Degenkolb: "Ich bin kein Held"

SID
Montag, 13.04.2015 | 13:44 Uhr
John Degenkolb feiert nach seinem legendären Sieg
© getty
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Als sich bei John Degenkolb die erste Euphorie gelegt hatte, beschäftigten ihn beim Blick auf die Pflasterstein-Trophäe ganz praktische Sorgen. "Ich muss erst einen Schrank finden, der das Gewicht aushält", sagte der 26-Jährige schmunzelnd nach seinem himmlischen Höllenritt, mit dem er endgültig zu einem der dominierenden Klassikerspezialisten der Gegenwart aufstieg.

119 Jahre hatte es seit Josef Fischers Premierensieg bei Paris-Roubaix gedauert, bis wieder ein Deutscher dieses härteste und bedeutendste aller Eintagesrennen gewann. "Das sind Fakten, die einen nicht kalt lassen", sagte Degenkolb, der zudem erst als dritter Fahrer überhaupt in einer Saison das Double aus Sanremo und Roubaix schaffte.

Dass Degenkolb die lange deutsche Wartezeit in der "Hölle des Nordens" beenden würde, hatte sich angedeutet, nachdem er bereits 2014 ganz nah herangekommen war. Der Thüringer gilt nun in der Branche als einer, der eine Dekade prägen könnte. Er bleibt jedoch bescheiden: "Ich habe zwei große Rennen gewonnen, mehr nicht. Ich bin kein Held.

"Zickezacke, zickezacke, hei, hei, hei"

Im Teamhotel im grenznahen belgischen Nazareth bedankte er sich lieber noch mit einer Ansprache bei seinen Kollegen, die ihm den Weg in die Geschichtsbücher geebnet hatten. Mit einem lauten "Zickezacke, zickezacke, hei, hei, hei" wurde dann die Partynacht, die sich auch einige Freunde aus Frankfurt nicht entgehen ließen, eingeläutet. "Jetzt können wir es richtig genießen", sagte Degenkolb.

Als er sich Stunden zuvor im Finale am Limit bewegt hatte, setzte auch der Gedanke an seine Familie, die im Velodrom aufgeregt wartete, die entscheidenden Kräfte frei. Seine Frau Laura hatte ihm einen Fußabdruck von Söhnchen Leo Robert ausgedruckt und auf den Rahmen geheftet. "Die Geburt war so ein einschneidendes Erlebnis für mich. Daran habe ich mich erinnert, und das hat nochmal Power gegeben", sagte Degenkolb, bevor im Sprint die Instinkte entschieden: "Ich wusste, dass noch was im Tank war."

Der französischen Presse, traditionell nicht zögerlich mit Lobeshymnen, nötigten auch der Wagemut und die Entschlossenheit des Wahl-Frankfurters besonderen Respekt ab. "John Degenkolb, das neue deutsche Denkmal", schrieb die Tageszeitung Ouest France, und die L'Equipe titelte nicht weniger überschwänglich: "Eine Klasse für sich. Degenkolb monumentallemand." Das gestand auch der frühere Tour-Sieger Bradley Wiggins ein, der seine Straßenkarriere selbst gerne mit dem Roubaix-Triumph abgeschlossen hätte: "Es hat der Richtige gewonnen."

"Froh, dass ich mich jetzt ausruhen kann"

Bei all dem Trubel und der Anstrengung kommt Degenkolb eine Auszeit jetzt mehr als gelegen. "Ich bin so froh, dass ich mich jetzt ausruhen kann und ein bisschen Freizeit habe mit meiner Familie", sagte der Kapitän des Teams Giant-Alpecin. Eventuell gönnt er sich mit Frau und Söhnchen einen Kurzurlaub, bevor er das Training mit Blick auf sein Heimrennen am 1. Mai in Frankfurt wieder aufnimmt. Danach stehen die Bayern-Rundfahrt, ein Höhentrainingslager in der Sierra Nevada und die Tour de Suisse auf dem Programm - alles als Einstimmung für das nächste große Ziel, einen Etappensieg bei der Tour de France.

Gleichwohl hat der Triumph in Roubaix einen Wert, der für Degenkolb über den Tageserfolg bei der Großen Schleife hinausgeht. "Das ist ein großer Schritt für den deutschen Radsport und macht mich wahnsinnig stolz", sagte er, und sein Manager Jörg Werner ergänzte: "Radsport ist nicht nur das Gelbe Trikot bei der Tour de France. Es gibt so viel mehr."

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