Klitschko-Gegner Manuel Charr im Porträt

Frei nach Warhol und Gandhi

Von Bastian Strobl
Samstag, 08.09.2012 | 11:05 Uhr
Manuel Charr will erster deutscher Schwergewichts-Weltmeister seit Max Schmeling werden
© Getty
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Drei Engel retteten Manuel Charr einst vor dem Absturz. Nun will er sich gegen Witali Klitschko die WM-Krone (Sa., 22.45 Uhr im LIVE-TICKER) aufsetzen - und probiert sich dabei im Vorfeld als Hobby-Philosoph.

"Zuerst ignorieren sie Dich, dann lachen sie über Dich, dann bekämpfen sie Dich und am Ende gewinnst Du." Mahatma Gandhi. Das Zitat des berühmten indischen Freiheitsaktivisten prangt auf der Homepage von Manuel Charr.

Es schenkt dem Herausforderer auf die WBC-Weltmeisterschaft Hoffnung, die er eigentlich kaum haben dürfte. Die Experten sind sich einig, dass der "Koloss von Köln" nur das nächste Opfer von Witali Klitschko sein wird. Vor allem auf technischer und taktischer Ebene trennen die beiden Boxer Welten.

Zwar spricht Witali wegen Charrs Nehmerqualitäten gerne von einer "harten Nuss", die man erst mal knacken muss. Doch selbst Klitschko-Trainer Fritz Sdunek, der den Gegner einst unter seine Fittiche genommen hatte, gab zu: "Manuel ist ein Träumer, der sich manchmal überschätzt."

Charr hätte Kampf fast abgeblasen

Zumindest beim Entertainment-Faktor dürfte Charr den Ansprüchen des Champions allerdings gerecht werden. Nicht ohne Grund: Der 27-Jährige hat eine bewegte Lebensgeschichte vorzuweisen.

Das neueste Kapitel ist dabei nicht älter als ein paar Wochen. Fast hätte Charr den Kampf seines Lebens abgesagt. Nach eigener Aussage fehlte ihm nur eine einzige richtige Zahl zu einem millionenschweren Lottogewinn. "Dann hätte ich den Kampf gegen Witali abblasen und mich zur Ruhe setzen können", so Charr.

Anleihen bei Andy Warhol

Ob Wahrheit oder Lüge - der Außenseiter versteht es, sich zu präsentieren und den Leuten etwas zu bieten. Das beweist er nicht nur auf seiner Internetseite, sondern auch bei öffentlichen Terminen. Dann lässt Charr schon mal den Hobby-Philosophen raushängen. Ob Henry Ford oder Andy Warhol - kaum jemand ist vor dem selbst ernannten "Diamond Boy" sicher.

"Jeder Mensch hat im Leben 15 Minuten Ruhm. Ich betrachte diese zwölf Runden als meine 15 Minuten", so Charr frei nach dem introvertierten US-Künstler Warhol. Das Problem an der Sache: So recht mag man ihm den nachdenklichen Sprachkünstler nicht abnehmen.

Flucht vorm Bürgerkrieg im Libanon

Charr ist ein Kämpfer. Es blieb ihm auch seit frühester Kindheit nichts anderes übrig. Geboren unter ärmlichen Verhältnissen in der libanesischen Hauptstadt Beirut, verlor er bereits mit zwei Jahren seinen Vater im Bürgerkrieg. 1989 flüchtete die Mutter samt Manuel und fünf seiner sieben älteren Geschwister nach Deutschland.

Ein Jahr in Berlin, dann weiter nach Essen und Gelsenkirchen... Der Überlebenskampf setzte sich auch in der neuen Umgebung fort. Manuel half beim Geldverdienen, putzte an Ampeln Autoscheiben oder stahl Obst, um es selbst zu verkaufen. "Es war an der Tagesordnung, sich in unserer Mau-Mau-Siedlung schon mit acht, neun Jahren zu prügeln. Man musste sich im wahrsten Sinne des Wortes auf der Straße durchschlagen", blickte er zurück.

Drei Engel retten Charr

Doch die schrecklichen Erlebnisse seiner Kindheit ließen ihn nicht los. An Silvester versteckte er sich die ersten Jahre gar im Keller, weil ihn das Knallen zu sehr an den Krieg in seiner einstigen Heimat erinnerte. Die schrecklichen Bilder der toten Körper auf den Straßen verfolgten ihn lange Zeit. "Diese Bilder haben mich aggressiv gemacht", sagte er der "Welt".

Vielleicht wäre er daran zerbrochen. Doch "drei Engel für Charr", wie er zwei damalige Sozialarbeiterinnen und einen Psychologen nennt, verhinderten das. Das Trio schickte den gefrusteten Charr ins Sportinternat Duisburg. Dort entdeckte er seine Leidenschaft für das Kickboxen. Es war der erste Schritt in ein geregeltes Leben.

Zehn Monate in U-Haft

Wenig später kam der Wechsel in den Boxring. Nach zehn erfolgreichen Amateurkämpfen wechselte er 2005 ins Profi-Team von Sauerland. Charr war angekommen - dachte man. Denn 2006 geriet er in Berlin in eine Schlägerei, bei der ein Mann mit einem Messer schwer verletzt wurde. Charr wurde unter Verdacht des versuchten Totschlags verhaftet und saß zehn Monate in U-Haft: "Es war die härteste Zeit meines Lebens."

Ende 2007 wurde er zwar aus Mangel an Beweisen freigesprochen, ein bitterer Beigeschmack bleibt jedoch. Dass ihm weiterhin Verbindungen zur Rockerszene nachgesagt werden, spricht für sich. "Ich weiß, dass die Leute viel reden. Aber ich urteile nicht über Menschen, die ich nicht kenne. Und das wünsche ich mir auch von meinen Mitmenschen - dass ich eine faire Chance bekomme, um zu zeigen, was für ein Mensch ich wirklich bin."

"Witali ist mein Fleisch"

So richtig weiß Charr die Antwort auf diese Frage wohl selbst nicht. Gab er sich bei seiner ersten Begegnung mit Klitschko noch respektvoll und fast schüchtern, machen nun Sätze wie "Witali ist mein Fleisch" die Runde. "Wir alle tragen manchmal eine Maske, hinter der wir unser wahres Ich verstecken", erklärte Charr daraufhin.

Spätestens am Samstagabend in Moskau muss der Koloss seine Karten auf den Tisch legen. Die Hoffnung stirbt bekanntermaßen zuletzt. Oder um es mit den Worten von Manuel Charr und Automobil-Pionier Ford zu sagen. "Es gibt viel mehr Menschen, die kapitulieren, als solche, die scheitern."

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