Leichtathletik

10,0 Sekunden für die Ewigkeit

SID
Legenden unter sich: Armin Hary (l.) und Jesse Owens

Hundert Meter in zehn Komma null: Armin Hary rannte als Weltrekordler zu ewigem Ruhm. Am 22. März wird der Olympiasieger 80 Jahre alt.

21. Juni 1960. Zürich, Letzigrund. Um kurz nach 20 Uhr hämmert Armin Hary seinen Startblock mit Nägeln besonders fest auf die Aschenbahn, er zupft sich das Trikot zurecht. Nichts darf schiefgehen. Es soll sein großer Abend werden. Hary ist in Top-Form.

"Ich habe mich auf den Knall gestürzt wie ein Boxer auf den Gegner", sagt Hary dem SID. Er trommelt die 100 Meter entlang. 10,0 Sekunden. Zehn Komma null! Weltrekord, eine Sensation. Doch die Kampfrichter sind so geschockt, dass sie die handgestoppte Zeit nicht anerkennen - Fehlstart sagen sie. "Da war die Sache für mich eigentlich erledigt", sagt Hary, doch er bekommt einen Wiederholungslauf zugestanden. Und der "Unbekannte vom Dorf" rennt 35 Minuten später noch einmal 10,0 Sekunden, bis heute ist er der letzte weiße Weltrekordler.

Seit diesem 21. Juni 1960 ist Hary eine Legende des deutschen Sports, nur 72 Tage später holt der damals 23-Jährige in Rom als bisher einziger Deutscher Olympiagold über 100 m, eine Woche später auch mit der 4x100-m-Staffel. Am Mittwoch (22. März) feiert er seinen 80. Geburtstag. "Ich denke nicht täglich daran, dass ich früher mal ein toller Hecht war", sagt Hary. Aber natürlich wird der "blonde Blitz", der Usain Bolt seiner Zeit, immer wieder auf die alten Zeiten angesprochen, die Menschen haben ihn nicht vergessen. "Jede Woche erhalte ich noch immer fünf bis zehn Autogrammwünsche aus der ganzen Welt", sagt er und freut sich auf "ne größere Feier" am Mittwoch.

Der "zornige junge Sprinter"

Was heute unvorstellbar klingt: Hary war auf dem Höhepunkt seines Schaffens kein gefeierter Star. Der Sohn eines Bergmannes aus Quierschied wurde stets skeptisch beäugt. Er hatte den unbedingten Willen, sich nach oben zu arbeiten - auf seine Weise. Hary war einer, der aneckte, sich wenig sagen ließ, ungestüm, aufsässig, für die Generation nach dem Krieg war er der deutsche James Dean der Aschenbahn. Bei den konservativen Funktionären wurde er aber als Rebell abgestempelt, ein Liebling der Presse war er zunächst auch nicht, wurde sogar einmal als der "zornige junge Sprinter" betitelt.

"Zu meiner Zeit war der mündige Athlet noch nicht erfunden", sagt Hary süffisant: "Ich habe mir nicht viel gefallen lassen." Nach drei kurzen Sommern, dem Doppel-Gold bei der EM 1958 und einem weiteren aberkannten 10,0-Lauf, dem Weltrekord 1960 und dem Olympia-Triumph von Rom, macht Hary 1961 als 24-Jähriger schon Schluss. Nach dem x-ten Ärger mit Funktionären wegen eines Interviews und angeblich falscher Spesenabrechnung, und sicher auch wegen der Knieprobleme in Folge eines Autounfalls. "Es war nicht leicht aufzuhören. Aber sie haben es mir leichter gemacht", sagt Hary. Und: "Ich hatte ja alles erreicht."

"Größter Bettler Deutschlands"

Heute engagiert sich der Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande für seine AHA-Stiftung zur kommunalen Förderung jugendlicher Sporttalente aus sozial benachteiligten Familien. Wie er damals eines war. Täglich sitzt er am Telefon oder besucht Unternehmen, um Geld zu sammeln. "Ich bin der größte Bettler Deutschlands", sagt Hary im Scherz. Und er fährt Fahrrad: "Ich trete schon kräftig. Wenn ich zu Hause sitze, werde ich krank."

Die Leichtathletik interessiert Hary nach wie vor, aber "es macht keinen Spaß mehr", sagt Hary: "Es knistert nicht mehr." Und er geht mit seinen Nachfolgern hart ins Gericht. "Bei Olympia dabei zu sein, kann doch nicht alles sein. Ich kann doch nicht zu den Spielen fahren und dann da Urlaub machen", sagt er: "Ich wollte es in Rom allen zeigen und gewinnen. Schluss. Aus."

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