Leichtathletik

Vom Kuhhirten zum WM-Favoriten

SID
Julius Yego gehört bei der WM zu den Topfavoriten
© getty

Als zehnjähriger Bub schmiss Julius Yego beim Viehhüten selbst geschnitzte Holzstöcke durch Kenias Hochland, mit 26 ist das Kraftpaket aus Soba River der beste Speerwerfer der vergangenen neun Jahre. "Gott ist ein großer Geber. Er lässt seine Leute niemals im Stich, wenn sie ihm ein kleines Gebet widmen", sagte Yego nach seinem sensationellen 91,39-m-Wurf beim Diamond-League-Meeting in Birmingham.

Die Entwicklung des viertältesten von sieben Kindern einer Landwirts-Familie ist ein Leichtathletik-Märchen, wie es selten geschrieben wird. Eines vom Speer-Aschenputtel, das auszog, um den großen Skandinaviern und Osteuropäern die Stirn zu bieten.

Zu zeigen, so Chefcoach Steven Mwaniki, "dass für einen Kenianer alles möglich ist, mit Zielstrebigkeit und harter Arbeit". Nach den jüngsten Dopingskandalen um seine Laufasse kommt das Yego-Wunder Kenias Verband gerade recht.

Yego, mit einem Hausrekord von 86,88 m angetreten, hatte am Sonntag im letzten Versuch einen Wurf ausgepackt, der an die schier unendlichen 104,80 m von Uwe Hohn 1984 in Berlin erinnerte. Wie beim Weltrekord des Potsdamers, nach dem das damalige Speer-Modell aus dem Verkehr gezogen wurde, landete Yegos Arbeitsgerät in einem Bereich, der dafür nicht mehr vorgesehen war.

"Jenseits meiner Vorstellungskraft"

In Birmingham endeten die Sektormarkierungen bei 90 Metern, der Wunderwurf wurde zunächst ungültig geben. "Das ist so überwältigend", jubelte Yego, als schließlich doch der Afrikarekord feststand, der ihn auf Platz neun der "ewigen" Bestenliste brachte: "Es war jenseits meiner Vorstellungskraft."

Gleiches gilt für Yegos Karriere-Verlauf. Freilich, als Kenianer vergötterte Yego die großen Laufstars seines Landes, Olympiasieger Kip Keino und Marathon-Ass Paul Tergat waren die Helden seiner Kindheit, die er zum Großteil bei der elterlichen Herde verbrachte: "Und während ich die Kühe im Auge hatte, habe ich Holzstöcke geworfen. Das hat mein Interesse am Speerwurf geweckt."

Youtube-Videos als Hilfsmittel

Er wurde sein eigener Lehrer, schaute sich auf grobkörnigen Youtube-Videos die Technik von Topstars wie Jan Zelezny und Andreas Thorkildssen ab; gewann High-School-Wettkämpfe, schaffte es ins Nationalteam, warf 2011 erstmals Landesrekord, der Weltverband IAAF spendierte ein Trainingsstipendium in Finnland. Der dortige Coach Petteri Piironen nahm sich Yegos Technik an, denn die, sagt Yego, "war wirklich grauenvoll".

Ein Ästhet ist das 1,75 m große und nahezu quadratische Kraftpaket mit Oberarmen von Bierfass-Format auch heute nicht - technisch ist er aber auf durchaus solidem Niveau angekommen. Nicht unlogisch ist daher Yegos Leistungsentwicklung: Olympiazwölfter 2012, WM-Vierter 2013, Commonwealth-Sieger 2014.

Yego fährt nun als (Mit-)Favorit zur WM nach Peking, nach dem Olympiasieg 2012 durch Kershawn Walcott (Trinidad) könnte es wieder einen Speerwurf-Sensationscoup geben. "Ich wollte immer wie Keino, Tergat und die anderen Lauf-Ikonen sein - nur eben als Speerwerfer", sagte Yego: "Und damit der Welt zeigen, dass das Talent der Kenianer in solchen Disziplinen genauso groß ist."

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