spielt ein famoses Jahr, holt sich drei Grand-Slam Titel und führt die Weltrangliste an. Sein Kronprinz Stefan Edberg schnappt sich den übrigen Grand Slam und ist die Nummer drei der Welt.

Deutschland hingegen, so scheint es, hat außer Boris Becker keine Argumente für einen Sieg. Dem zweiten Einzelspieler, Carl-Uwe Steeb, werden gegen den übermächtigen Schweden kaum Chancen eingeräumt. Der Schwabe ist ein solider Tennisspieler, aber eben doch nur auf Platz 74 der Weltrangliste zu finden. Zu allem Überfluss muss Steeb auch noch die Auftaktpartie bestreiten - gegen die Nummer eins der Welt.

Wenn, dann auf Sand!

Die Schweden wählen, um Becker größtmöglich zu schwächen, als Belag den langsamen Sand aus. Doch damit sollten sich die Skandinavier im Nachhinein ins eigene Fleisch schneiden. Denn Charly Steeb spielt sein bestes Tennis auf eben jenem Belag. "Ich wusste, dass ich auf diesem Boden mit ihm mitspielen konnte", sagte Steeb hinterher.

Dies zeigt er eindrucksvoll zu Beginn der Partie. Schnell führt Steeb mit 5:2. Der 74. der Welt hält mit dem Klassenprimus mit. Den Deckel auf den ersten Satz machen, kann er trotzdem nicht. Eiskalt schnappt sich der Schwede mit 8:6 doch noch Durchgang eins. Steeb wirkt angeschlagen. Den nächsten Satz gibt er klar mit 1:6 ab.

What a Comeback!

Die Messe scheint gelesen. Noch nie in seiner bisherigen Karriere hat Wilander eine 2:0-Satzführung aus der Hand gegeben. Und auch im Dritten läuft zunächst alles nach dem Gusto des Schweden. Doch dann dreht der junge Deutsche auf, legt die letzte Nervosität ab. Das Spiel seines Lebens beginnt.

"Ich habe mich weggebeamt, ich war in der Zone, mich konnte nichts mehr stoppen", schildert Steeb, was ab dem dritten Satz folgen sollte. Wilander beginnt zu wackeln, der Deutsche ist zur Stelle und angelt sich den Satz. Den nächsten gleich hinterher.

Der Wahnsinn beginnt

Doch im finalen Satz fängt sich der Weltklassespieler wieder. Wilander führt 5:2. Der ganze Fight, anscheinend umsonst. 5:6 - Aufschlag Wilander. Matchball Wilander.

"Beim Matchball wusste ich, dass ich volles Risiko gehen, den Punkt dominieren muss", beschrieb der Schwabe die Gedanken vor dem Ballwechsel. Steeb riskiert alles - doch sein Vorhand-Return segelt knapp ins Aus. Game, Set, Match Wilander! Doch nur für zwei Sekunden. Der Schiedsrichter sieht den Ball auf der Linie.

"Held von Göteborg"

Es geht weiter - und wie. Steeb schnappt sich das, im Tennis so wichtige, Momentum. Das Rebreak gelingt. Der 21-jährige spielt sich endgültig in einen Rausch. Die Sensation ist nun nicht mehr aufzuhalten. Es ist die Geburtsstunde vom "Held von Göteborg".

Wieder Aufschlag Wilander, nun aber Matchball Steeb. Wieder saust dem Schweden eine krachende Vorhand Steebs vor die Füße. Wilander kann den gelben Filzball nur noch als viel zu kurzen Lob zurückspielen. Steeb, bereits ans Netz geeilt, vollendet mit einem Schmetterball und sorgt damit für den ersten Teil des "Wintermärchens von Göteborg".

Seite 1: Die Schlacht von Hartford

Seite 2: Wintermärchen von Göteborg

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Seite 4: Held der Schmerzen

Seite 5: Drama der Matchbälle