"Game, Set and Match, Becker"

Von Philipp Pander
Sonntag, 19.06.2011 | 17:56 Uhr
Michael Stich bekommt vom Duke und der Duchess of Kent die Wimbledon-Trophäe überreicht
© Imago

Vor 20 Jahren standen sich Boris Becker und Michael Stich im Finale von Wimbledon gegenüber. Ein Duell der Gegensätze. SPOX blickt zurück auf das bislang einzige rein deutsche Grand-Slam-Finale.

Becker stürmt mit dem Service ans Netz, aber Stich retourniert mit der Vorhand in die Socken und zwingt den Leimener zum legendären Becker-Hecht. Stich ist zur Stelle und drückt den Volley ins Feld. 30:40. Matchball.

Wir schreiben den 7. Juli 1991 - den Tag des ersten und einzigen rein deutschen Endspiels bei einem Grand-Slam-Turnier. Michael Stich und Boris Becker stehen sich in modischen weißen Hotpants auf dem teils strohigen Rasen von Wimbledon gegenüber.

Natürlich ist Becker, der sich im Halbfinale gegen Agassi-Bezwinger David Wheaton (USA) durchgesetzt hatte, der Favorit, Stich der krasse Außenseiter. Aber Stich war es, der Becker durch seinen Halbfinalsieg über Stefan Edberg auf Platz eins der Weltrangliste gehievt hatte.

Becker breakt zuerst. Stich kontert, nimmt dem Rotschopf zweimal in Folge den Aufschlag ab und gewinnt den ersten Satz mit 6:4. Die Zuschauer spüren, dass sich eine Überraschung anbahnen könnte. Papa Detlef Stich hat in der Box die Videokamera fest im Griff.

Techniker Stich gegen Kämpfer Becker

Es ist ein Duell der Gegensätze. Auf der einen Seite der 22-jährige Emporkömmling Stich. Gesegnet mit einer lehrbuchmäßigen Technik bekommt er zu oft in den entscheidenden Situationen einen zittrigen Arm. Pete Sampras sagte einst: "Wenn alle ihr bestes Tennis spielen, ist Stich der Beste."

Auf der anderen Seite steht der dreimalige Wimbledon-Sieger Becker, der durch seine Ur-Gewalt in Aufschlag und Vorhand, seinem schnellen Serve-and-Volley-Spiel und seinen Nerven aus Boots-Tauen manchen technischen Makel kaschiert.

"Michael war der Stratege, ich die Kampfmaschine", hatte Becker einmal rückblickend gesagt. Stich behielt auf und abseits des Platzes stets die Fassung. Becker explodierte in seiner extrovertierten Art gerne mal. So auch an jenem Juli-Tag 1991.

Dem nur ein Jahr älteren, aber um Welten erfahreneren Becker gelingt auch im zweiten Durchgang der bessere Start. Er führt schnell mit 3:1. Doch wieder holt sich Stich das Re-Break. Der 22-Jährige bestimmt das Match von der Grundlinie, Becker findet nicht zu seinem Offensiv-Spiel. Der aufgestaute Frust muss raus. "Ich spiele einen Mist zusammen", schallt es über den Center Court.

Es geht in den Tiebreak, den Stich mit einem Ass zum 7:4 zumacht. Während der Elmshorner untypisch nervenstark auch im dritten Satz damit beginnt, das Match zu dominieren, verliert Becker in seinem Wohnzimmer mehr und mehr die Nerven. "Mein schlechtestes Match spiele ich ausgerechnet im Wimbledon-Finale", flucht der 23-Jährige und beginnt zu resignieren: "Ich mag nicht mehr." Leiden wie Boris, bis heute einfach legendär.

Auch Graf holt den Titel

Wie unglaublich dieses deutsche Duell war? Man stelle sich vor, Florian Mayer würde in zwei Wochen über einen 0:2-Satzrückstand im Finale gegen Philipp Kohlschreiber fluchen, während sich tags zuvor Andrea Petkovic zur neuen Königin von Wimbledon gekrönt hat. Was heute völlig abstrus klingt und ins Reich der völlig aberwitzigen Vorstellungen gehört, war damals Realität.

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Denn nicht nur die deutschen Herren beherrschten im Sommer 1991 das Geschehen an der Church Road. Am Vortag hatte eine gewisse Stefanie Maria Graf den Trophäen-Teller der All England Championships nach einem Sieg über Gabriela Sabatini in den Himmel über Wimbledon gereckt. Der deutsche Tennissport war auf seinem Zenit angelangt.

"Game, Set and Match, Becker"

Schließlich schlägt Becker bei 4:5 gegen den Matchverlust auf. Beim Stand von 30:30 zwingt Stich Becker zu Boden und entscheidet den spektakulärsten Ballwechsel des Finales für sich. Matchball. Becker serviert wieder knallhart durch die Mitte und rückt vor. Stich streckt sich, passiert mit der Vorhand und sinkt jubelnd auf die Knie.

Es wird der bislang letzte deutsche Herrentitel in Wimbledon und Stichs einziger großer Triumph über Becker bleiben. Fortan wird er weiter im großen Schatten des Leimeners stehen. Symbolisch dafür beschließt Stuhlschiedsrichter John Bryson das Match mit den Worten: "Game, Set and Match, Becker."

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