Klitschkos Rückkehr in die USA

Schatten der Vergangenheit

Freitag, 24.04.2015 | 16:07 Uhr
Wladimir Klitschko kehrt in die Vereinigten Staaten zurück
© getty
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In der Nacht von Samstag auf Sonntag (ab 4 Uhr im LIVE-TICKER) kommt es im Schwergewicht zum Duell zwischen Wladimir Klitschko (63-3-0) und seinem US-amerikanischen Herausforderer Bryant Jennings (19-0-0). Der Kampf um die Gürtel nach Version der WBA, WBO, IBF sowie IBO steht dabei unter einem besonderen Stern, stellt das Aufeinandertreffen im Big Apple doch die Rückkehr des Weltmeisters in die Vereinigten Staaten dar - schlechte Erinnerungen inklusive.

Viele der zuvor etwas mehr als 14.000 Zuschauer haben ihren Platz im Madison Square Garden bereits geräumt oder sind gerade im Begriff die altehrwürdige Arena im Herzen New Yorks zu verlassen. In der Luft liegt ein Gemisch aus enttäuschten Erwartungen und Unzufriedenheit, welches sich in lautstark durch den Innenraum schallenden Pfiffen entlädt.

Im Ring macht Wladimir Klitschko unterdessen gute Miene zum irritierenden Schauspiel, das sich ihm bietet. Die Freude des Ukrainers hält sich sichtlich in Grenzen, ein Hauch von Unverständnis kennzeichnet seinen Blick. Dabei hat der Weltmeister eigentlich jeglichen Grund freudestrahlend im Scheinwerferlicht zu stehen. Denn nach den Titeln der IBF und IBO darf sich Klitschko auch den WBO-Gürtel des geschlagenen Sultan Ibragimov um die Hüften schnallen.

Doch stattdessen wird dem Champion durch das amerikanische Publikum eiskalt vor Augen geführt, dass ein Erfolg allein in den Vereinigten Staaten selten ausreicht, um die Gunst der Massen zu erlangen. Nur wenn auch die Show stimmt, ist die Erwartungshaltung erfüllt. Selbst die Tatsache, dass gerade Geschichte geschrieben wurde, scheint ohne Entertainmentfaktor für viele zu verblassen.

Vergangenheit als Bürde

Dass es ein historischer Abend werden würde, war allerdings bereits im Vorfeld klar und schürte große Erwartungen. Immerhin handelte es sich nach den großen Duellen zwischen Lennox Lewis und Evander Holyfield, die knapp eine Dekade zuvor stattfanden, um einen Vereinigungskampf im Schwergewicht. Der legendäre Garden, in dem bereits viele große Schlachten ausgefochten wurden, schien deshalb die perfekte Kulisse zu sein.

Im Endeffekt sollten sich die krachenden Treffer eines Mike Tyson, die tänzelnden Schritte Muhammad Alis oder die atemberaubende Präzision eben jenes Lewis', die in den Jahrzehnten zuvor für Faszination sorgten, jedoch als äußerst große Bürde erweisen. Die Aura der vergangenen Tage war es letztlich, die alles überschattete und selbst den sportlichen Triumph zur Nebensache degradierte.

Klitschkos dritter Kampf im Garden und sein insgesamt elfter in den USA sollte deshalb gleichzeitig den vorläufigen Schlusspunkt einer schwierigen Beziehung zwischen dem Boxer aus der Ukraine und dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten darstellen. Ein wirklich gutes Pflaster waren die Vereinigten Staaten nie. Und dennoch wurde Klitschko jenseits des großen Teiches zu dem Kämpfer, der er heute ist.

Wandlung zum Unbesiegbaren

Knapp vier Jahre war es im Vorfeld des Ibragimov-Kampfes her, dass er gegen Lamon Brewster in Las Vegas im Seilgeviert stand. Die Rollen schienen wie so oft klar verteilt. Klitschko dominierte den Kampf mit seinem Jab und hatte Brewster bereits am Boden. Doch am Ende des Abends stand die härteste Lektion, die der Champion bis zum heutigen Tag erteilt bekam. Eine Niederlage, die ihn einen wichtigen Schritt zum dominantesten Schwergewichtler der Gegenwart vollziehen ließ.

"Ich war am Boden zerstört. Es hätte mich beinahe umgebracht", blickte Klitschko gegenüber der L'Equipe zurück. So verheerend die Auswirkungen des technischen Knockouts in der fünften Runde zunächst zu sein schienen, so wichtig waren sie. Denn das Resultat der innerlichen Zerreißprobe war der ebenso eiskalte wie kopfgesteuerte Weltmeister, der die Fans seit Jahren spaltet und mit dem vor allem das showorientierte amerikanische Publikum wenig anzufangen versteht. Das Schwergewicht dominiert Klitschko seitdem jedoch nach Belieben.

"Nach der Niederlage wollte Vitali mir helfen, aber ich wollte seine Hilfe nicht", verriet Dr. Steelhammer: "Ich musste meine eigenen Lösungen finden. Durch diese Konfrontation bin ich gewachsen." Die Auswirkungen des Lernprozesses waren auch Jahre später gegen Ibragimov einmal mehr klar zu erkennen.

Eine unbekannte Größe

Wie gegen Brewster war Klitschko auch gegen den Russen der Herr im Ring, allerdings war er darüber hinaus als Boxer gereift. Die Risikobereitschaft der Vergangenheit hatte er abgelegt, alles wurde einem bestimmten Ziel untergeordnet. "In diesem Kampf geht es nicht um das Geld", unterstrich er im Vorfeld: "Wir wollen beide Geschichte schreiben."

Die Wahl der Mittel oder gar das Wohlgefallen der Zuschauer spielten in seinem Kopf keine Rolle. Stattdessen war der sportliche Erfolg der einzige Richtwert, an dem sich Klitschko seit dem Brewster-Schock orientierte - und an dem er sich auch in Zukunft orientieren wird. Jegliche Risikofaktoren galt es deshalb bestmöglich auszuschalten.

Sein Kontrahent, der zuvor den inzwischen deutlich in die Jahre gekommenen Holyfield in Moskau klar dominieren und seinen WBO-Titel verteidigen konnte, setzte derweil auf die wohl einzige Sache, die ihm vermeintlich einen Vorteil versprach: Die Rechtsauslage. Eine Rarität im Boxsport. Zählte Ibragimov neben Michael Moorer, Corrie Sanders, Chris Byrd sowie Ruslan Chagaev zu den fünf einzigen Weltmeistern im Schwergewicht, die nicht in Linksauslage boxten.

Die anstehenden Box-Highlights im Überblick

Safety first

Für den in der Normalauslage kämpfenden Klitschko eine weitere Gefahrenquelle. Entsprechend verhalten gestaltete dieser seinen Kampfplan. Vor allem in den ersten Runden landeten die Schläge zumeist auf den Handschuhen. Von Aggressivität fehlte jegliche Spur, das Publikum wurde zusehends unruhig.

Die äußerst taktische Herangehensweise, die den Faktor Sicherheit als oberste Maxime ausgewiesen hatte, sorgte somit früh für erste Unmutsbekundungen. Trotz der negativen Stimmung blieb Klitschko seiner Linie treu und boxte bisweilen nur über seinen Jab, von seinem Gegenüber kam wenig. Immer wieder setzte der Favorit zwar Nadelstiche, nur um anschließend sofort wieder zurückzuweichen.

In den seltenen Fällen, in denen sein Gegner doch einmal nachsetzte, ging es umgehend in den Clinch. Folglich boten die kleinen Ringkämpfe der Protagonisten aus Sicht der Zuschauer über weite Strecken den höchsten Unterhaltungswert. Den Höhepunkt erreichte dies, als beide Kontrahenten unter einem Raunen gemeinsam zu Boden gingen.

"Das Resultat ist alles, was zählt", untermauerte der damals 31-Jährige nach zwölf Runden seinen einstimmigen Punktsieg. Für die Pfiffe hatte er nur wenig übrig: "Man schlägt seinen Gegner nicht immer K.o.!" Die Fans hatten jedoch ihre eigene Meinung und sorgten somit indirekt mit dafür, dass Klitschko den USA in der Folgezeit den Rücken zuwandte.

Ein neuer Anlauf

Mehr als sieben Jahre sind seit dem Abend im Madison Square Garden inzwischen vergangen. Und während die Niederlage im Jahr 2008 für Ibragimov der letzte Kampf seiner Karriere war, kehrt Klitschko für das Duell mit Bryant Jennings nicht nur auf amerikanischen Boden, sondern auch in den Garden zurück. Mit Jennings wartet dabei ein selbstbewusster US-Amerikaner auf den Weltmeister, der dem angeschlagenen Schwergewichtsboxen des Landes ein neues glorreiches Kapitel schenken soll.

"Klitschko hat ja gar keine Ahnung, worauf er sich eingelassen hat", sagte der Herausforderer aus Pennsylvania bei der ersten Pressekonferenz: "Ich bin aggressiv. Das ist der Kampfstil, den er hasst. Gegen diesen hat er dreimal verloren. Wenn ich ihn treffe, wird es für ihn zu spät sein." Zudem wolle er den Leuten etwas für ihr Geld bieten. Er wolle nicht nur einfach die Gürtel gewinnen, er werde eine wahre Show liefern, so der Linksausleger weiter.

Ein Statement, für das Klitschko aufgrund seiner Vergangenheit nur ein müdes Lächeln übrig haben dürfte. Der Ukrainer stellte zunächst die Rollenverteilung klar, schließlich sei er "der Beste auf dem Planeten". Ob die im Anschluss getätigte Aussagen, dass "es keinen besseren Ort als diese Arena" gebe und es "großartig" sei, "zurück zu sein", aus tiefem Herzen kommen, darf hingegen bezweifelt werden.

Dennoch sind es markante Worte, denen Klitschko mit Sicherheit Taten folgen lassen möchte. Wer allerdings erwartet, dass der Ukrainer sein Streben nach maximalem Erfolg ändern und für das US-Publikum auf Showeinlagen bauen wird, nur um nicht erneut mit einem versteinerten Blick im Ring zu stehen, der dürfte auch dieses Mal enttäuscht werden. Denn während Pfiffe verhallen, bleiben Niederlagen für immer.

Alle Weltmeister im Überblick

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