Tour de France: SPOX zieht Bilanz

Tweets, Waden und Bösewichte

Von Stefan Petri
Montag, 23.07.2012 | 13:41 Uhr
Von links nach rechts: Peter Sagan, Bradley Wiggins, Thomas Voeckler, Tejay Van Garderen
© Getty
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Es hat sich ausgetourt! Das war sie, die 99. Tour de France. Sprints, Berge, Zeitfahren - 153 Fahrer haben die "TorTour" hinter sich gebracht. Während die sich entweder erschöpft in die Hängematte fallen lassen oder gleich weiter in Richtung Olympia radeln, bietet sich für uns die Chance, zusätzlich zu den Jerseys, Punkten und Energieriegeln noch einen flugs kreierten Preis zu verteilen: den "Poulidor".

Warum "Poulidor"? Benannt sind die SPOX-Tour-Trophäen in diesem Jahr nach dem französischen Tour-Helden Raymond Poulidor, der in den 60ern und 70ern in Paris dreimal Zweiter und fünfmal Dritter wurde, die Tour aber nie gewinnen konnte. Auch für das Gelbe Trikot hat es nicht gereicht.

Ein passender Preis für eine Tour, die manchmal ganz gut anzuschauen war, sich in ihrer Dramatik aber nie das Prädikat "Weltklasse" verdienen konnte. Die Umschläge bitte!

 

That's what he said: Bester Tweet

Was würden wir nur machen ohne den Mikroblogging-Service mit dem blauen Vögelchen und den 140 Zeichen? Besser gesagt: Was würden die Radfahrer machen? Nur so bringt man die eigene Meinung ungefiltert unters Volk.

Goldener Poulidor: Mark Cavendish

Der britische Sprinter gehört zu den interessantesten Twitterern im Fahrerfeld. Nachdem er gleich zu Beginn der Tour einen Etappensieg feiern konnte, trat er erst einmal als Helferlein von Bradley Wiggins in Erscheinung. Bedeutet: Nicht mehr schonend mit dem Autobus über die Alpen, sondern so lange wie möglich vorne fahren, bevor man völlig entkräftet abreißen lässt und schauen muss, wo man bleibt. Nach der 16. Etappe meldete er sich dann mit der folgenden Weisheit: "Die heutige Etappe kann man durch die Tatsache ganz gut einordnen, dass es mir am Ende wurscht war, dass ich mich selbst vollgekotzt habe. Berge + Hitze = Leiden." Dem ist nichts hinzuzufügen.

Silberner Poulidor: David Millar

Ein weiterer Brite, der mit durchaus selbstironischen Einsichten glänzen kann. Der frühere Weltmeister war lange der beste Fahrer aus seiner Heimat - aber den Rang hat ihm Wiggins mittlerweile abgelaufen. Kommt er damit klar? Nun ja: "Wiggo ist mittlerweile besser als ich in allem, was mit Radfahren zu tun hat. Mit Obszönitäten gespickte Interviews waren alles, was mir noch geblieben war. Die Krone hat er sich jetzt auch geschnappt. Mist." Wer jetzt nicht weiß, was Millar meint, kann sich in unserem Zwischenzeugnis schlaumachen.

Bronzener Poulidor: Christopher Froome

Dreifachsieg für England! Totale Dominanz von der Insel, anders lässt es sich nicht beschreiben. Was "Twitter" angeht, hat Froome allerdings die Nase vorn. Der war am Berg trotz Helferdiensten so frisch, dass er sich um die Zuschauer an der Strecke kümmern konnte: "Es ist toll zu sehen, wie viel Spaß die Zuschauer an den Anstiegen haben. Der unverwechselbare Geruch von Bierfahnen!!" Wenn man stundenlang auf die Fahrer wartet, muss sich ein Radsport-Fan eben irgendwie die Zeit vertreiben.

(Wer jetzt auf Andreas Klöden gewartet hat: Der Deutsche hat nach seiner Teamkritik wohl immer noch Maulsperre und seit zwei Wochen nichts mehr vom Stapel gelassen.)

Gute Freunde kann niemand trennen: Bester Sportsmann

Edel sei der Radsportler, hilfreich und gut. So oder so ähnlich formulierte es dereinst Johan Wolfgang von Goethe. Eine Vielzahl an Fahrern, Helfern, Mechanikern und sogar Zuschauern tut sich in dieser Hinsicht Jahr für Jahr hervor. Aber es können nicht alle gewinnen.

Goldener Poulidor (Unentschieden) - Wiggins, Froome, Cavendish

Ja, ich weiß: Schon wieder Sky. Immer nur Sky. Überall Sky. Aber so war sie eben, die 99. Tour. Und wenn man mal von der Dominanz des Teams ("langweilig!") und der unspektakulären Fahrweise von Koteletten-Wiggo ("laaaaaangweilig!") absieht, kann man den Fahrern des Teams nichts vorwerfen. Wiggins profitierte von der Selbstaufgabe seines Teams, zeigte sich aber immer der fantastischen Arbeit seiner Wasserträger bewusst und spielte auf den letzten Etappen gerne den Anfahrer für Mark Cavendish.

Mal ehrlich: Dass sich der unbestritten beste Sprinter dieser Generation ohne Murren für Wiggins opfert - wer weiß, wie viele Etappen er hätte gewinnen können - das ist nicht selbstverständlich. Aber Wiggins und Sky zahlten ihm seinen Einsatz zurück. Vergessen wir außerdem nicht, dass Wiggins nach der Pleiten, Pech und Pannenserie von Evans entschied, auf seinen mutmaßlich größten Konkurrenten zu warten.

Bei Froome und Wiggins ist es von außen etwas komplizierter: Die Tour wird mit einem kleinen Sternchen in die Annalen eingehen: War Froome nicht doch so viel stärker am Berg, dass er die verlorenen Minuten vom Zeitfahren hätte wegmachen können? Die Antwort darauf ist Spekulation, also belassen wir es bei einem "unwahrscheinlich". Denn: Niemand hat sich in dieser Tour am Berg wirklich krass distanziert. Sicher, es gab die Etappe nach Peyragudes. Aber über zwei Minuten (mit Froomes Sturz zu Beginn der Tour waren es sogar über drei)? Man sollte nicht vergessen, dass auch der Edelhelfer manchmal Probleme hatte, am Hinterrad von Wiggins zu bleiben.

Respekt an beide, wie sie mit der Situtation umgegangen sind: Froome gab seine Träume von einem Sieg offen zu, sprach sich aber gleichzeitig für Wiggins als Kapitän aus und blieb immer loyal. Und der konnte es sich gut vorstellen, im nächsten Jahr das Zugpferd für einen Sieg von Froome zu spielen. Kontroversen? Streit? "Viele hätten gerne eine Story. Aber die Realität ist, dass wir vor dem letzten Zeitfahren zusammen Mittagessen waren. Es gibt kein Problem", so Wiggins nach seiner Ankunft in Paris. Na gut. Aber: Es kann uns niemand daran hindern, auf ein Duell von Froome und Wiggins im nächsten Jahr zu hoffen. In zwei unterschiedlichen Teams.

Teil 1: Bester Tweet, Bester Sportsmann

Teil 2: Stärkste Wade, Doping bei der Tour

Teil 3: Bester Bösewicht, Lebenswerk

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