Radsport

Ullrich in Andorra: Einmal Rad-Boom und zurück

SID
Jan Ullrich gewann 1997 die Tour de France
© Imago

1997 in Andorra: Jan Ullrich legt eine atemberaubende Kletter-Show hin und schnappt sich das Gelbe Trikot. In der Gegenwart ist der zwischenzeitliche Radsport-Boom verflogen - auch wegen Ullrich.

In einer scharfen Linkskurve geht Jan Ullrich aus dem Sattel. Die Attacke sitzt. Wenige Kilometer vor dem Gipfel in Andorra-Arcalis hängt der 23-Jährige im Trikot des deutschen Meisters die versammelte Weltspitze ab.

In seiner unnachahmlichen Art, die Hände fest am Unterlenker, fährt der junge Mann aus Rostock ins Gelbe Trikot der Tour de France.

Er wird es bis Paris nicht mehr verlieren. Er wird der erste deutsche Toursieger. Wie im Jahr zuvor geht Ullrich auch 1997 als Edelhelfer des Dänen Bjarne Riis in die Tour.

Riis: "Wenn du dich stark genug fühlst, fahr los"

Bereits bei dessen Toursieg 1996 hatten alle gesehen, dass der junge Deutsche der bessere Mann war. Im Anstieg nach Andorra schließt Riis zu Ullrich auf, der unermüdlich für seinen Kapitän das Tempo hält.

"Wenn du dich stark genug fühlst, fahr los", soll Riis gesagt haben. Richard Virenque, der ein Jahr darauf in den Dopingskandal um sein Festina-Team stolpert, und Marco Pantani können nicht folgen.

Scheinbar mühelos fliegt Ullrich an Cedric Vasseur vorbei. Noch trägt der Franzose das Gelbe Trikot. Teamchef Walter Godefroot schließt im Begleitfahrzeug zu Ullrich auf.

Jan Ullrich fährt sich in die Herzen der Deutschen

"Nicht nach hinten gucken", sagt der Belgier. Ullrich gehorcht. Um 17:31 Uhr erreicht er das Ziel. 1:08 Minuten vor Virenque und Pantani.

In Paris wird er am Ende über neun Minuten vor Virenque liegen. An jenem 15. Juli 1997 fährt Jan Ullrich in der Bergstation Andorra-Arcalis in die Herzen der Deutschen.

Sein Triumph löst einen Radsport-Boom aus, Millionen versammeln sich fortan jeden Juli vor dem Bildschirm, um das Jahrhunderttalent auf dem Weg zum zweiten Toursieg zu sehen.

2006 wird Ullrich kurz vor der Tour suspendiert

Doch dazu wird es nie kommen. Keine zehn Jahre später liegt der Radsport in Deutschland am Boden, der Boom ist verpufft und Ullrichs Karriere von Dopinggerüchten überschattet.

2002 wird er positiv auf Amphetamine getestet. Angeblich hat er in der Disco ein paar Pillen geschluckt. Kurz vor der Tour 2006 wird er suspendiert.

Er soll mit dem spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes zusammengearbeitet haben. Ende Februar 2007 erklärt er seine Karriere für beendet. Gut einen Monat später werden ihm Fuentes-Blutbeutel per DNA-Abgleich zugeordnet.

Diesmal nur noch Fernsehzuschauer

Wenn die 96. Tour am Freitag wieder in Andorra Station macht, ist Ullrich nur vor dem Fernseher dabei. Zu den Vorwürfen schweigt er bis heute.

Er habe niemanden betrogen, sagt er. Ein Buch will er schreiben, eines Tages, wenn Deutschland bereit dafür ist. In den Herzen der Fans hat Ullrich trotz aller Widernisse noch immer einen Platz.

Als die "ARD" im Mai vor dem Frühjahrsrennen Eschborn-Frankfurt-CityLoop die Zuschauer vor Ort nach dem besten deutschen Radsportler fragte, lautete die Antwort fast immer: Jan Ullrich. Sein Höllenritt nach Andorra hat unauslöschliche Spuren hinterlassen.

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