Sonntag, 27.06.2010

Linus Gerdemann im Interview

"Im Ziel bin ich froh, dass es vorbei ist"

Milram-Fahrer Linus Gerdemann gehört zu Deutschlands Hoffnungen im Radsport. Der Münsteraner hat gute Erfahrungen bei der Tour de France gemacht. Aber die Vorbereitung lief nicht perfekt. Er ist selbst nicht sicher, was in diesem Jahr möglich ist.

Vor seiner Milram-Zeit fuhr Linus Gerdemann schon für die Rennställe CSC, T-Mobile und Columbia
© Imago
Vor seiner Milram-Zeit fuhr Linus Gerdemann schon für die Rennställe CSC, T-Mobile und Columbia

Gerdemann über seine Ambitionen bei der anstehenden Tour de France, einen schicksalsträchtigen Verkehrsunfall und die mickrigen Baumberge als Vorgeschmack auf L'Alpe d'Huez.

SPOX: Herr Gerdemann, wenn Sie am 25. Juli in Paris die Ziellinie überqueren, was wird dann Ihre erste Empfindung sein? Erleichterung, weil die Tour de France endlich vorbei ist? Oder genießen Sie trotz der Strapazen jede Sekunde?

Linus Gerdemann: Ich bin dann schon froh, dass es vorbei ist. Auch wenn es immer sehr schön und festlich in Paris ist, freut man sich, dass es vorbei ist und man sich endlich etwas ausruhen darf.

SPOX: Wie schalten Sie nach der Tour ab?

Gerdemann: Mit viel Schlaf und viel Erholung.

SPOX: Und wie lange dauert es, bis Sie nach vorne schauen können: Auf anstehende Events oder Dinge, die Sie unbedingt verbessern müssen?

Gerdemann: Das kommt immer ein bisschen auf die Tour selbst und die Tour-Vorbereitung an. In diesem Jahr, in dem ich den Giro d'Italia vor der Tour gefahren bin, wird es sicherlich etwas länger dauern, bis ich mich wieder auf die nächsten Rennen fokussieren kann. Eine Gesamtanalyse, die Tour und die Tour-Vorbereitung betreffend, macht man dann aber erst, wenn man richtig Abstand gewonnen hat. Nach der Saison im Winter.

SPOX: Das Abschneiden bei der Tour deutet sich ja schon über die Etappen hinweg an. Verarbeiten Sie Ihr Abschneiden schon während der letzten Phase, oder sind Sie da noch zu sehr mit jeder einzelnen Etappe beschäftigt?

Gerdemann: Man sollte nicht schon innerhalb der jeweiligen Etappe resümieren, sondern bis zum Zielstrich kämpfen. Die Vergangenheit hat ja oft gezeigt, dass auch schon vermeintlich entschiedene Etappen am Ende ganz anders laufen können als ursprünglich angenommen. Grundsätzlich weiß man aber gegen Ende der jeweiligen Etappe schon, ob es eine erfolgreiche oder nicht so erfolgreiche Etappe war.

SPOX: Sie gehören inzwischen ohne Zweifel zu den besten deutschen Fahrern. Dabei waren Sie in Ihrer Jugend ausschließlich Mountainbiker. Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie doch aufs Rennrad gestiegen sind?

Gerdemann: Ich habe von klein an Fußball gespielt und bin zusätzlich ab und zu mit ein paar Freunden Mountainbike gefahren. Bei einem Verkehrsunfall habe ich mir dann das Bein gebrochen und in der Reha mit dem Rennradfahren angefangen. Dabei bin ich dann geblieben.

SPOX: Die Baumberge im Münsterland sind aber sicher nicht die Art von Erhebung, mit der man seine Tauglichkeit für L'Alpe d'Huez und Co. nachweisen kann. Wie hat sich damals Ihr Talent geäußert?

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Gerdemann: Ich bin erst mal kleinere lokale und regionale Radrennen gefahren, ohne größere Berge. Aber auch bei solchen Rennen mit kurzen Anstiegen kann man eine gewisse Tauglichkeit und ein gewisses Talent am Berg unter Beweis stellen.

SPOX: Nur wer am Berg mithalten kann, hat Chancen auf den Gesamtsieg. Wie ist Ihre Zielsetzung: Schauen Sie auf die absolute Gesamtzeit, einzelne Etappen oder sehen Sie sich immer relativ zur Konkurrenz, um anschließend zu beurteilen, wie es gelaufen ist?

Gerdemann: Nein, ich schaue bei der Tour wirklich nur von Tag zu Tag und werde versuchen, mich auf jeder Etappe bestmöglich zu verkaufen.

SPOX: Der Giro im Mai war ein echter Härtetest vor der Tour. Sie sind auf Platz 16 gelandet, weit hinter einem bärenstarken Ivan Basso. Auch Cadel Evans, Alexander Winokurow oder Carlos Sastre waren ein gutes Stück schneller als Sie. Wie ordnen Sie Ihre Leistung im Vergleich mit diesen auch bei der Tour vorn erwarteten Fahrern ein?

Gerdemann: Das sind natürlich Weltklasseathleten, die nur sehr schwer zu schlagen sind. Um gegen solche Fahrer eine Chance zu haben, muss man in einer absoluten Top-Verfassung sein. Das war ich in der letzten Giro-Woche leider nicht mehr, da ich durch eine Bronchitis nicht mehr bei hundert Prozent war. Zudem muss man berücksichtigen, dass ich nicht von Anfang an auf ein gutes Ergebnis in der Gesamtwertung gefahren bin. Mein ursprüngliches Ziel waren Etappenerfolge. Deshalb habe ich gerade in der ersten Hälfte des Giro einiges riskiert und viel Kraft gelassen. Ich war ja auch das ein oder andere Mal nahe an einem Etappensieg dran...

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SPOX: Ein Etappensieg ist Ihnen auch schon mal bei der Tour de France gelungen. Inwiefern hilft Ihnen das heute? Und wie ist der Faktor Erfahrung beim Radsport zu bewerten?

Gerdemann: Erfahrung ist ein ganz wichtiger Faktor. Ohne Erfahrung ist es sehr schwer, große Rennen zu gewinnen. Es gibt einige leistungsstarke Rennfahrer, die aufgrund mangelnder Erfahrung am Ende nicht die gewünschten Ergebnisse einfahren. Bei großen Rundfahrten ist es oft Erfahrungssache, wie man optimal mit seinen Kräften haushält, um dann in den entscheidenden Momenten noch Reserven zu haben.

SPOX: Hand aufs Herz: Wie sind Sie drauf, was können Sie erreichen?

Gerdemann: Nun, der Giro d'Italia im Mai war schon strapaziös. Danach habe ich mich erst einmal erholen müssen. Anschließend bin ich mit einem Höhentrainingslager in die Tour-Vorbereitung eingestiegen. Zurzeit fühle ich mich wieder gut in Form. Wie gut die Form am Ende ist, kann ich allerdings wirklich nicht genau sagen, da ich seit dem Giro keine Rennen mehr gefahren bin. Das wird die Tour dann zeigen.

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