"Bin nicht scharf auf F1-Popularität"

Donnerstag, 11.09.2014 | 17:02 Uhr
Marco Wittmann fährt mit BMW in der DTM derzeit allen um die Ohren
© dtm media
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Marco Wittmann dominiert die DTM und freut sich dennoch, unbehelligt von der Öffentlichkeit zu sein. Der BMW-Pilot will gar nicht die Popularität der Formel-1-Fahrer erreichen. Mit SPOX spricht der 24-jährige Franke über seine Titelambitionen, Kämpfe und Unfälle in Spielberg und sein Problem mit der Geschwindigkeitsbegrenzung.

SPOX: Herr Wittmann, Sie haben drei Rennen vor dem Saisonende 64 Punkte Vorsprung, können zweimal ausfallen und würden die Fahrerwertung noch immer mit 14 Zählern anführen. Sieben Champions fahren gegen Sie oder besser gesagt hinterher. In Ihrer zweiten DTM-Saison werden Sie, wenn alles normal läuft, Meister - mit dem vorletzten Team der Gesamtwertung in der Saison 2013. Wie oft kneifen Sie sich aktuell selbst?

Marco Wittmann: Für mich ist das einfach ein tolles Gefühl. Ich hätte vor der Saison nie davon geträumt oder gar damit gerechnet. Natürlich ist der Vorsprung komfortabel und die letzten Rennen liefen gut, aber es kann noch zu viel passieren. Ich versuche einfach, mit beiden Füßen auf dem Boden zu bleiben und gehe auch die letzten wie alle anderen Rennen an. Bis jetzt ist noch nichts gewonnen.

SPOX: Ist es ein Vorteil, dass mit Mattias Ekström, Edoardo Mortara und Mike Rockenfeller noch drei Audi-Fahrer Chancen auf den Titel haben? So kann sich BMW auf Sie konzentrieren, während sich die Ingolstädter gegenseitig die Punkte klauen.

Wittmann: Mir ist es egal, gegen wen ich kämpfe. Wir sind 23 Fahrer und mein Ziel ist, ganz vorne zu stehen und die restlichen 22 zu schlagen. Ob sie Rockenfeller, Ekström oder anders heißen, macht keinen Unterschied.

SPOX: Sie sind lange den Gesprächen über den möglichen Titelgewinn ausgewichen. Mal ehrlich: Seit wann gucken Sie sich den Meisterschaftsstand genau an?

Wittmann: Ich muss das immer wieder betonen: Meine Herangehensweise hat sich nicht geändert. Klar, ich hatte schon vor Spielberg mindestens ein Auge auf der Tabelle, nach dem Nürburgringrennen umso mehr. Aber vor Spielberg wäre das Meisterschaftsrennen durch einen Nuller wieder komplett offen und wir alle gleichauf gewesen. Deswegen war ich sehr vorsichtig und konzentriere mich immer noch nur auf meinen Job.

SPOX: Sie sprechen das Rennen in Österreich an: Beim Boxenstopp ist Ihnen Pascal Wehrlein leicht in die Seite gefahren. Weiter vorne ist Robert Wickens gerade so vor Timo Glock eingeschert. Wickens wurde bestraft und letztlich disqualifiziert, Wehrlein zunächst nicht. Können Sie die Diskussion und die Aufregung von Mercedes nachvollziehen?

Wittmann: Erst mal muss man festhalten: Pascal Wehrlein ist mir richtig ins Auto gefahren. Das war ein klarer Unsafe Release und wurde nach dem Rennen richtigerweise noch bestraft. Es ist aber manchmal schwierig, zu sagen, wer Schuld hat - gerade bei dem Zwischenfall von Wickens und Glock. Das war ein Grenzfall, aber die Rennleitung hat so entschieden. Das ist wie Abseits beim Fußball: Da kann auch keiner mehr reklamieren. Das ist schon seit Jahren so. Das größte Problem ist, dass wir alle in der gleichen Runde stoppen. Es erhöht einfach das Risiko, wenn zwölf Fahrer gleichzeitig reinkommen.

SPOX: Wünschen Sie sich deshalb, dass sich die Regeln ändern? Oder ist für Sie ein anderer Aspekt im Reglement wichtiger?

Wittmann: Eigentlich bin ich ziemlich zufrieden mit der aktuellen Situation. Vieles wird zu sehr hochgepusht. Oftmals wird zu schnell gemeckert und gejammert. Ich würde das nicht so deutlich kritisieren wie einige andere. Wenn man es genau nimmt, funktioniert das Konzept gut: Wir haben tolle Überholmanöver und gute Rennen. Sicher kann man über den Punkt der Pflicht-Boxenstopps reden, damit die Strategie wieder offener wird und nicht alle in der gleichen Runde stoppen. Das sind Feinheiten, an denen wir im Winter arbeiten können.

SPOX: Gab es in den bisherigen sieben Rennen, von denen Sie vier gewonnen haben, überhaupt eines, bei dem Sie mal ins Schwitzen gekommen sind?

Wittmann: Wenn man es wortwörtlich nimmt, war das beim vorletzten Rennen in Spielberg. Ich bin mit einer ganzen Wiese in der Lüftung gefahren - also relativ viel Dreck. Im Cockpit gab es also keine Kühlung mehr. Da wurde es richtig warm. Im übertragenen Sinne war es am Nürburgring, als ich mich in der Schikane verbremst habe und den Notausgang nehmen musste. Da rutschte das Herz in die Tasche vom Overall - Hosen haben wir ja keine. Ich war einfach froh, dass der Abstand zu Rockenfeller fast gleich blieb und ich meinen Rhythmus halten konnte. Man ist nach so einem Fehler aber plötzlich wieder hellwach, schraubt die Konzentration noch mal hoch und versucht, die Reifen wieder sauber zu kommen. So ein Fehler darf dann einfach nicht noch mal passieren.

SPOX: Der letztjährige Champion Mike Rockenfeller wurde immerhin noch Zweiter und erklärte danach, dass Sie trotz maximalem Zusatzgewicht von 20 Kilogramm immer noch in einer eigenen Liga fahren würden. Wie geht man mit solchen Lobeshymnen um?

Wittmann: Das ist zwar schön, wenn man solche Komplimente bekommt. Ich ziehe aber einfach jedes Wochenende mein Ding mit meinem Team durch. Wir stellen das Auto so hin, dass ich mich wohlfühlen und die maximale Leistung aus dem M4 rausholen kann. Gerade mit dem Zusatzgewicht ist es umso wichtiger, dass man das mit einem richtig guten Setup ausgleicht. Und das gelingt uns bisher ziemlich gut.

SPOX: Hat sich bei Ihnen schon einer Ihrer BMW-Piloten beschwert, weil sein Auto durch Ihre Erfolge schwerer und damit langsamer ist?

Wittmann: Bisher eigentlich eher aus Spaß. Klar ist es nicht schön, wenn man selbst erfolgreich ist und die eigenen Markenkollegen mit Zusatzgewichten bestraft werden. So sind aber nun mal die Regularien in diesem Jahr. Wir können es nicht ändern und müssen einfach damit leben.

Seite 1: Wittmann über Titelambitionen, Regeländerungen und Schweißausbrüche

Seite 2: Wittmann über seine Geschwindigkeitsprobleme und Schumi vs. Zanardi

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