Schach

SPOX-Rematch gegen Schach-Meisterin Alisa Frey: "Ich will meine Gegner vernichten"

Alisa Frey und Spox-Redakteur Stefan Petri trafen sich in Düsseldorf zum Rematch.
© SPOX

Während der Schach-WM 2016 interviewte SPOX-Redakteur Stefan Petri die deutsche FIDE-Meisterin Alisa Frey - und verlor gleichzeitig sang- und klanglos ein Duell am Schachbrett. Zwei Jahre später gab es anlässlich der WM 2018 nun die Revanche. Dabei erklärte die 26-Jährige, warum sich Magnus Carlsen und Fabiano Caruana bisher ein Remis nach dem anderen liefern. Außerdem sprach sie über leidende Gegner und Psychospielchen am Brett, Absprachen und Betrugsfälle, Schach als Männerdomäne und die Zukunft des Sports.

Die ehemalige deutsche Vize-Meisterin begleitet die Schach-WM zusätzlich für SPOX im Liveticker.

SPOX: Alisa Frey, wir beide haben bereits vor zwei Jahren im Rahmen der Schach-WM gegeneinander gespielt und damals schon ein Rematch angekündigt. Dazu ist es jetzt tatsächlich gekommen. Nervös?

Alisa Frey: Ich erinnere mich ehrlich gesagt null an unsere Partie von vor zwei Jahren. (lacht) Insofern: Nein, keine Nervosität vorhanden.

SPOX: Ich habe in den letzten zwei Jahren bestimmt zwei, vielleicht auch dreimal Schach gespielt, kann also mit Fug und Recht behaupten, dass ich mein Niveau gehalten habe. Wie sieht es bei Ihnen aus?

Frey: Ich habe etwas öfter gespielt als Sie, aber nicht mehr so oft wie früher. Ich habe als Master-Studentin nicht mehr so viel Zeit für viel Training und Turniere.

SPOX: Wie macht sich das am Brett bemerkbar?

Frey: So direkt nicht, aber ich habe vor kurzem Frauen-Bundesliga gespielt und es ist tatsächlich so, dass man am Brett sitzt und es kommt einem alles ein bisschen fremder vor.

SPOX: Das erhöht meine Chancen! Wobei ich Ihnen im Vorfeld ein Remis angeboten hatte. Sie haben abgelehnt.

Frey: Ja, im Vorfeld einer Partie sind keine Absprachen erlaubt. Nach dem ersten Zug darf man sich bei uns in der Frauen-Bundesliga theoretisch gleich ein Remis anbieten, wobei das bei der jetzigen Schach-WM erst nach 30 Zügen erlaubt ist. Ein komplett leeres Partie-Formular abzugeben, wäre einfach unsportlich. Wie damals im Fußball zwischen Österreich und Deutschland.

SPOX: Genau, die Schande von Gijon. Aber Carlsen und Caruana hätten ja sagen können: Komm, in der sechsten und siebten Partie schieben wir Remis und haben beide ein paar Tage mehr frei.

Frey: Sie könnten auch gleich zwölfmal Remis spielen, das würde vieles einfacher machen. (lacht) Weniger Aufwand in der Vorbereitung, keine Sekundanten und so. Aber man darf nicht vergessen: Eine solche Absprache wäre nicht bindend und man könnte den Gegner kalt erwischen, nachdem er den ganzen Tag im Schwimmbad verbracht hat.

SPOX: Von den zwölf Remis sind wir mittlerweile ja gar nicht mehr weit entfernt. Wie fällt Ihre Analyse aus?

Frey: Das ist relativ gerecht, es ist noch nicht so, dass einer der beiden insgesamt viel stärker gespielt hat als der andere. Ich weiß, es sieht irgendwie doof aus. Sie spielen einen Stil, der für den Normalo-Schachspieler nicht so geil ist. Auch mich begeistern die Partien nicht immer. Andererseits ist ein mit mir befreundeter Großmeister total begeistert, weil sie so coole Endspiele spielen. Bei einer WM wird immer versucht, ein bisschen "neben der Piste zu fahren": In der sechsten Partie wurden zum Beispiel schnell die Damen vom Feld genommen und dann nur noch gespielt. Dann kommt weniger die Fleißarbeit ins Spiel, sondern einfach das Spielen. Und da sind sie eben sehr ausgeglichen bislang.

SPOX: Wenn es tatsächlich zwölf Remis werden sollten, was passiert dann?

Frey: Zuerst kämen je bis zu vier Schnellschach- und Blitzschach-Partien. Gibt es immer noch keinen Sieger, käme zum Abschluss eine Armageddon-Partie, in der Weiß gewinnen muss, aber dafür mehr Bedenkzeit bekommt.

SPOX: Wer hätte in diesem Tiebreak einen Vorteil?

Frey: Wahrscheinlich Carlsen, weil er in der Vergangenheit mehr WM-Titel im Schnell- und Blitzschach gesammelt hat.

SPOX: Also wäre damit zu rechnen, dass Caruana in den letzten Partien mehr Risiko geht?

Frey: Vielleicht, aber ich weiß nicht, wie er sich selbst einschätzt. Man wird meistens dann ein guter Schachspieler, wenn man ein sehr hohes Selbstvertrauen hat. Eine minimale Selbstüberschätzung ist gar nicht so schlecht.

SPOX: Erneut: Das erhöht meine Chancen! Also fangen wir an. Wir losen die Farben ganz klassisch aus, mit versteckten Figuren in der Hand. Wie funktioniert das in Turnieren?

Frey: Dafür gibt es Auslosungsprogramme. Bei der WM wurde die Reihenfolge nach sechs Partien übrigens umgedreht, Carlsen spielte deshalb in Partie sechs und sieben die weißen Figuren.

SPOX: Wie groß ist der Vorteil bei Spitzenspielern, mit Weiß zu beginnen?

Frey: (überlegt) Statistisch gesehen ist es 55:45, meine ich. Aber dabei sind viele Remis eingeschlossen. Je höher das Niveau, desto wichtiger ist der Vorteil, mit Weiß zu spielen. Als Schwarz reagiert man auf die Eröffnung und wählt die Verteidigung. Deshalb ist es für mich manchmal persönlich auch angenehmer, Schwarz zu spielen, wobei es auf meinem Niveau keinen großen Unterschied macht. Die Weltbesten wollen am liebsten immer Weiß.

SPOX: Wird dann mit Schwarz eher immer auf Remis gespielt? Kann man beim Schach überhaupt defensiv spielen? Sich hinten reinstellen und dann "kontern"?

Frey: Ja, viele sind mit Schwarz mit einem Remis zufrieden. Die klassische Denke ist: Schwarz möchte ich halten, mit Weiß will ich angreifen. Defensiv spielen kann man auf jeden Fall, oder auch "kontern", aber Defensivspiel heißt nicht, dass man sich nur auf den hinteren drei Reihen aufhält. Man muss wissen, an welchen Stellen man auch mal aktiv werden muss.

SPOX: Im Gegensatz zum letzten Mal spielen wir diesmal von Angesicht zu Angesicht. Macht das einen Unterschied?

Frey: Für mich persönlich schon, weil ich einen Menschen gern lieber richtig vernichte. (lacht)

SPOX: Vielen Dank auch ...

Frey: Ich persönlich spiele nicht so gern am Computer oder online. Ich will meinem Gegner in die Augen sehen können und wissen, ob er leidet.

SPOX: Kann man das faken? Also nicht unbedingt ich, aber generell so tun, als wisse man nicht mehr weiter und seinen Gegner so auf die falsche Fährte führen. Oder umgekehrt so tun, als hätte man das Spiel schon im Sack.

Frey: Ein paar Psychospielchen gibt es schon. Wenn man aufsteht und sich umschaut, oder hinter den Gegner läuft, wirkt es schon so, als hätte man alles im Griff. Aber keine ganz billigen Tricks. Das wäre mir auch peinlich - so will man ja auch nicht gewinnen.

SPOX: Verstehen sich die Topspieler untereinander gut?

Frey: Ich glaube, dass sie ein solides Miteinander haben. Man kriegt immer mal wieder mit, dass auf Turnieren noch abends geblitzt wird oder nach Turnierende gefeiert wird. Das ist vergleichbar mit anderen Sportarten, wo man sich im Weltcup immer wieder sieht. Manche ziehen sich vielleicht eher zurück, aber direkte Feindschaften sind mir nicht bekannt.

SPOX: Weil wir es von Psychospielchen hatten: So könnte man im Vorfeld natürlich etwas mehr Hype erzeugen. Pressekonferenzen a la Mike Tyson: "Ich fresse deine Kinder" und sowas.

Frey: Ich glaube, sind sie alle zu intelligent, um sich solchen Quatsch anzudrohen. Wenn dann ein Caruana steht, der keine 1,70 Meter groß ist, glaubt dir das auch keiner ... (lacht)

SPOX: [lange Pause, das Brett sieht schon nach wenigen Zügen bedrohlich aus] Gibt es im Wettbewerb die klassische "berührt-geführt"-Regel"?

Frey: Normal schon, aber Sie können auch noch einmal zurück.

SPOX: Passieren ab einem gewissen Niveau noch richtig grobe Fehler? Einmal nicht aufgepasst und zack ist die Dame weg? Dann könnte ich noch hoffen.

Frey: Dafür müsste man schon sehr zerstreut sein. Manchmal kommt es vor, dass man eine Variante berechnet und nicht den ersten Zug davon ausführt, sondern den zweiten. Das ist nicht so gut. (lacht)

SPOX: [nächste längere Pause] Und Zeitspiel? Ich bin am Verlieren, also zögere ich alles hinaus bis zum bitteren Ende, um den Gegner zu entnerven. Kommt das vor?

Frey: Eigentlich nicht. Es ist ja auch eine Qual für einen selbst, wenn man schlecht steht. Ich mache das entweder kurz und schmerzlos - oder aber ich spiele weiter und bestrafe mich dadurch selbst, weil ich mich so über mich selbst ärgere.

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