Rüpel gegen Senkrechtstarter

Von Torsten Adams
Donnerstag, 01.07.2010 | 22:26 Uhr
Loch im Asphalt? Rad-Rüpel Mark Cavendish kämpft in Massensprints bis zum bitteren Ende
© Imago
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Ob Mark Cavendish, Thor Hushovd oder Oscar Freire, sie alle haben ein Ziel: Am 25. Juli wollen sie sich in Paris das Grüne Trikot überstreifen. Dabei ist es ein Irrglaube, dass das Maillot Vert den schnellsten Sprinter kürt. In der Realität zeichnet es meist den beständigsten Punktesammler aus. Mit Gerald Ciolek versucht auch ein Deutscher wieder, in die Phalanx der weltbesten Sprinter einzudringen.

SPOX stellt die Männer mit den schnellen Beinen vor und sagt, wer sich berechtigte Hoffnungen auf das berühmte Grüne Trikot machen darf.

Mark Cavendish (25, GBR / Columbia): Der Rüpel

Er ist der vielleicht meistgehasste Fahrer im Peloton. Fragen Sie mal bei Heinrich Haussler nach. Bei der Tour de Suisse soll Cavendish den Deutschen beim Kampf um die beste Position angespuckt haben. Oder bei Andre Greipel. Der Rüpel von der Isle of Man lässt keine Möglichkeit aus, seinen Teamkollegen öffentlich zu denunzieren. Greipel könne ja ohnehin nur bei "kleinen, beschissenen Rennen" siegen. Und überhaupt: Er werde nie ein Rennen zusammen mit Greipel fahren.

Und der "ManXpress" sollte recht behalten. Er steht im Touraufgebot, Greipel nicht. Sportliche Gründe sollten nicht den Ausschlag für seine Nominierung gegeben haben, denn da liegt Greipel mit 12:3-Saisonsiegen weit vor Cavendish.

Fazit: Seine Gewichtsprobleme aus dem Frühjahr scheint er inzwischen im Griff zu haben. Mit seiner enormen Spritzigkeit und flachen, aerodynamischen Position wird er auch 2010 wieder der schnellste Mann im Feld und imstande sein, seine sechs Etappensiege aus dem Vorjahr zu wiederholen.

 

Tyler Farrar (26, USA / Garmin): Der Senkrechtstarter

Tyler wer? Bis vor zwei Jahren war der US-Boy in der Straßenrad-Szene noch ein relativ unbeschriebenes Blatt. Hat bei der letztjährigen Tour mit vier Podiumsplätzen auf sich aufmerksam gemacht und beim Giro im Mai zwei Etappen gewonnen.

Profitiert vor allem bei technisch anspruchsvollen Ankünften von seiner Ausbildung auf der Bahn und hat mit Julian Dean einen der besten Anfahrer der Welt an seiner Seite. Mit ihm ist vor allem bei den Etappen durch Belgien und die Niederlande in der ersten Tour-Woche zu rechnen, da er als ausgewiesener Klassiker-Spezialist gilt.

Fazit: Das Grüne Trikot käme vielleicht etwas zu früh für den jungen Rotschopf. Denn mit bisher einer Tour-Teilnahme fehlt ihm die Erfahrung, wenn es gegen die ausgebufften Schlitzohren wie Hushovd oder Freire über drei Wochen um jeden Millimeter Asphalt geht. Geht es jedoch für einen der Topfavoriten schon früh in die falsche Richtung, könnte Farrar für eine grüne Überraschung sorgen.

Thor Hushovd (31, NOR / Cervelo TestTeam): Der Titelverteidiger

Ein Mann wie ein Baum. Sicher nicht so spritzig und agil wie Cavendish und Farrar. Dafür ausdauernd und ausgefuchst. Schnappte sich 2009 das Grüne Trikot, weil er sich auch für Zwischensprints nicht zu schade war und in Eichhörnchen-Manier Punkte sammelte.

Kommt von den Sprintern am besten über die Berge und stand 2009 bei jeder Tour-Etappe, die im Massensprint entschieden wurde, unter den Top drei. Geht in diesem Jahr allerdings stark gehandicapt an den Start, da er sich Anfang Mai bei einem Trainingssturz einen Schlüsselbeinbruch zuzog.

Fazit: Mit Heinrich Haussler fehlt ihm der Tophelfer, der Cervelo im Sprint zu einer unberechenbaren Größe machen würde. Doch dem gewieften Taktiker Hushovd ist Grün auch wieder zuzutrauen, wenn er auf sich alleine gestellt ist. Vor allem bei den Sprint-Ankünften mit Rückenwind oder leichtem Gefälle der Mann, den es zu schlagen gilt.

 

Oscar Freire (34, ESP / Rabobank): Der Altmeister

Der versierteste aller Sprinter im Peloton. Keiner hat ein derart gutes Auge im Etappenfinale, keiner kann eine Ankunft so gut "lesen", keiner erwischt so zielsicher das beste Hinterrad wie der Spanier. Aber er muss es auch wollen. Seine Motivationsprobleme spielen ihm bisweilen einen Streich und seine Verletzungsanfälligkeit ist allseits bekannt.

Zum Nachteil könnte dem Ex-Weltmeister zudem die Team-Zusammenstellung werden: Da Rabobank alles auf die Gesamtklassement-Fahrer Mentschow und Gesink ausrichtet, muss Freire ohne persönliche Eskorte auskommen. Dass er aber auch ohne Sprinterzug gewinnen kann, hat er schon mehrfach bewiesen.

Fazit: Ob es für sein zweites Grünes Trikot nach 2008 reicht, darf bezweifelt werden. Seine physische Stabilität sowie seine mentale Stärke sind nicht mehr auf dem Niveau wie noch vor einigen Jahren. Für Etappensiege ist der 34-Järhige aber nach wie vor immer ein aussichtsreicher Kandidat.

 

Gerald Ciolek (23, GER / Milram): Die deutsche Hoffnung

Schlechter konnte die Vorbereitung auf die Tour gar nicht laufen. Schlüsselbeinbruch. Bei der Katar-Rundfahrt. Im ersten Rennen der Saison. Wettkampfpraxis holte sich Ciolek erst wieder Ende April bei der Tour de Romandie. Mit durchwachsenem Erfolg. Noch wartet er auf den Durchbruch in dieser Saison. Ob er bei der Tour kommt?

Vielleicht! Aber für das Maillot Vert wird es nicht reichen. Ciolek entwickelt sich mehr und mehr vom reinen Sprinter zum Klassiker-Fahrer. Der 23-Jährige kommt gut über die Berge und kann seine Stärke in mittelschweren Etappen ausspielen. Kommt aber die Sprint-Konkurrenz frisch zum Ziel, fehlen ihm meist der durchschlagende Punch und bisweilen auch der Blick für das richtige Hinterrad.

Fazit:Ciolek muss sich entscheiden: Sprinter oder Klassiker-Jäger. Das Grüne Trikot ist in diesem Jahr außer Reichweite. Doch seinen dritten Rang in der Sprintwertung 2009 kann er durchaus wiederholen. Das nötige Selbstvertrauen und die Vision hat er jedenfalls: "In Grün in Paris zu stehen, das wär schon was!"

Die deutschen Fahrer bei der Tour 2010

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