Radsport

21 Kehren für die Ewigkeit

Von Bastian Strobl
Faszination Alpe d'Huez: Auf den 21 Kehren werden Radsport-Legenden geboren
© getty

Es begann mit 3000 Euro. Und wurde zu einer Legende. Alpe d'Huez ist Tour-de-France-Mythos und noch viel mehr. SPOX blickt auf die Anfänge, Dramen und ewigen Duelle zurück.

Der Weg war beschwerlich. Meter um Meter quälte sich Elie Wermelinger in seinem alten Dyna-Panhard dem Ziel seiner Reise entgegen. Begleitet von dichtem Schneetreiben wehrte sich sein Wagen lautstark gegen den Anstieg mitsamt seinen 21 Kehren.

Bis er es erblickte: Alpe d'Huez. Mythos. Legende. Zu gleichen Teilen verdammt wie vergöttert. Zumindest heutzutage, denn im März 1952 glich die berühmt-berüchtigte Skistation noch einer kleinen Idylle in den französischen Alpen.

Dass sich dies bald ändern sollte, lag auch an Wermelinger und seinem Auftrag, den er von höchster Stelle bekommen hatte. Der einstige Journalist war seit 1948 die rechte Hand von Jacques Goddet, dem damaligen Direktor der Tour de France.

Die erste Bergankunft

Beide waren in der Nachkriegszeit auf der Suche nach neuen Herausforderungen für die Teilnehmer der Frankreich-Rundfahrt. Man wollte den Zuschauern immer monumentalere Etappen präsentieren und gleichzeitig die Sponsoren zufriedenstellen.

Dass just zu dieser Zeit ein Angebot aus dem kleinen Wintersportort hereinflatterte, mag ein Wink des Schicksals gewesen sein. Georges Rajon, einer von drei Hoteliers in Alpe d'Huez, wollte Goddet mit umgerechnet rund 3000 Euro davon überzeugen, vor seiner Haustür eine Tour-Etappe zu beenden.

Doch der Direktor war skeptisch. Noch nie zuvor hatte er einer Bergankunft zugestimmt. Alleine die Vorstellung hörte sich in Goddets Ohren lächerlich an. So richtig ließ ihn die Idee dennoch nicht los. Er schickte Wermelinger los, der sich vor Ort ein Bild machen sollte.

Coppi gewinnt Premiere

Der Rest ist Geschichte. Wermelinger konnte Goddets Zweifel beseitigen und noch im selben Jahr wurde Alpe d'Huez zum Zielort einer Tour-Etappe. Mit Fausto Coppi eroberte passenderweise einer der größten Radsport-Helden des 20. Jahrhunderts den Berg als erstes und schrieb sich in die Annalen ein. Noch heute trägt die 21. Kehre am Fuße des Berges seinen Namen. Eine Ehre, die auch den anderen Siegern zuteilwurde.

"Der Tourmalet, der Galibier und der Izoard waren die mythischen Berge der Rundfahrt. Doch sie wurden alle von Alpe d'Huez verdrängt. Coppis Sieg war das Symbol für ein goldenes Zeitalter", erinnerte sich der französische Reporter Jacques Augendre, der die Tour jahrzehntelang begleitete.

Dabei klingen die nackten Zahlen des Anstieges nicht angsteinflößender als bei den anderen Tour-Giganten: 13,8 Kilometer, 21 Serpentinen, 7,9 Prozent Durchschnittssteigung, 1090 Höhenmeter. Der Galibier ist höher, der Anstieg zum Tourmalet länger, der Ventoux steiler. Und dennoch umgibt Alpe d'Huez eine einzigartige Aura.

Jede Sportart hat sein Mekka. Ein Ort, der als Synonym für Erfolg, Tragik und Leid steht. Der Fußball hat Wembley, Tennis hat Wimbledon, der Basketball den Madison Square Garden. Und der Radsport hat Alpe d'Huez.

Der Berg der Holländer

Umso überraschender, dass der Berg nach Coppis Sieg fast ein Vierteljahrhundert auf dem Abstellgleis stand. Angeblich befürchteten die Offiziellen durch den Anstieg zu große Zeitabstände und sorgten sich um die Spannung im Gesamtklassement.

Erst 1976 kehrte Alpe d'Huez in die Streckenführung zurück. Es war der Beginn des holländischen Zeitalters. Acht der nächsten 13 Ankünfte konnten Niederländer für sich entscheiden. Angestachelt von den Erfolgen ihrer Landsmänner bevölkerten in den nächsten Jahren tausende Niederländer den Anstieg und jubelten ihren Helden frenetisch zu. Der "Berg der Holländer" war geboren.

Besonders Hennie Kuiper und Joop Zoetemelk lieferten sich zu dieser Zeit legendäre Duelle. Vor den Augen von bis zu 300.000 Zuschauern fuhren die beiden jeweils zwei Etappensiege in den Jahren 1976 bis 1979 ein.

Hinault vs. LeMond

Es war nur einer von vielen Zweikämpfen, die die 21 Kehren in ihrer Historie gesehen haben. In den 80er Jahren blieb vor allem der Schlagabtausch zwischen Bernard Hinault und Greg LeMond in Erinnerung. Es war ein Treffen der Gegensätze. "Hinault war der Boss. Er wusste ganz genau, was wann und warum getan werden musste. LeMond war dagegen immer ein wenig nervös, man hatte den Eindruck, als könnte er jeden Moment unter dem Druck zusammenbrechen", beschrieb ein Journalist einmal die Rivalen.

Nachdem der US-Boy 1985 Hinault zum Tour-Sieg verholfen hatte, sollte der Franzose im Jahr danach LeMond denselben Gefallen tun. Doch Hinault hielt sich nicht an sein Versprechen und forcierte während der drei Wochen mehrere Attacken. Auf dem Weg nach Alpe d'Huez erreichte die Rivalität ihren Höhepunkt.

"Die Zuschauer haben meinen Namen gerufen. Es war ein unglaubliches Gefühl. Greg war sichtlich unwohl in seiner Haut, als wir in den Anstieg gefahren sind", beschrieb Hinault die Situation inmitten von tausenden enthusiastischen Menschen.

Auch wenn Hinault und LeMond, die das Rennen mit großem Vorsprung anführten, gemeinsam die 21 Kehren eroberten und sogar Hand in Hand über die Ziellinie fuhren, blieb ein bitterer Beigeschmack. Bis zum heutigen Tag soll LeMond seinem Konkurrenten dessen aggressive Fahrweise übel nehmen.

Rekord von Pantani

Es war im Übrigen mit 48 Minuten der langsamste Alpe-d'Huez-Anstieg aller Zeiten. Den Rekord hält Marco Pantani, der 1997 nur 37:35 Minuten brauchte. Für eine Erklärung, wie diese unmenschliche Zeit zustande gekommen ist, muss man kein Prophet sein. Fabrice Hurth, Tourismusdirektor in Alpe d'Huez, beurteilte gegenüber der "Aargauer Zeitung" die Leistung des italienischen Piraten folgendermaßen: "Pantani sauste 1997 auf die Alpe, als sässe er auf einem Motorroller."

Die Kehren 2 und 3 tragen trotzdem weiterhin seinen Namen. Ansonsten "müsste man auch einige andere Kurven umtaufen", schmunzelte Hurth. Aus diesem Grund trifft man in den Serpentinen 19 und 21 auch auf Lance Armstrong. Der Amerikaner sorgte ebenfalls - Doping hin, Doping her - für zwei Momente für die Ewigkeit.

Sein Blick im Jahre 2001, als er Jan Ullrich und das gesamte Team Telekom demontierte, ging um die Welt. Diese Mischung aus Arroganz und Demütigung war fortan Sinnbild für das Wirken des Amerikaners. Armstrong hatte an diesem Tag einen der größten Bluffs der Radsportgeschichte vollführt.

Mit einem schmerzverzerrten Gesicht, das sich immer mehr zu einer Grimasse entwickelte, gaukelte er der Konkurrenz und insbesondere Ullrich vor, eine Schwächephase zu durchleiden. Pünktlich zum Schlussanstieg nach Alpe d'Huez ließ er sein Pokerface jedoch fallen und den Deutschen mit seinem berühmten Stakkato-Tritt wie einen Schuljungen stehen. "Telekom hat Tempo gemacht, ich habe ‚gelitten'. Im Prinzip haben wir mit ihnen gespielt", so Armstrong im Anschluss.

Das Bergzeitfahren

Auf derartige Spielereien verzichtete er drei Jahre später, als er den vor ihm gestarteten Ivan Basso beim Bergzeitfahren kurz vor dem Ziel überholte. Dass dieser Etappensieg - wie alle anderen auch - mittlerweile nur noch Makulatur ist, ändert nichts an dem beeindruckendsten Schauspiel, das Alpe d'Huez bis heute erlebt hat.

Bis zu einer Million Fans sollen an diesem 21. Juli 2004 an den Berg gepilgert sein. Es hatte Züge eines Musik-Festivals, was sich an diesem Tag zwischen den 21 Kehren abspielte. Wie eine Wand, die sich erst kurz vor dem Aufprall öffnete, türmten sich die Menschenmassen vor den Fahrern auf. Es war für die Sportler am Rande des Zumutbaren - und auch aus diesem Grunde unvergesslich.

"Diese Begeisterung, diese Zuschauermassen - ich hatte Gänsehaut", beschrieb der damalige Tour-Neuling Ronny Scholz seine Eindrücke nach der Etappe.

Happy End für Guerini

Dass dieser Enthusiasmus allerdings auch über die Stränge schlagen kann, erlebte Giuseppe Guerini 1999 am eigenen Leib. Auf dem Weg nach Alpe d'Huez prallte der Italiener in Diensten von Team Telekom mit einem Zuschauer zusammen, der für ein Foto auf die Straße gelaufen war.

Guerini sprach im Anschluss vom "schlimmsten Moment meines Lebens". Kurz darauf folgte allerdings der schönste Moment, als er trotz Sturz als erster Fahrer die Ziellinie überquerte - und bald sein Lachen widerfand. Als ein Journalist ihm das Foto des Übeltäters versprach, antwortete er mit einem verschmitzten Lächeln: "Das Zielfoto reicht mir."

Nicht jedem Radsportler widerfährt in Alpe d'Huez ein solches Happy End. Dafür sind die 21 Kehren zwischen Himmel und Hölle zu unerbittlich. Aber das wusste wohl bereits Elie Wermelinger in jenem März vor langer, langer Zeit.

Alle Radsport-Termine 2013 im Überblick

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