No Justin, No Cry

Sonntag, 23.08.2015 | 19:46 Uhr
Usain Bolt hat sich erneut zum 100-Meter-Weltmeister gekrönt
© getty
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Usain Bolt lässt am zweiten Tag der WM in Peking den Blitz einschlagen, doch erst Bob Marley sorgt für Lockerheit. Außerdem: David Storl ist (noch) kein Freund von Silber und ein Präsident packt den Hammer aus.

Es dauerte ein paar Minuten, ehe sich die Last von den Schultern Usain Bolts gelöst hatte. Erst als Bob Marleys Song "One Love" aus den Boxen schepperte, begann er unbeschwert zu strahlen und formte mit seinen Händen die altbekannte Siegerpose im Pekinger Nationalstadion.

Die Zweifel, die in den vergangenen Wochen und Monaten an der aktuellen Leistungsfähigkeit des Weltrekordlers aufgekommen waren, hatten ihre Spuren hinterlassen. Justin Gatlin, da waren sich viele Experten vor dem 100-Meter-Showdown sicher, würde sich diesmal die Krone aufsetzen.

Der zweite Tag zum Nachlesen im RE-LIVE

Doch Bolt ist eben Bolt. Und deshalb ließ er einmal mehr den Blitz zum genau richtigen Zeitpunkt einschlagen. Mit der Saisonbestleistung von 9,79 Sekunden verwies er seinen ärgsten Rivalen Gatlin (9,80) auf den zweiten Platz.

"Mein Ziel ist es, bis zu meinem Karriereende die Nummer eins zu bleiben. Und dafür treibe ich mich immer weiter an. Ich hätte heute noch schneller rennen können", sagte der 29-jährige Weltrekordler, der nach einem Startwackler ein grandioses Rennen lief. Für Gatlin, den überführten Doper, war es die erste Niederlage nach 716 Tagen.

Storl schnappt sich Silber

Auch aus deutscher Sicht war Tag 2 ein guter Tag. David Storl war zwar mit dem klaren Ziel angetreten, Gold im Kugelstoßen nach Hause zu bringen. Am Ende war aber Silber ein Ergebnis, auf das der 25-Jährige stolz sein kann.

Auch wenn das unmittelbar nach dem Wettkampf bei Storl noch nicht ganz angekommen war: "Es war überhaupt nicht mein Wettkampf. Ich bin froh, dass ich noch Silber geholt habe. Es war technisch nicht sauber, ich habe die Linie verloren. Ich wollte meinen Titel natürlich verteidigen und habe mir 22 Meter schon zugetraut. Es war aber schwierig umzusetzen", sagte er.

Am Montag stehen fünf Entscheidungen an (Tag 3 im LIVETICKER). Besonders fiebern die Fans dem Finale im Stabhochsprung entgegen, wenn Raphael Holzdeppe versucht, dem derzeit fast unschlagbar wirkenden Franzosen Renaud Lavillenie ein Schnippchen zu schlagen.

Die Entscheidungen des Tages:

100 m Männer: Erstmals überhaupt bei einer WM standen nur Athleten im Finale, die alle die 100 m unter zehn Sekunden bewältigt haben. Hinter Bolt und Gatlin teilten sich zwei Sprinter Bronze. Der US-Amerikaner Trayvon Bromell und der Kanadier Andre De Grasse liefen beide die Königsdisziplin in jeweils 9,92 Sekunden. Beide sind erst 20 Jahre alt und deuteten mit ihrer Vorstellung an, wem die Zukunft gehören könnte. Julian Reus verpasste zwar wie erwartet den Endlauf. Aber seine Leistung, als erster Deutscher seit 32 Jahren im Halbfinale gestanden zu haben, ist aller Ehren wert.

Kugelstoßen Männer: Es war spannend. Extrem spannend. Vielleicht so spannend wie noch nie in einem WM-Finale im Kugelstoßen. Der Grund: Bis kurz vor Schluss kamen gleich eine ganze Handvoll Athleten für den Sieg in Frage. Den sicherte sich letztlich der US-Amerikaner Joe Kovacs mit einem Stoß auf 21,93 Meter. Hinter Storl belohnte sich der Jamaikaner O'Dayne Richards mit Bronze. Für Storl war es nach zwei Mal WM-Gold in Folge diesmal Silber. Angesichts der Tatsache, dass es nicht rund lief und er sich zwischendurch sogar an der Wade behandeln lassen musste, eine beachtliche Leistung.

20 km Gehen Männer: China hatte so auf das erste Gold gehofft. Auf eine Gala von Wang Zhen. Doch ein Spanier spielte den Party-Crasher: Miguel Angel Lopez (1:19:14) verwies den Chinesen (1:19:29) auf Rang zwei, Bronze ging an den Kanadier Benjamin Thorne. Die ausbaufähige Bilanz aus deutscher Sicht: Hagen Pohle wurde 19., Nils Brembach belegte den 35. Rang, Christopher Linke Platz 39.

Hammerwerfen Männer: Er war der Hammer-König von Moskau, er ist der Hammer-König von Peking. Pavel Fajdek. Der Pole kam auf 80,88 m und ließ damit Dilshod Nazarov (Tadschikistan/78,55) und seinen Landsmann Wojciech Nowicki (78,55) hinter sich. Der Olympiasieger und Europameister Krisztian Pars (Ungarn/77,32) wurde Vierter, ein deutscher Starter war nicht dabei.

Siebenkampf Frauen: Jessica Ennis-Hill holte Gold vor Brianne Theisen-Eaton aus Kanada. Doch dazu später mehr. Während sich die Lettin Laura Ikauniece-Admidina Bronze holte, gingen die DLV-Athletinnen trotz guter Leistungen leer aus. Als beste Deutsche kam Claudia Rath nach einem starken zweiten Tag mit 6441 Zählern auf Rang fünf. Jennifer Oeser konnte mit der Saisonbestleistung von 6308 Punkten und Platz zehn zufrieden sein. Für Carolin Schäfer war der Traum von einer Medaille schon früh geplatzt.

Mann des Tages: Dilshod Nazarov

Der 33-Jährige holte Silber im Hammerwerfen. So weit, so gut. Jetzt nicht gerade eine Hammer-Leistung, die einen zum Mann des Tages macht, wird so mancher denken.

Der Clou dabei ist: Nazarov ist nicht nur Sportler, sondern gleichzeitig Präsident des Leichtathletik-Verbandes von Tadschikistan. "Das ist kein Problem für mich, das zu kombinieren. Ich habe ein starkes Team um mich herum", sagte er: "Ich möchte die Leichtathletik in Tadschikistan nach vorne bringen."

Frau des Tages: Jessica Ennis-Hill

Im Sommer 2014 brachte sie Sohn Reggie zur Welt. Im Sommer 2015 krönte sie sich zur WM-Heldin: Jessica Ennis-Hill. Die 29-Jährige sammelte 6669 Punkte im Siebenkampf und setzte sich damit gegen die klare Favoritin Brianne Theisen-Eaton aus Kanada (6554 Punkte) durch.

"Das ist definitiv einer der größten Momente meiner Karriere", sagte die Britin: "Damit hätte ich niemals gerechnet. Ich freue mich jetzt auf zu Hause, um mit meinem Mann und meinem Baby zu feiern."

Sprüche des Tages:

"Er hat mir schon oft aus der Patsche geholfen. Ich bin glücklich, dass ich ihn habe. Er hat mich zurück auf die Bahn gebracht." (Usain Bolt Bolt über Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt)

"Ich habe mich noch nie in einem so großen Stadion so einsam gefühlt." (Siebenkämpferin Carolin Schäfer, nachdem sie im Weitsprung ohne gültigen Versuch geblieben war)

"Der Abschied war einer der schwierigsten Momente meines Lebens. Ich war sehr emotional. Aber ich wollte ihm den langen Flug, den Smog und das Klima hier ersparen." (Jessica Ennis-Hill über die Tatsache, dass sie ihren einjährigen Sohn Reggie auf der Insel zurücklassen musste)

Zahlen des Tages:

9: Bolt feierte mit seinem 100-Meter-Triumph sein insgesamt neuntes WM-Gold - Rekord! Die US-Sprinter Carl Lewis und Michael Johnson sowie deren Landsmännin Allyson Felix holten jeweils acht Titel.

10,07: Das waren noch Zeiten! Fast schon im Schneckentempo und innerhalb von 10,07 Sekunden gewannen Lewis (1983) und Kim Collins (2003/St. Kitts und Nevis) Gold über 100 Meter. Damit sind sie in dieser Disziplin die langsamsten Weltmeister aller Zeiten.

2: Mit zwei Goldmedaillen durch Ennis-Hill und Mo Farah führt Großbritannien nach dem zweiten WM-Tag den Medaillenspiegel an.

Name des Tages: Sven Lang Lang

Nichts gegen den chinesischen Star-Pianisten Lang Lang. Aber mit seinem bizarren Highspeed-Geklimper kurz vor dem 100-Meter-Rennen im Vogelnest von Peking ging der Musiker so manchem Fan ein wenig auf die Nerven. Zur falschen Zeit am falschen Ort, könnte man das nennen.

Der wahre Lang Lang ist derzeit ohnehin ein Deutscher. Sven Lang (Lang) führte als Coach der Kugelstoßer erst Christina Schwanitz zu Gold, dann Storl zu Silber. "Er ist einer der wenigen Trainer, der es schafft, Männlein und Weiblein in der Weltspitze zu motivieren und leistungsfähiger zu machen", lobte Schwanitz. Und das ganz ohne Geklimper.

Alle WM-Entscheidungen im Überblick

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