Tour de France

Campana: "Bei uns im Team herrscht kein Neid"

SID
Dienstag, 21.07.2009 | 13:32 Uhr
Cervelo-Kapitän Carlos Sastre gewann im vergangenen Jahr die Tour der France
© Getty
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Das Cervelo-Team gehört bei der Tour zu den positivsten Erscheinungen. Im Interview erklärt Teamchef Thomas Campana die neue und einzigartige Philosophie des Rennstalls.

Mit einer revolutionären Idee hat das Cervelo-Team einen ganz neuen Weg im krisengeplagten Radsport eingeschlagen - und damit offenbar goldrichtig gelegen. Nicht der Erfolg, sondern die Verbesserung des Materials sind bei der Schweizer Mannschaft die oberste Maxime. Und da das eine das andere nicht ausschließt, lacht sich der deutsche Teamchef Thomas Campana ins Fäustchen.

Campana über die Tour de France, das "Riesentalent" Heinrich Hausler und die vielen "Frechheiten" seines Teams.

Frage: "Thomas Campana, das Cervelo-Team ist erstmals bei der Tour dabei. Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus?"

Thomas Campana: "Die erste Woche war nicht wirklich optimal. Es hat ein paar Tage gebraucht, bis wir ins Rennen gekommen sind. Das ist in der zweiten Woche besser geworden. Jetzt haben wir zwei Etappensiege. Das ist hervorragend."

Frage: "Einen Tagessieg hat Heinrich Haussler geholt, ein Fahrer, der im letzten Jahr noch vergeblich ein ProTour-Team gesucht hat. Wie ist sein Leistungssprung zu erklären?"

Campana: "Wenn man an einem Arbeitsplatz ist, wo man sich nicht wohlfühlt, dann schlägt sich das auf die Leistung nieder. Heinrich ist sehr emotional. Bei uns ist er in einem Team, in dem er sich wohlfühlt. Er hat von uns Freiheiten und Vertrauen bekommen. Dass er ein Riesentalent ist, hat er bereits gezeigt. Er hat bei uns konsequent gearbeitet und viel in seinem privaten Bereich verändert. Dass er allerdings so einschlägt, konnte man nicht erwarten."

Frage: "Ihr Team hat inzwischen 17 Siege eingefahren. Hatten Sie damit gerechnet, dass sich der Erfolg so schnell einstellt?"

Campana: "Nein, wir haben jetzt schon mehr erreicht als wir uns erhofft hatten. Wir hätten schon im Frühjahr aufhören können. Das ist atemberaubend, momentan ist das eine große emotionale Reise für mich. Wir sind aber noch nicht fertig. Ich glaube, dass wir bis Ende Oktober eine hervorragende Saison haben werden."

Frage: "Was ist das Erfolgsgeheimnis?"

Campana: "Wir hatten das Glück, den zweiten Schritt vor dem ersten machen zu können. Carlos Sastre war der erste Fahrer, den wir verpflichtet haben. Das war der Hammer. Mit einem Team auf Continental-Basis (d. Red: zweitklassiger Status) zu starten und den amtierenden Toursieger zu verpflichten, war schon eine Frechheit. Dann kam Thor Hushovd, die nächste Frechheit. Anschließend haben wir die entsprechenden Leute dazugeholt. Bei uns im Team herrscht kein Neid. Wir schaffen alles als Mannschaft zusammen."

Frage: "Wäre es vorstellbar, dass ein Lance Armstrong in ihrem Team fährt?"

Campana: "Ich glaube nicht. Campana hat ein eigenes Konzept. Man kann alles ausprobieren, aber unser Team baut auf die Meinung mehrerer Leute, nicht auf eine Person. Das würde nicht in unsere Teamkultur passen."

Frage: "Wie bewerten Sie das Comeback von Armstrong?"

Campana: "Medienmäßig ist es der Wahnsinn. Dass mal eben so ein Gelbes Trikot in der ersten Woche überrannt wird, ist schon grenzwertig. Aber für den Radsport ist es positiv. Die Leute sprechen wieder darüber und schauen es sich an."

Frage: "Kapitän Sastre liegt in der Gesamtwertung bereits einige Minuten zurück. Was trauen Sie ihm noch zu?"

Campana: "Alles. Sastre kann in die Top 3 vorfahren. Er ist besser drauf als beim Giro. Wenn Astana die Tür aufmacht, wird er durchfahren. Wenn nicht, bleibt es wie bisher."

Frage: "Laut Ihrer Philosophie ist der sportliche Erfolg nicht das Hauptziel. Das Produkt der Sponsoren soll verbessert werden. Ist das erreicht worden?"

Campana: "Wir haben sehr viel entwickeln können. Das Projekt ist effizient. Wir entwickeln inzwischen eigenständig und übernehmen fast schon das Produktmanagement einiger Firmen. Ich sehe großes Interesse der Fahrrad-Industrie. Der Erfolg gibt uns Recht. Am Anfang war es nur ein Geschwätz. Jetzt, da der Erfolg da ist, glauben es allmählich die Leute."

Frage: "Ihr Team ist in der größten Krise auf den Markt gekommen. Wie sehen Sie die finanzielle Zukunft für den Radsport?"

Campana: "In den nächsten zwei, drei Jahren werden wieder große Firmen zurückkommen. Das Sponsoring wird dabei nachhaltiger sein. Es wird nicht mehr so sein, dass der Geldgeber nur noch den Scheck abliefert.

Frage: "Wird das auch auf Deutschland zutreffen?"

Campana: In Deutschland wird die Entwicklung später einsetzen, aber auch dort gibt es Manager, die rechnen können. Das Return of Investment ist im Radsport das beste. Das Problem ist noch die Hemmschwelle bei Dopingfällen. Der Radsport hat aber klar dokumentiert, dass er den Wandel vollzogen hat. Wir sind im Tal angekommen."

Frage: "Was würde in Ihrem Team bei einem Dopingfall passieren?"

Campana: "Wenn ein positiver Fall eintritt, also wenn ein Fahrer bewusst gedopt hat, dann wird das Team geschlossen. So habe ich die Sponsoren verstanden. Bei einem Dopingfall wird der Stecker rausgezogen. Wir geben dem Radsport die Chance, aber wir erwarten auch eine klare Grundhaltung. Wenn das Vertrauen missbraucht wird, wird das Team geschlossen. Das weiß auch jeder."

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