Mittwoch, 20.04.2016

John Heenan vs. Tom Sayers

Die Blutschlacht von Farnborough

John Heenan und Tom Sayers schrieben Geschichte. Die beiden Boxer duellierten sich nicht nur im ersten Weltmeisterschaftskampf überhaupt, sie bestritten auch den ersten "Fight of the Century". Der Kampf dauerte zweieinhalb Stunden, ging über 42 Runden - und sollte den Boxsport für immer verändern. SPOX blickt auf das Duell, das sich im April zum 156. Mal jährt, zurück.

Heenan, Sayers, Ali, Mayweather - sie alle waren Jahrhundert-Kämpfer
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Heenan, Sayers, Ali, Mayweather - sie alle waren Jahrhundert-Kämpfer

Immer mehr Blut strömte über sein Gesicht. Immer weiter öffneten sich die Wunden an seinen aufgerissenen Wangen. Immer heftiger schwollen seine Augen an. Und immer weniger war John Heenan wiederzuerkennen.

Doch aufgeben? Das kam für den Amerikaner nicht in Frage. Zu groß war die Chance, den auch schon schwer gezeichneten Tom Sayers zu besiegen.

Und so ging die Schlacht weiter.

Egal, wie viel Schmerz die beiden erleiden mussten, auf den ersten Weltmeistertitel der Boxgeschichte wollte niemand verzichten. Niemand wollte den ersten "Kampf des Jahrhunderts" verlieren.

In einer Zeit vor Ali und Mayweather

Er fand statt in einer Zeit, in der die Welt noch lange auf Legenden wie Muhammad Ali oder Floyd Mayweather Junior warten musste. In einer Zeit, in der das Boxen nur wenig mit dem der Gegenwart gemein hatte. Im April 1860.

Schützende Handschuhe gab es damals ebenso wenig wie eine Zeitbegrenzung oder Punktsiege. Eine Runde war erst dann beendet, wenn ein Boxer am Boden lag, ein Kampf erst dann zu Ende, wenn einer aufgab oder bewusstlos wurde. Schwerste Verletzungen waren an der Tagesordnung.

Und trotzdem begeisterte sich ein gewisser John Camel Heenan für diesen brutalen Sport. Der Amerikaner, der erst in einer kalifornischen Werft arbeitete und später sein Geld als Eintreiber und Bodyguard im gewaltvollen New York City verdiente, machte sich in den 1850er Jahren einen Namen als talentierter Faustkämpfer.

Sensationen der Box-Geschichte
19. Juni 1936, New York: Max Schmeling sorgt mit seinem Knockout in der 12. Runde gegen den hoch favorisierten "Brown Bomber" Joe Louis für eine Sensation
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19. Juni 1936, New York: Max Schmeling sorgt mit seinem Knockout in der 12. Runde gegen den hoch favorisierten "Brown Bomber" Joe Louis für eine Sensation
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10. Juli 1951, London: Der Engländer Randolph Turpin sorgt für eine Sensation mit seinem Punktsieg nach 15 Runden über Sugar Ray Robinson
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25. Februar 1964, Miami Beach: Cassius Clay alias Muhammad Ali schlägt Favorit Sonny Liston und ist erstmals Weltmeister. Clays Worte gingen um die Welt: "I'm the Greatest. I shook up the World"
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30. Oktober 1974, Kinshasa: Muhammad Ali entthront George Foreman durch Knockout in der 8. Runde im "Rumble in the Jungle", im vielleicht größten Sportereignis des 20. Jahrhunderts
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15. Februar 1978, Las Vegas: In seinem erst achten Kampf als Profi besiegt Leon Spinks Muhammad Ali nach Punkten und sorgt für eine historische Sensation
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6. April 1987, Las Vegas: Sugar Ray Leonard besiegt Titelverteidiger Marvin Hagler nach Punkten. Bis heute ist das Urteil des unfassbar ausgeglichenen Fights umstritten
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10. Februar 1990, Tokio: Mike Tyson verliert sensationell gegen James "Buster" Douglas durch K.o. Ärger gab's, weil Douglas nach einem Niederschlag nach 9 (oder mehr?) Sekunden auf den Brettern weitermachen durfte
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5. November 1994, Paradise/Nevada: 20 Jahre nach dem "Rumble in the Jungle" haut George Foreman Champion Michael Moorer in der 10. Runde um. Mit 45 Jahren und 360 Tagen ist "Big" der älteste Schwergewichtsweltmeister aller Zeiten
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9. November 1996, Paradise: Evander Holyfield entthront Champion Mike Tyson durch Abbruchsieg in der 11. Runde. Eine Sensation! Beim Re-Match kam's zum weltberühmten Biss ins Ohr...
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22. April 2001, Brakpan/Südafrika: Hasim "The Rock" Rahman sorgt für eine Sensation durch seinen K.o.-Sieg gegen Champion Lennox Lewis
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8. März 2003, Hannover: Der 37-jährige Südafrikaner Corrie Sanders (1966 - 2012) sorgt mit seinem t.K.o.-Sieg in der 2. Runde gegen Wladimir Klitschko für eine Sensation
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15. Mai 2004, Paradise: Antonio Tarver bringt dem großen Roy Jones jr. den ersten Knockout seiner Karriere bei. Es war die Revanche für seine umstrittene Niederlage einige Monate zuvor
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10. April 2004, Las Vegas: Im Kampf um den vakanten WBO-Titel bezwingt Lamon Brewster den favorisierten Wladimir Klitschko durch t.K.o. in der 5. Runde. Hinterher wurde über K.o.-Tropfen in Eiswürfeln diskutiert
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10. April 2004, Las Vegas: Im Kampf um den vakanten WBO-Titel bezwingt Lamon Brewster den favorisierten Wladimir Klitschko durch t.K.o. in der 5. Runde. Hinterher wurde über K.o.-Tropfen in Eiswürfeln diskutiert
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6. Dezember 2008, Las Vegas: Im "Dream Match" bezwingt Manny Pacquiao Oscar de la Hoya durch t.K.o. in der 8. Runde. Das Irrwitzige: Leichtgewichtler Pacquiao hatte für den Weltergewichtskampf zwei Gewichtsklassen übersprungen
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9. Juni 2012, Paradise: "Desert Storm" Timothy Bradley Jr. feiert einen so sensationellen wie umstrittenen Sieg nach Punkten gegen den Favoriten Manny Pacquiao
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9. Juni 2012, Paradise: "Desert Storm" Timothy Bradley Jr. feiert einen so sensationellen wie umstrittenen Sieg nach Punkten gegen den Favoriten Manny Pacquiao
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29. November 2015, Düsseldorf: Der Brite Tyson Fury bezwingt Wladimir Klitschko nach Punkten. Für Klitschko ist es die erste Niederlage seit elf Jahren
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29. November 2015, Düsseldorf: Der Brite Tyson Fury bezwingt Wladimir Klitschko nach Punkten. Für Klitschko ist es die erste Niederlage seit elf Jahren
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Zu Beginn als Amateur aktiv, brillierte der Power-Puncher später auch bei ersten Profikämpfen. Nachdem der damalige US-Champion John Morrissey zurückgetreten war, galt Heenan schließlich als dessen rechtmäßiger Nachfolger.

Heenan fordert Sayers heraus

Doch es gab ein Problem: In den Staaten fand der 25-Jährige keine Gegner mehr. Er musste also fernab der USA suchen - und wurde auf der anderen Seite des Großen Teiches fündig, bei Tom Sayers.

Der in den Slums der südenglischen Stadt Brighton aufgewachsene Sayers war im Gegensatz zum belesenen und kulturell gebildeten Heenan ein Mann der einfachsten Klasse ohne Schulbildung.

Doch im Boxen hatte der eigentliche Maurer Erfolg: Mithilfe seiner harten Schläge kämpfte er sich zum inoffiziellen englischen Meister - und wurde so zum perfekten Gegner für den acht Jahre jüngeren US-Champ Heenan, der ihn zum Kampf herausforderte.

Der illegale Kampf des Jahrhunderts

Sayers nahm die Challenge an. Stichtag war der 17. April 1860, als Austragungsort wurde ein Feld nahe der englischen Kleinstadt Farnborough gewählt.

Und das nicht aus Zufall: Es lag zwischen den Grafschaften von Surrey und Hampshire. Bei einem polizeilichen Übergriff hätten die gut betuchten Zuschauer dann über die Grenze fliehen und sich so ihrer Gerichtsbarkeit entziehen können. Profikämpfe waren zur damaligen Zeit illegal.

Trotz dieser Gesetzeswidrigkeit rührten die Beteiligten fleißig die Werbetrommel. Zahlreiche Flugblätter und Aushänge wurden verteilt, Zeitungen berichteten in einem ungewöhnlich großen Ausmaß über den "Fight of the Century".

Ticket to Nowhere

Die Öffentlichkeit richtig heiß gemacht, wollte sich niemand das Spektakel entgehen lassen. So trafen mehr als 3000 Zuschauer an jenem Dienstag um 4 Uhr in der Früh an der London-Bridge-Station zusammen, um nach Farnborough zu gelangen.

Einige von ihnen waren aus Schutz vor der Polizei vorsichtshalber mit Messern und Stöcken bewaffnet. Wer ein Zugticket erwarb, las darauf als ausgeschriebenes Ziel nur "To Nowhere".

"Es ist ein wunderbarer Morgen", sagte Heenan und nahm sich vor dem Kampf selbst in die Pflicht: "Wenn ein Mann an so einem Morgen nicht kämpfen und gewinnen kann, dann wird er niemals kämpfen können".

Um halb acht rief der Schiedsrichter die Kontrahenten schließlich in den Ring. Und die Schlacht begann.

"Er fiel wie ein Ochse"

Heenan, der mit einer Größe von 1,87 Metern und einem Gewicht von 88 Kilogramm körperlich deutlich überlegen war, erwischte den besseren Start. Wie die Times berichtete, traf er Sayers direkt zu Beginn "mit einem Schlag auf die Nase, der auf dem ganzen Feld zu hören war und ihn wie einen Ochsen umfallen ließ".

Doch der "Brighton Boy" konterte. Er stand auf, holte aus. Und schlug zu. Mit voller Wucht. Ohne Rücksicht auf Verluste. Das rechte Auge von Heenan bekam die Breitseite ab, auch die Wange wurde zertrümmert. Der Getroffene taumelte anschließend "wie ein besoffener Mann zurück in seine Ecke".

Schon nach kurzer Zeit waren beide Kontrahenten schwer angeschlagen. Heenan war auf einem Auge nahezu blind, Sayers kugelte sich die rechte Schulter aus. Doch die Schlacht ging weiter.

42 Runden, zweieinhalb Stunden Kampf

In Runde 32 wollte der schwer verwundete Heenan dann den Sieg erzwingen. Er drückte seinen Widersacher gegen die Ringseile, würgte ihn und schlug weiterhin gnadenlos zu.

Muhammad Ali: The World's Greatest
Gestatten: Cassius Marcellus Clay Jr alias Muhammad Ali. Weltmeister. Legende. Oder einfach: The Greatest of All Time
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Eines der bekanntesten Bilder: Ali bejubelt seinen Erfolg gegen Sonny Liston
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Ali werden Ende der 60er Jahre aus politischen Gründen alle Titel aberkannt. Aber er kämpft sich ab 1970 zurück...
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...und holt sich 1974 beim "Rumble in the Jungle" in Kinshasa den Titel vom damaligen Weltmeister George Foreman zurück
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Auf den Philippinen kommt es 1975 zum wohl spektakulärsten Boxkampf aller Zeiten zwischen Joe Frazier und Muhammad Ali. Nach 14 Runden siegt Ali im "Thrilla von Manila"
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1980 beendet Ali als einer der besten Sportler aller Zeiten seine Karriere. Hier darf er 1996 das olympische Feuer in Atlanta entzünden
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Er engagierte sich weiterhin für viele wohltätige Projekte. 1997 besucht er ein Flüchtlingslager in der Elfenbeinküste
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Muhammad Ali mit seiner Tochter Laila Ali. Sie trat in die Fußstapfen ihres Vaters und ist eine sehr erfolgreiche Boxerin
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Eine Legende kurz vor dem 70. Geburtstag: Gezeichnet von Krankheiten, muss Ali mittlerweile gestützt werden
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Dann brach Chaos aus.

Die Zuschauer, die es größtenteils mit Sayers hielten, wollten ihren Gladiatoren nicht verlieren sehen. Sie zückten ihre Messer - und schnitten kurzerhand die Seile durch. Die wild gewordene Menge stürmte den offenen Ring. Die mittlerweile anwesende Polizei ließ die Schar dabei gewähren. Und die Schlacht ging weiter.

Fünf Runden lang rauften sich Heenan und Sayers noch, dann versuchte der Ringrichter den Kampf abzubrechen. Doch die Schaulustigen hatten nicht genug, sie wollten eine Entscheidung.

Erst nach der 42. Runde setzte sich der Ringrichter durch und beendete das Geschehen. Obwohl beide Seiten Ansprüche auf den Sieg stellten, entschied er auf Unentschieden.

Und die Schlacht war vorbei. Nach atemberaubenden zweieinhalb Stunden.

Tragisches Ende zweier Helden

Die Streitereien über den wahren Sieger zogen sich noch über Wochen. Heenan forderte einen Rückkampf, doch Sayers kaputtes Schultergelenk machte eine Revanche unmöglich. Beide Boxer erhielten einen Weltmeisterschaftsgürtel und ihren Lohn von je 200 Pfund.

Sayers bestritt danach nie wieder einen Kampf. Mit Diabetes, Tuberkulose und unter starkem Alkoholkonsum verendete er nur fünf Jahre später im Alter von 39 Jahren.

Heenan wurde bei seiner Rückkehr in die USA als Held gefeiert. Er versuchte sich drei Jahre später nochmals im Ring, verlor aber und beendete daraufhin ebenfalls seine Karriere. Auch er verarmte und starb bereits mit 38 Jahren.

Queensberry-Regeln als Folge

Obwohl Sayers als auch Heenan nur diesen einen Big Fight hatten, veränderten sie den Boxsport wie nur wenige andere in der Geschichte. Die englische Nation war so schockiert von der Brutalität des Kampfes, dass Profikämpfe daraufhin legalisiert und Bare-knuckle-Fights größtenteils aufgegeben wurden.

Darüber hinaus setzte man sich im House of Commons zusammen, um über neue Regeln zu debattieren. Heraus kamen die "Dozen Rules", die vom London Amateur Athletic Club entworfen und 1865 vom Parlament akzeptiert wurden.

Dabei handelt es sich im Grunde um die Regeln, die auch heute noch gültig sind: Rundenlimits, Begrenzung der Rundenzeit auf drei Minuten mit je 60 Sekunden Pause und das Tragen von Handschuhen. Zudem wurde der 10-Sekunden-Countdown vor dem Knockout eingeführt.

Das Regelwerk wurde vom neunten Marquess of Queensberry gesponsert und nach ihm benannt - die "Queensberry-Regeln" waren geboren.

Ein Ali, ein Mayweather und viele andere Boxer dürfen sich also bei Heenan und Sayers bedanken. Sie und ihre Schlacht haben mit dazu beigetragen, dass das Profiboxen die notwendigen Regeln erhalten hat und ihr Sport zu einem Sport mit Weltformat geworden ist.

Alle Weltmeister der großen Verbände im Überblick

Dominik Geißler

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