Pferdesport

Millington: "Royal Ascot? Wie Fish and Chips"

Von Interview: Bastian Strobl
Montag, 20.06.2011 | 21:47 Uhr
Royal Ascot ähnelt nicht selten einem Musik-Festival wie Rock am Ring
© Getty

In Großbritannien gehört der Pferdesport zu den beliebtesten Sportarten des Landes. Experte und Journalist Bruce Millington ("Racing Post") spricht im SPOX-Interview über kickende Tierliebhaber, den Kult der Royal-Ascot-Woche und verrät, was ein britisches Phänomen mit Bastian Schweinsteiger zu tun hat.

SPOX: Herr Millington, richtig oder falsch: Der Pferdesport ist nur für wohlhabende Leute.

Bruce Millington: (lacht) Da muss man unterscheiden. Wenn man selbst aktiv werden will, dann gebe ich Ihnen Recht. Dann sollte man schon einen dicken Geldbeutel haben. Aber auch normale Menschen können ja zu den Rennen gehen, ihren Spaß haben, die Atmosphäre genießen und die eine oder andere Wette platzieren. Als Zuschauer muss man daher nicht unbedingt reich sein.

SPOX: Der Unterschied zum Fußball ist also gar nicht so groß.

Millington: Genau. Fußball ist ja auch für jedermann. Außer man will natürlich einen Klub besitzen, oder halt beim Pferdesport sein eigenes Pferd haben.

SPOX: Wenn man schon den Vergleich zum Fußball zieht: Wo steht auf der Insel der Pferdesport in der Popularitätsskala?

Millington: Fußball steht natürlich über allem. So ist es ja auch in Deutschland. Wo exakt der Pferdesport bei uns steht, kann man gar nicht so leicht sagen. Unser großer Vorteil ist natürlich, dass es sieben Tage in der Woche auf den Strecken zur Sachen geht. Man könnte fast sagen, 24/7 ist immer was los. Und zusätzlich gibt es die großen Highlights, wie zum Beispiel das Royal Ascot Event. Da kommt es schon mal vor, dass zu den Rennen über 250.000 Zuschauer strömen. Aber dann gibt es auch wieder Tage, wo nur 800 Leute kommen. Es ist ein ständiges Auf und Ab.

SPOX: Royal Ascot... Das werden die Meisten wohl mit überdimensionalen Hüten und betrunkenen High-Society-Ladies verbinden.

Millington: (schmunzelt) Tja, das gehört zu Royal Ascot wie Fish and Chips zu England. Die verrückten Hüte und Kleider sind einfach Teil dieses Events. Manche ignorieren das Tohuwabohu. Für andere ist der Fashion-Aspekt überhaupt der Grund, warum sie dahin gehen. Für den Großteil ist es schlicht und ergreifend Kult.

SPOX: Und die Stars und Sternchen?

Millington: Na ja, ich würde es mal von einem rationalen Punkt aus betrachten: Je mehr Stars kommen und je mehr sie fotografiert werden, desto gieriger sind die Medien auf das Event. Und das hilft dem gesamten Pferdesport.

SPOX: Und das macht die Woche von Royal Ascot wohl zu den glamourösesten Pferdesport-Tagen der Welt.

Millington: Absolut. Wenn schon die Queen an jedem Tag kommt, dann weiß man, was für einen Stellenwert das Rennen hat.

SPOX: Damit stößt das Royal Ascot fast in Fußball-Dimensionen vor. Apropos: Bei den Kickern ist es seit einiger Zeit gang und gäbe, abnorme Ablösesummen zu bezahlen. Gibt es Vergleichbares auch im Pferdesport?

Millington: Richtige Ablösesumme gibt es nicht, aber zum Verständnis: Das beste Pferd in Großbritannien heißt momentan Frankel. Er hat noch nie verloren und hat in diesem Jahr das prestigeträchtige 2000 Guineas in Newmarket gewonnen. Frankel ist vermutlich über 40 Millionen Euro wert. Er spielt also in derselben Liga wie...sagen wir mal Bastian Schweinsteiger.

SPOX: Sind denn die Jockeys genauso viel wert?

Millington: Nein, bei denen ist es etwas anderes. Die müssen ja nur auf dem Pferd bleiben, wenn man es despektierlich ausdrücken will. Das Hauptaugenmerk liegt ganz klar auf den Pferden.

SPOX: Ein Kollege von mir hat vor kurzem mit Markus Münch gesprochen, einem ehemaligen Bundesligaspieler, der sich nach seiner aktiven Karriere dem Pferdesport zugewandt hat. Er hat seine Rennpferde als wahre Maschinen bezeichnet, auf Grund ihrer Physiognomie und ihres Speeds.

Millington: Da hat er total Recht. Ihr Training kann man locker mit dem eines Spitzenathleten vergleichen. Außerdem werden sie im wahrsten Sinne des Wortes auf Händen getragen. Ein einzelner Stall-Mitarbeiter kümmert sich den ganzen Tag genau um zwei Pferde. Das ist alles, was er macht.

SPOX: Das hört sich nach einem Fünf-Sterne-Hotel für Pferde an.

Millington: So könnte man es sagen. Von dem Moment, wo sie aufwachen, werden die Pferde wie Könige behandelt. Sie bekommen überall das Nonplusultra: Das beste Wasser, das beste Futter, sie werden jeden Tag gestriegelt.

SPOX: Ist denn die mediale Aufbereitung der Pferdesport-Events in England genauso erstklassig?

Millington: Im Fernsehen gibt es einige Sender, die von den Rennen berichten und jeden Tag Hintergrundberichte liefern. Aber selbst die "BBC" bringt ab und zu Sachen zu den großen Events. Trotzdem muss man leider feststellen, dass der Pferdesport in einigen Gebieten unter Druck gerät, weil andere Sportarten immer beliebter werden.

SPOX: Dennoch kann man wohl mit Fug und Recht behaupten, dass der britische Pferdesport dem deutschen um einige Pferdelängen voraus ist. Wie werden die deutschen Rennen auf der Insel gesehen?

Millington: Die verlaufen eher unter dem Radar. Das bekannteste hierzulande ist wohl der Große Preis von Baden-Baden. Aber das Niveau ist einfach ein anderes. Wenn englische Pferde an ausländischen Rennen teilnehmen, dann eher in Frankreich oder Italien.

SPOX: Es ist also wahrscheinlicher, dass England Deutschland auf der Rennstrecke besiegt als beim Fußball...

Millington: (lacht) Damit könnten Sie durchaus Recht haben.

SPOX: Es gibt allerdings auch viele ehemalige und auch aktive Fußballer und Trainer, die ihre Leidenschaft für den Pferdesport gefunden haben.

Millington: Ja, Michael Owen zum Beispiel. Der hat sein eigenes Pferde-Unternehmen mitsamt Rennpferden, Trainern und den dazugehörigen Ställen. Er hat eine Menge investiert. Genauso wie Sir Alex Ferguson, der mit "Rock of Gibraltar" einige Erfolge feiern konnte.

SPOX: Gibt es noch weitere Pferdeliebhaber aus dem Fußball?

Millington: Mike Channon, einer der besten britischen Pferdetrainer, war in den 70er Jahren englischer Nationalspieler. Auch Harry Redknapp, der Trainer der Tottenham Hotspur, ist ein großer Fan.

SPOX: Was glauben Sie: Welche Motivation treibt diese Leute an? Ist es nur ein Hobby? Oder wollen sie Profit erzielen?

Millington: Es geht ihnen eher darum, Spaß zu haben. Diese Menschen haben so viel Geld, die brauchen nichts mehr zu verdienen. Und es ist einfach ein netterer Zeitvertreib, sich ein Rennpferd zu kaufen, statt sein Geld für Drogen, Alkohol oder die nächste schnelle Karre aus dem Fenster zu werfen.

SPOX: Was ist eigentlich mit Ihnen persönlich: Gehen Sie als großer Experte selber reiten?

Millington: Ich reite nicht, ich wette lieber (schmunzelt).

SPOX: Zum Millionär wird man dabei aber nicht, oder?

Millington: (lacht) Das fragen Sie am besten meine Frau. Aber mal ernsthaft: Ich habe zu viel Respekt vor Pferden, um mich selbst in den Sattel zu schwingen, und vielleicht ist auch ein Tick Angst dabei. Zum Zuschauen sind diese Tiere jedoch wirklich eine Augenweide.

SPOX: In diesem Sinne: Wie würden Sie die Faszination Pferdesport in einem Satz zusammenfassen?

Millington: Jedes Rennen ist ein Puzzle darüber, wer gewinnen wird. Um das Puzzle zu lösen, muss man auf jedes Detail achten. Wie ist das Pferd heute drauf? Mag es die Distanz? Wie war die Vorbereitung? Wenn man jeden Aspekt wie ein Mosaiksteinchen aufsammelt und zu einem Gesamtbild zusammensetzen kann, dann ist das eine Art Genugtuung, die man selbst als Zuschauer verspürt.

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