Powetkin: "Ich bin kein Showman"

Von Interview: Bastian Strobl
Donnerstag, 23.02.2012 | 15:48 Uhr
Seinen Titel-Gewinn widmete Alexander Powetkin seinem verstorbenen Vater
© Getty
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Am Samstag (22.15 Uhr im LIVE-TICKER) muss WBA-Weltmeister Alexander Powetkin seinen Gürtel zum zweiten Mal verteidigen. In Stuttgart wartet Käpt'n Marco Huck auf den Russen. Im Vorfeld spricht der "White Tiger" über Probleme mit Trainer-Legende Teddy Atlas, fehlende Entertainment-Qualitäten und ein Fax von Wladimir Putin.

SPOX: Herr Powetkin, am 25. Februar müssen Sie ihren Gürtel gegen Marco Huck verteidigen. Sind Sie überrascht, dass der Käpt'n in seinem ersten Schwergewichtskampf gleich um den Titel kämpfen darf?

Alexander Powetkin: Ja, ich war von der ganzen Sache schon sehr überrascht. Besonders als er mich auf der Pressekonferenz nach meinem letzten Kampf herausgefordert hat. Klar ist es unüblich, dass man in so einem Fall gleich um den WM Titel boxen kann, aber meinem Promoter ist es gelungen, diesen Kampf zu arrangieren und für das Publikum wird es bestimmt auch ein spannender und interessanter Kampf.

SPOX: Ist es dennoch zuletzt nicht häufig zu beobachten, dass man sich einen Titelkampf nicht mehr wie früher richtig "erarbeiten" muss? Bei Ihnen dauerte es immerhin 21 Kämpfe, bis Sie um den WM-Gürtel boxen durften.

Powetkin: Jedem das Seine. Ich bin einer von der Sorte, der erst mal Erfahrung sammeln möchte. Wenn es dann zu einem WM-Kampf kommt, kann ich auch eine gute Leistung erwarten und den Titel nach Hause holen. Das hat ja auch geklappt. Ich wollte nicht einfach nur um den WM-Titel boxen, ich wollte ihn auch gewinnen.

SPOX: Gegen Huck als Ex-Cruisergewicht wird es vor allem auf die Schnelligkeit ankommen. Haben Sie diesbezüglich etwas an Ihrem Training verändert?

Powetkin: Wir haben wie üblich trainiert und hier und da ein paar Korrekturen einfließen lassen. Aber wir haben auch viel an der Ausdauer gearbeitet. Alles andere sehen Sie dann im Ring. Ich werde in meiner Bestform in diesen Kampf gehen.

SPOX: Die Geschichte spricht klar für Sie: Mit Evander Holyfield und David Haye konnten sich erst zwei Cruisergewichts-Weltmeister auch im Schwergewicht den Titel holen. Unterschätzen manche Boxer diese deutliche Gewichtszunahme?

Powetkin: Der Schlüssel liegt ja darin, seine Schnelligkeit und Ausdauer nicht zu verlieren, wenn man zunimmt. Das unterschätzen manche schon. Aber daran denke ich gar nicht während der Vorbereitung, ich will meinen Gegner nicht unterschätzen oder darauf hoffen, dass er mit dieser Umstellung nicht klarkommt. Ich bereite mich auf einen Gegner vor, der hundertprozentig da ist und der hoch motiviert ist, mit mir in den Ring zu steigen und mir den Titel wegzunehmen.

SPOX: Sogar Hucks Trainer Ulli Wegner sieht dessen Entwicklung kritisch. Ist es Ihrer Meinung nach denn überhaupt möglich, in so kurzer Zeit über so viel zuzunehmen und dennoch in Form zu bleiben?

Powetkin: Wir werden es sehen, das ist nicht mein Problem. Huck wollte diesen Kampf, er hat mich herausgefordert. Also gehe ich davon aus, dass er sich entsprechend vorbereiten wird.

SPOX: Auch bei Ihnen gab es in letzter Zeit Unklarheiten bezüglich Ihres Trainers. Klären Sie uns auf: Ist Teddy Atlas noch für Sie verantwortlich?

Powetkin: Ich arbeite derzeit mit Alexander Zimin zusammen. Er ist ein super Trainer, wir verstehen uns einwandfrei.

SPOX: Atlas erklärte gegenüber "ESPN", dass der ursprüngliche Plan vorsah, dass Sie in der Endphase Ihres Trainingslagers zu ihm in die USA fliegen, da Atlas dort nebenbei TV-Verpflichtungen hat. Weshalb kam es dazu nicht?

Powetkin: Teddy hat seine Verpflichtungen in den USA bei "ESPN" und konnte nicht nach Russland kommen. In die USA zu fliegen bedeutet für mich eine sehr große Umstellung, allein der Zeitunterschied von neun Stunden ist eine sehr starke Belastung. Es hieße, ich müsste in die USA, mich ca. zwei Wochen lang umstellen und dann nach zwei weiteren Wochen müsste ich zurück nach Europa und mich noch mal ca. zwei Wochen lang an die europäische Zeit gewöhnen. Mein Kampf findet schließlich in Europa statt und nicht in den USA.

SPOX: Deswegen Ihre Entscheidung gegen die Reise?

Powetkin: Genau. Diese Energie und die Zeit kann ich hier in Russland besser nutzen und mich vernünftig auf den Kampf vorbereiten. Alexander Zimin hat sich bereit erklärt, mit mir zusammen zu arbeiten und wir verstehen uns außerordentlich gut. Das Training macht sehr viel Spaß, ich bin so motiviert wie noch nie zuvor.

SPOX: Eine ruhige und durchdachte Vorbereitung sieht trotzdem anders aus.

Powetkin: Klar wäre es besser, wenn man solche Stolpersteine nicht hätte. Aber das Ganze hat meine Vorbereitung nicht negativ beeinflusst, alles läuft nach Plan. Ich arbeite mit einem sehr erfahrenen Trainer zusammen, es macht viel Spaß.

Arthur Abraham versteigert seine Handschuhe

SPOX: Inwiefern hat Ihnen die Zusammenarbeit mit Atlas in Ihrer Entwicklung dennoch geholfen?

Powetkin: Teddy hat mir auf jeden Fall viel beigebracht. Wir haben viel an meiner Deckung gearbeitet. Er brachte mir bei, die Schläge genauer zu platzieren. Und noch viele andere Sachen. Es ist immer sinnvoll, sich neue Impulse ins Training zu holen und unterschiedliche Trainingsmethoden auszuprobieren.

SPOX: Weshalb ist diese Abwechslung so wichtig?

Powetkin: Zum einen damit es nicht langweilig wird, zum anderen sammelt man viel Erfahrung und probiert verschiedene Boxstile aus. Das erweitert den Horizont und die eigenen Fähigkeiten. Man kann seine Gegner häufig besser einschätzen, weil man eben den Vergleich hat: so und so würde ein Boxer handeln, der durch die russische Boxschule gegangen ist, so und so würde einer handeln, der eine Ausbildung bei einem amerikanischen Trainer genossen hat. Das ist unheimlich interessant.

SPOX: Den US-typischen Trash Talk vor einem Kampf sucht man bei Ihnen trotzdem vergebens. Woher kommt diese Introvertiertheit?

Powetkin: Ich lasse lieber Taten als Worte sprechen. Worte haben in unserem Sport bei der ganzen Show drum herum kein Gewicht.

SPOX: Fehlen Ihnen da vielleicht gewisse Entertainment-Qualitäten?

Powetkin: Ich bin kein Showman und ich werde es niemals sein. So bin ich von meinem Vater erzogen worden. Mit meinem Promoter haben wir ein sehr gutes Verhältnis und er kennt mich sehr gut, um zu wissen, dass ich mich auch der PR wegen niemals auf so etwas einlassen würde.

SPOX: Zumindest auf Ihrer Homepage bedienen Sie sich abgebildet mit Pelzmantel und umringt von Wodka-Flaschen dennoch des einen oder anderen Klischees. Nur ein PR-Gag?

Powetkin: Ja, das war ein witziges Foto-Shooting. Das ist aber auch schon ein paar Jahre her.

SPOX: Noch weiter zurück liegt ein Treffen mit Wladimir Putin.

Powetkin: Ich hatte ihn mal als Amateur getroffen, seit dem nicht mehr. Es ist schon sehr lange her, damals war er noch kein Präsident.

SPOX: Nach Ihrem Titel-Gewinn gegen Ruslan Tschagajew im August 2011 sollen Sie sogar ein Fax von Putin erhalten haben. Was bedeutet Ihnen ein solcher Glückwunsch?

Powetkin: Das ist eine sehr große Ehre. Denn ich boxe nicht nur für mich, meine Familie und Freunde, sondern auch für mein Heimatland Russland. Und das ist eine Art Anerkennung meiner Leistung.

SPOX: Spüren Sie seitdem auch eine veränderte Wahrnehmung Ihrer Person?

Powetkin: Ich werde auf der Straße in Russland öfter erkannt, habe mehr Interviewanfragen, Einladungen zu verschiedenen Events. Ansonsten ist alles beim Alten geblieben.

SPOX: Als Weltmeister müssen Sie dennoch mehr als bisher Ihre Konkurrenten im Auge behalten. Am Samstag durfte Dereck Chisora gegen Witali Klitschko antreten, obwohl er zuvor gegen Robert Helenius - wenn auch umstritten - verloren hatte. Wie kann so etwas sein?

Powetkin: Für einen normalen Boxfan, der sich nicht mit den Regularien der Verbände und den Ratings auskennt, ist es sicherlich schwer nachzuvollziehen. Für mich persönlich manchmal auch. Aber für solche Sachen habe ich meinen Promoter, der weiß, was er tut. Man sollte aber fair sein, ähnliche Beispiele gibt es auch in anderen Sportarten. Ich nehme nur mal das Beispiel, wenn sich ein Sportler für einen großen Wettbewerb qualifizieren muss. Dann qualifiziert er sich und später wird dann doch ein anderer Sportler zu dem Wettbewerb geschickt. So was passiert andauernd.

SPOX: Liegt darin momentan auch das größte Problem der Schwergewichtsszene? Zu viele Weltranglisten, zu viele Verbände, zu viele Europa- und Weltmeister, ganz zu schweigen von Super-Champions wie Wladimir Klitschko - da verliert man schnell den Überblick.

Powetkin: Vielleicht sollte man mehr Vereinigungskämpfe durchführen, in denen die Weltmeister der verschiedenen Verbände gegeneinander antreten. Aber wissen Sie, ich bin Sportler und versuche, erfolgreich zu sein. Ihre Frage müssten Sie denen stellen, die für solche Dinge verantwortlich sind.

Die Weltranglisten der anerkannten Verbände

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