Freitag, 04.05.2012

Giro d'Italia-Renndirektor Michele Acquarone im Interview

"Die Tour ist nicht unser Feind"

Der am Samstag beginnende Giro d'Italia ist nach der Tour de France das zweitgrößte Rennen im Radsport. Es wird in 165 Länder übertragen und erreicht mehr als 350 Millionen Zuschauer. Michele Acquarone hat Angelo Zomegnan als langjährigen Renndirektor der Italien-Rundfahrt abgelöst und will dem Rennen neues Leben einhauchen. SPOX sprach mit dem 39-Jährigen. Acquarone über den Vergleich mit der Tour, Washington als Giro-Startort und die Rückkehr von Jan Ullrich.

Die Präsentation des Starterfeldes beim Giro d'Italia 2012 fand in Dänemark statt
© spox
Die Präsentation des Starterfeldes beim Giro d'Italia 2012 fand in Dänemark statt

SPOX: Herr Acquarone, Sie sind in San Remo geboren - also quasi mit dem Radsport aufgewachsen. Da ist es ja nur konsequent, dass der Radsport auch jetzt noch Ihr Leben bestimmt.

Giro-Renndirektor Michele Acquarone
Giro-Renndirektor Michele Acquarone
© RCS Sport

Michele Acquarone: Nicht ganz. Um ehrlich zu sein, kam ich erst recht spät zum Radsport. Klar erinnere ich mich daran, wie der Alltag in meiner Heimatstadt zum Erliegen kam, die Tribünen auf der Via Roma aufgebaut wurden und die Helikopter über uns kreisten. Immerhin ist Mailand-San Remo einer der größten und bekanntesten Frühjahrsklassiker.

SPOX: Aber in seinen Bann ziehen konnte Sie das Rennen nicht?

Acquarone: Ich war ein kleines Kind und natürlich war all das Getöse aufregend, aber nach dem Rennen war auch für ein Jahr wieder Ruhe. An Fußball und Tennis hatte ich damals mehr Spaß. Mit den Jahren kamen andere Sportarten hinzu. Mike Tyson hat mein Interesse am Boxen geweckt, Alberto Tomba brachte mich zum Skifahren. Und dank Michael Jordan bin ich ein Basketball-Fan.

SPOX: Und wer brachte Sie zum Radsport?

Acquarone: Das war Marco Pantani. 1994 begeisterte er mich während des Giros mit seiner mitreißenden Fahrweise und weckte meine Leidenschaft. Ein Freund brachte mir dann die Geheimnisse des Radsports näher. Er erklärte mir, wer die wichtigsten Fahrer der einzelnen Teams waren und welche Rennen man als Zuschauer auf keinen Fall verpassen durfte.

SPOX: Nun haben Sie Angelo Zomegnan als Renndirektor des Giro d 'Italia beerbt. Wie wird sich das Rennen in Zukunft verändern?

Acquarone: Ich habe lange mit Angelo zusammen gearbeitet und seinen Führungsstil mitgetragen. Zudem wird das Organisationsteam weitgehend zusammenbleiben und Angelos Weg der zunehmenden Internationalisierung unseres Produktes weiterführen.

SPOX: Was bedeutet das genau?

Acquarone: In Italien ist der Giro enorm populär und ein Mega-Event. Aber unser Ziel ist es, weltweite Bedeutung zu erlangen. Denn je angesehener ein Rennen ist, desto bekannter werden die teilnehmenden Fahrer. Und je stärker das Peloton, desto spannender wird das Rennen.

SPOX: Und je spannender das Rennen, desto mehr Zuschauer verfolgen es und bringen dem Veranstalter zusätzliche Einnahmen.

Acquarone: Selbstverständlich ist der ökonomische Aspekt auch für uns von zentraler Bedeutung. So erhoffen wir uns vom nächsten Giro, dessen Start in Dänemark stattfindet, einen Ausbau unserer Bekanntheit in den skandinavischen Ländern. Wir wollen uns nicht in Italien einigeln. Deshalb träume ich auch davon, den Giro eines Tages in den Vereinigten Staaten starten zu lassen. Der amerikanische Markt ist sehr wichtig, denn wir haben dort viele Fans.

SPOX: Das würde allerdings eine logistische Meisterleistung erfordern.

Acquarone: Es wird teuer, arbeitsintensiv und auch für die Athleten eine neue Erfahrung werden, ein Rennen in Amerika zu starten und in Europa fortzusetzen. Stichwort Jetlag. Aber gerade darin liegt die Herausforderung und unsere Motivation.

SPOX: In der Vergangenheit fiel mehrfach der Name Washington als Giro-Startort. Wann sehen wir das Rosa Trikot vor dem Weißen Haus?

Acquarone: Ob es in naher Zukunft klappt, kann ich noch nicht sagen. Auch nicht, ob es 2013 oder 2014 vorstellbar ist. Aber ich bin optimistisch, dass solch ein Event zu stemmen ist und wir alles Nötige organisieren können, um diesen Traum zu realisieren.

SPOX: Ihr Vorgänger Zomegnan sagte einmal, die Tour sei das größte Rennen, der Giro aber das beste. Erklären Sie uns den wesentlichen Unterschied zwischen Tour und Giro.

Acquarone: Die Tour ist unbestritten die bedeutendste Radsportveranstaltung der Welt. Aber der Giro hat mehr Leidenschaft. Wir haben zwar weniger Zuschauer, aber diejenigen, die den Giro verfolgen, lieben ihn mit Haut und Haar. Und das zu Recht. Italien vereint eine jahrhundertelange Radsport-Tradition, großen Enthusiasmus, hervorragende Unterkunftsmöglichkeiten für die Fans und eine perfekte Landschaft für ein Etappenrennen. Die Alpen, die Dolomiten, die Apenninen, die Vulkane: Ein Gebiet, das sich vom Meer bis auf 2000 Metern Höhe erstreckt. Dazu kommen unsere traditionsreichen Städte wie Rom, Florenz oder Venedig, um nur einige zu nennen. Das sind wahre Paradiese auf Erden.

"Eine Verkürzung von drei auf zwei Wochen? Das würde den Giro töten."

Michele Acquarone

SPOX: Dennoch: Denken Sie, es ist realistisch, die Tour als größtes Rennen der Welt zu attackieren?

Acquarone: Es geht nicht darum, die Tour anzugreifen. Ich hoffe sogar, dass sie noch weiter an Größe und Popularität zunimmt. Denn genau das brauchen wir, um den Radsport wieder aus dem Tal herauszuziehen. Ich sehe die Tour nicht als Gegner und schon gar nicht als Feind. Ich bin davon überzeugt, dass wir nebeneinander und zusammen wachsen können. Die Tour ist für uns eminent wichtig, denn sie generiert jedes Jahr eine große Anzahl neuer Radsport-Fans. Und nicht wenige von ihnen sehen wir im Jahr darauf beim Giro als glühende Anhänger unserer Rundfahrt.

SPOX: Sowohl bei der Tour als auch beim Giro gab es zahlreiche Stürze. Sicherheit ist momentan eines der großen Themen im Radsport. Werden wir unter Ihrer Leitung beim Giro weniger Berge und ungefährlichere Abfahrten sehen?

Acquarone: Dazu fällt mir eine schöne Anekdote ein: Bei einer Veranstaltung lernte Filippo Pozzato Valentino Rossi kennen und sagte zu ihm, er wäre ja verrückt, sich mit solchen Geschwindigkeiten auf dem Motorrad so waghalsig in die Kurven zu legen. Daraufhin erwiderte Rossi: "Nein, du bist der Verrückte von uns beiden. Denn du knallst mit knapp 100 km/h in die Abfahrten - und das ohne Knautschzone und nur in T-Shirt und kurzen Hosen". Was ich damit sagen will: Die Jungs fahren nun mal ohne Protektoren auf dem Asphalt und das Risiko kann man im Radsport nie komplett eliminieren. Dennoch unternehmen wir alles Mögliche, um unsere Stars zu schützen. Denn sie sind es, die den Giro ausmachen. Wir suchen den Dialog mit den Fahrern, hören ihnen zu und versuchen, die Fehler der Vergangenheit abzustellen und die Strecken zukünftig so sicher wie möglich zu gestalten.

SPOX: Es kursieren immer wieder Gerüchte, dass einige Funktionäre den Giro von drei auf zwei Wochen verkürzen wollen. Was sagen Sie zu solchen Ideen?

Acquarone: Ich weiß nicht, was sich diese Leute denken. Die dreiwöchigen Rundfahrten haben ihren Sinn. Eine Vuelta oder einen Giro mit nur zwei Wochen wäre nicht selektiv genug, um einen großen Champion herauszufiltern. Ich weiß, dass die UCI darauf bedacht ist, mehr Rennen stattfinden zu lassen - auf Kosten der bestehenden Rennen. Vor allem in Asien, Australien und Nordamerika gibt es einen großen Markt für weitere Veranstaltungen. Aber ein Jahr hat 52 Wochen, genug Zeit für jeden, um Rennen rund um die Welt zu organisieren und zu fahren. Dazu muss man den Giro, der eine 100-jährige Tradition mit sich bringt, nicht zeitlich verringern. Denn das würde ihn töten.

SPOX: Den Giro nie gewinnen konnte Jan Ullrich. Nach langer Pause meldete er sich im August beim "Ötztaler Radmarathon", einem Jedermann-Rennen in Österreich, auf der Radsport-Bühne zurück. Wie bewerten Sie seine Rückkehr?

Acquarone: Ich kenne ihn nicht persönlich, sondern nur aus dem Fernsehen. Ich denke, es kommt darauf an, wie und in welcher Funktion er zurückkommt. Wenn er mit der Vergangenheit abschließen und neue Fans für den Radsport gewinnen kann, ist das eine sehr gute Sache. Ich hoffe, ich habe eines Tages die Gelegenheit, ihn mal kennenzulernen - und zwar den Menschen Jan Ullrich und nicht den TV-Champion.

Interview: Torsten Adams

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