Schach

SPOX-Rematch gegen Schach-Meisterin Alisa Frey: "Ich will meine Gegner vernichten"

Alisa Frey und Spox-Redakteur Stefan Petri trafen sich in Düsseldorf zum Rematch.
© SPOX

SPOX: Wie schon vor zwei Jahren betreuen Sie bei uns den Liveticker. Ich habe mich gefragt, wie man Schach gut tickert: Im Fußball kann ich sofort erkennen, ob es eine gute Aktion ist oder nicht. Aber bei der WM haben die beiden vielleicht eine Idee im Hinterkopf, die Sie gar nicht auf dem Schirm haben.

Frey: Das stimmt, da kann ich nur mutmaßen - am besten würde der Weltmeister sich selbst tickern. Ich kann ihre Ideen zumeist schon nachvollziehen, manchmal vielleicht ein paar Züge später. Wenn der Plan nicht offensichtlich ist, schreibe ich, was ich machen würde. Gleichzeitig versuche ich ja auch, das Niveau etwas geringer zu halten: Jemand, der den Ticker liest, grübelt nicht stundenlang über dem Brett, sondern will es im Vorbeigehen verstehen.

SPOX: Und wenn Sie nicht tickern, studieren Sie oder spielen wie gesagt Frauen-Bundesliga. Sie haben mir im Vorgespräch verraten, dass dabei auch Spielerinnen "eingekauft" werden.

Frey: Das ist eine Entwicklung der letzten ein, zwei Jahrzehnte. Vor zwölf Jahren habe ich zum ersten Mal Bundesliga gespielt, da war die Liga schwächer und der Anteil der Spielerinnen, die extra anreisen, noch geringer.

SPOX: Was bekommen diese Spielerinnen?

Frey: Die richtig guten vielleicht rund 500 Euro pro Partie. Wichtig dabei: Man hat im Schach nicht nur in einem Land ein Spielrecht. Ich stehe zum Beispiel auch bei einem österreichischen Verein auf der Liste und könnte dort auch spielen. Es gibt also schon Profis, die jedes Wochenende in einer anderen Liga spielen und davon leben können. Die Klubs finanzieren das durch Sponsoren oder Mäzene, durch ein Preisgeld oder Prämien würde sich das nicht rechnen.

SPOX: In solchen Ligen wird doch bestimmt geschummelt, was das Zeug hält, oder? Ich gehe mal kurz auf die Toilette und so ...

Frey: Natürlich gab es schon Fälle und Verdachtsmomente, aber der Nachweis ist schwierig. Bei der Schach-Olympiade gibt es Scanner, bei uns in der Frauen-Bundesliga darf man kein elektronisches Gerät im Spielareal haben. Praktisch gesehen kommen die Spielerinnen aber am Samstag zum Spiel an und haben natürlich ihre Handys dabei. Dann geht man zum Schiedsrichter und legt es irgendwo ab.

SPOX: Sind Hilfsmittel erlaubt, abgesehen von Block und Stift?

Frey: Nicht einmal das. Das Partieformular und ein Stift sind erlaubt, aber man darf darauf nur die Züge aufschreiben. Der Weltklassespieler Wesley So hat sich vor ein paar Jahren einmal einen motivierenden Spruch oder ein Mantra auf ein zusätzliches Blatt Papier geschrieben - und wurde deswegen genullt.

SPOX: Eigentlich total trivial.

Frey: Es gab einmal einen Spieler, der betrogen hat, der ein vermeintlich ausgeschaltetes Handy mittels einer App über Morsezeichen hat kommunizieren lassen. Oder jemanden, der ein Handy in seinem Schuh hat vibrieren lassen. Aber natürlich sind auch schon Spieler mit dem Handy auf dem Klo erwischt worden. (lacht)

SPOX: Sie sind zusätzlich Vizepräsidentin beim badischen Schachverband.

Frey: Ja, ich bin dort unter anderem Frauenreferentin und im geschäftsführenden Präsidium aktiv. Ich organisiere Turniere, rede bei Fördergeldern mit, Mitgliedergewinnung, solche Sachen.

SPOX: Wie bekommt man denn mehr Spieler in die Vereine?

Frey: Wir versuchen zum Beispiel, Marketing-Konzepte anzuwenden oder unsere Öffentlichkeitsarbeit zu verbessern. Es wird zwar viel Schach gespielt in Deutschland, aber das organisierte Schach geht zurück. Schulschach boomt total, aber die Kinder von der AG in den Verein zu bekommen, ist die Schwierigkeit. Es gibt mittlerweile kleine Ortschaften, die gar keinen Verein mehr haben. Aber wir haben in Deutschland ja ein generelles Vereinssterben.

SPOX: Ist der Verband eine Männerdomäne?

Frey: In Baden nicht. Aber Schach ist insgesamt leider sehr männerdominiert: Die Mädchen und Frauen machen nur sechs bis sieben Prozent der Vereinsmitglieder aus. Das ist traurig.

SPOX: Es bräuchte vielleicht einen deutschen Magnus Carlsen. Apropos: Carlsen ist jetzt seit Jahren die Nummer eins. Hat er sich in den letzten Jahren als Spieler verbessert? Was kann er denn machen, außer sich noch ein paar neue Eröffnungen einzuprägen?

Frey: Schwer zu sagen. Absolut kann man das nicht bestimmen, die ELO-Zahlen werden ja immer relativ zum Gegner ermittelt. Er wurde auf einer Pressekonferenz gefragt, welcher Spieler aus der Vergangenheit sein Vorbild ist. Die Antwort: Er selbst vor drei oder vier Jahren. Also geht er auch nicht davon aus, dass er noch genialer geworden ist.

SPOX: Aber die Spieler sind schon besser als ein Garry Kasparov vor 30 Jahren? Wieder der Vergleich zum Fußball: Da sind Spiele vor 40 Jahren deutlich langsamer, der Unterschied ist mit bloßem Auge zu erkennen.

Frey: Solche Fortschritte gibt es im Schach ganz klar auch, vor allem die Computer haben neue Ideen gebracht. Umgekehrt gibt es Varianten, die man nicht mehr spielen kann, weil die Engine Widerlegungen aufzeigt, die vorher keiner erkannt hat. Manche Varianten sind also "ausanalysiert", genauso wie gewisse Endspiele, etwa jeweils ein König mit zwei Bauern.

SPOX: Rechnet man damit, dass Schach in einer gewissen Zeit ausanalysiert sein wird?

Frey: Nein, dafür bräuchte man unvorstellbare Rechnerkapazitäten. Jede Figur lässt die Möglichkeiten ja exponentiell ansteigen.

SPOX: Aber meistens geht der Computerfortschritt auch sehr viel schneller, als man gedacht hätte. Beim chinesischen Spiel Go dachte man, dass die KI noch viele Jahre brauchen würde, um den weltbesten Spieler zu schlagen - und dann passierte es. Moment, bin ich schon matt?

Frey: Fast. Man rechnet in der Schach-Community zumindest nicht damit. Ich glaube auch nicht, dass es viel verändern würde. Es wäre ja unmöglich, alle Varianten im Kopf zu haben. Zur Not hätte man auch noch die Möglichkeit, Chess960 zu spielen.

SPOX: Was ist das?

Frey: Eine Schach-Variante, die von Bobby Fischer entwickelt wurde. Dabei werden die Figuren auf der Grundlinie rotiert, mit ein paar Einschränkungen. Das ergibt 960 neue Ausgangsstellungen. So, matt in eins.

SPOX: Moment ... Ich nehme mal stark an, dass Ihre Dame hierher zieht. Oder bin ich dran?

Frey: (lacht)

SPOX: Okay, es ist zumindest ein ganz anderes Spiel geworden als beim letzten Mal. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Frey: Wir hatten es ja eben von Varianten, die man nicht mehr spielt. Was Sie gespielt haben, heißt "verbrannte Leber": Sie hätten am Anfang meinen Bauern auf d5 nicht mit dem Springer schlagen dürfen.

SPOX: [betretenes Schweigen] Hätte ich das mal früher gewusst. Alles klar, dann vielen Dank für die erneute Lehrstunde und viel Spaß bei der WM. Vielleicht versuche ich es in zwei Jahren noch einmal.

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