Wenn der Kronprinz schneller könnte

SID
Dienstag, 17.07.2012 | 11:18 Uhr
Was tun? Der Mann in Gelb, Bradley Wiggins, im Gespräch mit Chris Froome
© Getty
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Die Verblüffung war groß an jenem 20. Juli 1996. Immer wieder schallte der Name "Jan Üllrick", wie die Franzosen den früheren deutschen Radstar riefen, aus den Lautsprechern im Zielort Saint-Emilion. Mit einem Parforceritt hatte der junge Mann aus Rostock mit den Sommersprossen im Gesicht und dem Ring im linken Ohr die gesamte Konkurrenz düpiert und sich den Sieg im letzten großen Zeitfahren der Tour de France geholt.

Es war quasi die Geburtsstunde eines neuen großen Stars im Radsport und womöglich auch ein Hinweis darauf, dass Jan Ullrich bereits 1996 die Tour hätte gewinnen können. Am Ende wurde er Gesamtzweiter, mit einem Rückstand von lediglich 1:41 Minuten auf seinen Kapitän Bjarne Riis.

Und auch ein Jahr später war Ullrich nur der Kronprinz des Dänen. Erst als Riis am 15. Juli 1997 auf den Rampen nach Andorra-Arcalis hinauf realisierte, dass sein deutscher Teamkollege das weitaus größere Potenzial besitzt, gab er ihm grünes Licht zum Angriff.

Gewisse Parallelen offenbart auch die diesjährige Tour. Der Brite Bradley Wiggins trägt seit über einer Woche das Gelbe Trikot, doch nicht wenige Experten glauben, dass sein Sky-Teamkollege und Landsmann Christopher Froome eigentlich der stärkere Fahrer ist. So hatte der Brite seinen Chef auf der Königsetappe nach La Toussuire mit einer Tempoverschärfung auf dem Schlussanstieg in arge Schwierigkeiten gebracht, ehe er von seinem Team zurückgepfiffen worden war.

Wiggins wegen der Zeitfahren bei Sky der Kapitän

"Es ist ein sehr, sehr großes Opfer", gab Froome im Interview mit der französischen Sporttageszeitung "L'Equipe" zu. "Ich weiß, dass ich die Tour gewinnen kann, aber nicht mit Sky. Wir haben unsere Pläne auf Wiggins ausgerichtet und jeder respektiert das. Das ist für mich schwierig, weil man nicht oft die Chance im Leben hat, die Tour zu gewinnen. Aber es ist mein Job."

Nur 2:05 Minuten liegt Froome hinter Wiggins. Warum hat sich also Sky frühzeitig auf Wiggins als Kapitän festgelegt? "Bei dieser Tour gibt es mehr als 100 Zeitfahr-Kilometer. So gab es die interne Entscheidung, dass ich ein gleichmäßiges Tempo in den Bergen anschlage und Bradley den Vorsprung in den Zeitfahren herausholt", erklärt Froome die Sky-Taktik.

Im Nachhinein dürfte dies umso bitterer für den in Nairobi geborenen 27-Jährigen sein, hat er doch im Kampf gegen die Uhr lediglich 44 Sekunden auf Wiggins eingebüßt. Den Rest des Zeitdefizits hatte er sich durch einen Plattfuß auf der ersten Etappe nach Seraing eingehandelt.

Yates gibt Marschrichtung aus

Läuft alles nach den Plänen des britischen Radrennstalls, wird Wiggins am kommenden Sonntag als erster britischer Toursieger in die Geschichtsbücher der Rundfahrt einziehen. "Als erster Brite die Tour zu gewinnen, könnte mein Leben verändern. Deshalb ist es ein so großes Opfer", sagt Froome.

Aber eine Chance hat er dennoch. Sollte Wiggins in den Pyrenäen schwächeln, werde er den Besten folgen, sei es Cadel Evans oder Vincenzo Nibali, sagt der 27-Jährige. Wenn er sich da mal nicht täuscht. Denn Sky-Sportdirektor Sean Yates stellte klar: "Wenn Bradley in den Pyrenäen Probleme bekommt, wird Froome an seiner Seite sein."

So wie es einst Ullrich ohne großes Murren gemacht hatte. Bei anderen gleichstarken Fahrern war die Teamentscheidung nicht so einfach durchzusetzen. 1985 etwa, als Greg LeMond stärker als sein Kapitän Bernard Hinault schien. Am Tourmalet startete der Amerikaner auch eine Attacke, wurde jedoch von seinem Team La Vie Claire zur Räson gebracht.

Hinault gewann schließlich die Tour und versprach LeMond, dass er ein Jahr später am Zug sei. So kam es dann auch. In Alpe d'Huez erleben 1986 die Radsport-Fans die Wachablösung, als die beiden Stars Hand in Hand über den Zielstrich fahren.

Die Gesamtwertung der Tour

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