Kurzstreckenläufer haben Anschluss an europäische Spitze geschafft

Die Renaissance der deutschen Sprinter

SID
Sonntag, 17.06.2012 | 14:16 Uhr
Nach dem Finale hob Aleixo Platini Menga (l.) den zeitgleichen Sieger Lucas Jakubczyk hoch
© spox
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Jahrelang waren die Werfer für deutsche Leichtathletik-Erfolge alleinverantwortlich. Nach dem Aufstieg einiger Frauen erreichen nun auch die männlichen Sprinter europäische Topzeiten.
 

Als das Ergebnis des 100-Meter-Finales aufleuchtete, gab es für Aleixo Platini Menga kein Halten mehr. Spontan hob der Sprinter aus Leverkusen Lucas Jakubczyk auf seine Schultern. Er war im Regen von Wattenscheid zeitgleich Zweiter geworden hinter dem bislang eher als Weitspringer bekannten Berliner, fühlte sich aber nicht als erster Verlierer, sondern als zweiter Sieger.

"Ein geiles Rennen. Die Konkurrenz war sehr stark, deswegen ist der zweite Platz absolut in Ordnung", sagte Aleixo Platini Menga freudig erregt. Für die Sieger wurden bei etwas zu viel Windunterstützung 10,16 Sekunden gestoppt. Im Vorlauf war Jakubczyk bereits reguläre 10,20 Sekunden gelaufen.

Jahrelang waren für tragende Rollen in der deutschen Leichtathletik vor allem die Werfer zuständig. Nach dem Debakel bei Olympia 2008 erwiesen sich mit dem Gewinn von WM-Bronze in der Staffel vor drei Jahren und durch Verena Sailers Goldmedaille bei der Europameisterschaft 2010 auch die schnellen Frauen als wichtige Stütze.

Konkurrenzfähige Sprinter

In diesem Jahr nun stellen sich auch die deutschen Sprinter als konkurrenzfähig heraus. Zumindest auf kontinentaler Ebene. 10,20 Sekunden sind erst zehn Europäer gelaufen. Mit seinen 20,33 Sekunden über 200 Meter liegt Menga gar auf Rang drei der Bestenliste 2012.

Für Herbert Czingon, den Cheftrainer des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV), kommt die Renaissance der Kurzstreckenläufer nicht von ungefähr. "Auch wenn es noch keine karibischen Leistungen sind, haben gerade die Sprinter gezeigt, dass sich die hartnäckige Arbeit der vergangenen Jahre, eine schlagkräftige Staffel zusammenzustellen, auszahlt. Auf diesem Weg kommen wir auch zu immer besseren Einzelläufern", analysierte Czingon die Entwicklung im Olympia- und EM-Jahr.

Die Rückschläge bei der vergangenen WM, als beide Sprintstaffeln den Stab verloren, haben den Aufwärtstrend nicht gestoppt. Zu den Etablierten kamen frische Gesichter hinzu wie Menga oder Jakubczyk, der mit 27 Jahren seine Sprintfähigkeiten neu entdeckte. "Kurz war's", kommentierte der Shootingstar das Rennen. Bei der EM wird er im Einzel starten und die aussichtsreiche Staffel anführen.

Bei den Frauen erwies sich Verena Sailer nach ihrem verletzungsbedingten DM-Verzicht 2011 wieder als unbesiegbar. Die Mannheimerin hielt die 19-jährige Tatjana Pinto, die wie Sailer 11,19 Sekunden stehen hat, auf Distanz. Bei irregulärem Wind lief Sailer 11,22 Sekunden.

"Ich komme aus einem Jahr, in dem ich verletzt war und nicht aus 2010, wo ich Europameisterin wurde. Deshalb mache ich mir für die EM keinen großen Druck. Klar möchte ich wieder ins Finale und dort so weit wie möglich nach vorne kommen", sagte Sailer. Mit ihr hat die Staffel Qualität für EM-Gold.

Nytra sieht Zeit für neue Sprinter-Generation gekommen

Dass es auf der Kurzstrecke läuft wie lange nicht, zeigt sich auch im Hürdensprint. Vier Männer haben die EM-Norm erfüllt, drei die Vorgabe für einen Olympiastart. Ob Gregor Traber zu den Helsinki- und London-Fahrern gehören wird, ist nach einem Sturz des in Führung liegenden Tübingers an der letzten Hürde ungewiss.

Vom Missgeschick des 19-Jährigen profitierte Alexander John. Der Jahresbeste aus Leipzig gewann in 13,52 Sekunden vor Matthias Bühler (Offenburg) und Erik Balnuweit (Leipzig). Das Trio darf auf einen EM-Start hoffen.

Wie Sailer hat auch Carolin Nytra ihr Seuchenjahr 2011 hinter sich gelassen und ist auf Anhieb in die Weltspitze der Hürdensprinterinnen zurückgekehrt. In Wattenscheid bestätigte sie ihre 12,74 Sekunden von Mannheim, mit denen sie in Europa auf Rang zwei liegt.

Nach ihrem Sieg vor Cindy Roleder, die in 12,91 die Olympianorm knackte, ordnete Nytra die aktuelle Situation in der deutschen Leichtathletik ein: "In Peking haben noch alle rumgemosert, dass ich die Einzige war, die sprintet. Ich habe gesagt, dass wir ein sehr junges Team sind und Geduld angemahnt." Jetzt sei die Zeit gekommen für die neue Generation der Sprinter. Ob es eine goldene ist, wird sich in zwei Wochen in Helsinki erweisen.

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