Freitag, 13.01.2012

Ulli Wegner im Interview

"Ich musste Arthur fast prügeln"

Der Trainer und der Selbstbetrug seines Schützlings: Box-Legende Ulli Wegner über den Unsinn von Arthur Abrahams geplantem Mittelgewichts-Comeback. Und was Abraham zu einem Superstar fehlt. Das Interview vor Abrahams Kampf gegen den Argentinier Pablo Farias am Samstag in Offenburg.

Ulli Wegner wurde zum neunten Mal in Folge zum Box-Trainer des Jahres gewählt
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Ulli Wegner wurde zum neunten Mal in Folge zum Box-Trainer des Jahres gewählt

SPOX: Arthur Abraham geht als großer Favorit in den Kampf gegen den weitestgehend unbekannten Argentinier Pablo Farias - und muss diesen überzeugend gewinnen, um nach der Super-Six-Blamage an Reputation zurückzugewinnen. Wie wird sich Abraham präsentieren?

Ulli Wegner: Arthur hat sich wieder gefangen und ich merke ihm an, dass er gewillt ist, seine frühere Position ganz oben wieder zu erobern. In den Sparrings sah er sehr gut aus. Er verfügt nach wie vor über hervorragende boxerische Voraussetzungen. Nur: Die letzten beiden Jahre haben gezeigt, dass er sein Potenzial nur im Training und nicht im Wettkampf andeuten kann.

SPOX: Hinterließ er vor seiner letzten bitteren Niederlage gegen den späteren Super-Six-Sieger Andre Ward einen anderen Eindruck?

Wegner: Ich dachte, dass er die richtigen Lehren aus den Niederlagen davor gegen Carl Froch und Andre Dirrell gezogen hätte. Stattdessen fehlte ihm die Hingabe. Umso erstaunlicher ist es, dass er trotz der Peinlichkeiten weiter im Fokus der Fans steht.

SPOX: Ist sich Abraham nun mehr bewusst, welche Verantwortung er trägt als Publikumsliebling und Aushängeschild des Sauerland-Boxstalls?

Wegner: Ich kann ihm zumindest nicht viel vorwerfen. Er hat Heiligabend und die ersten beiden Weihnachtstage trainiert, genauso über Silvester. Wir haben ihm keine Ruhe gelassen und er zog mit.

SPOX: Das reicht jedoch nicht, um wie von Abraham angekündigt ins Mittelgewicht zurückzukehren. Dafür wären 72,5 Kilogramm nötig, stattdessen findet der Farias-Fight weiterhin im ungeliebten Super-Mittelgewicht statt, für das er nur auf 76 Kilogramm abnehmen muss.

Wegner: Ich habe Arthur gleich gesagt, dass die Rückkehr ins Mittelgewicht illusorisch ist. Ich hätte ihn ja nie ohne Not ins Super-Mittelgewicht hochgezogen, wenn es nicht nötig gewesen wäre. Das Abnehmen ist nicht so einfach, wie sich das viele vorstellen.

SPOX: Was ist so schwer daran? Es heißt, Abraham wäre ein wahres Scheusal, wenn er abkocht.

Wegner: Dass Arthur nicht in bester Laune sein kann, wenn er 7 oder 8 Kilo abnehmen soll, muss jeder verstehen. Zudem macht das Abkochen das Nervensystem kaputt, das habe ich als aktiver Boxer selbst erfahren, als ich den Fehler begangen habe und eine Gewichtsklasse runtergegangen bin, obwohl ich mich für zwei Klassen darüber hätte anmelden müssen. Deswegen war ich körperlich und mental nicht stabil genug. Diesen Fehler werde ich als Trainer nicht machen.

SPOX: Aber früher gelang es Abraham, im Mittelgewicht zu boxen und Erfolge zu feiern.

Wegner: Der Abraham von vor drei, vier Jahre ist nicht der gleiche Abraham von heute. Sein Körper hat sich verändert, er wurde älter, das alles spielt mit rein. Wenn Arthur nicht durchtrainiert wäre, könnte ich an dem Punkt ansetzen. Doch mit seinem aktuellen Fettgehalt von 10,5 Prozent bin ich zufrieden.

SPOX: Warum ging Abraham in die Öffentlichkeit und verkündete die Rückkehr ins Mittelgewicht, wenn das illusorisch ist?

Wegner: Manchmal sagt man Dinge, weil man hofft, dass sie wahr werden. Als es aber mit dem Ernst anfing und wir extra einen Ernährungsberater einfliegen ließen, der einen Essensplan aufstellte, sagte Arthur sofort: "Herr Wegner, Sie haben total recht." Er wusste, dass er den Essensplan niemals einhalten kann.

Ulli Wegner: Die Karriere einer Trainerlegende
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Rückblick: Nach den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta wechselte Wegner zum Sauerland-Boxstall - und eine außergewöhnliche Karriere begann
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Unter Wegner wurde Markus Beyer 1999 Weltmeister im Supermittelgewicht. Zwar verlor er seinen Titel 2000 wieder, eroberte ihn sich aber gleich zweimal wieder zurück
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Doch der herausragendste Boxer, den Wegner je unter seinen Fittichen hatte, war Sven Ottke. Nach 34 Kämpfen trat Ottke ungeschlagen ab ...
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... und beim Trainer kullerten die Tränen. "Ottke war wirklich mit Abstand der dominierende Mann in der Welt", resümierte Wegner. Doch Ottke ging nicht ohne Abschiedsgeschenk
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Als Dank für seine Trainertätigkeit schenkte Ottke Wegner einen schicken Zweisitzer. "Davon hat er oft geredet. Aber mein Trainer hätte sich den nie gekauft", sagte Ottke
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Im Gegensatz zu Fritz Sdunek hat Wegner mit boxenden Frauen kein Problem. Er verhalf Cecilia Braekhus 2009 zum Gürtel der WBA und WBC und 2010 zum WBO-Titel
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Nicht ganz so glatt ging's mit Marco Huck: 2008 verlor Käpt'n Huck und trennte sich von Wegner, kehrte aber zwei Monate später reumütig zurück - und wurde 2009 Weltmeister
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Es geht Richtung 70 Jahre? Egal! Ans Aufhören denkt Wegner noch lange nicht
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SPOX: Weshalb sprach Abraham dennoch Mitte Dezember im SPOX-Interview davon, dass er plant, Mittelgewichts-Superstar Sergio Martinez herauszufordern?

Wegner: Wir brauchen nicht über Martinez oder das Mittelgewicht zu diskutieren. Da halte ich mich an Goethe: "Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube."

SPOX: Ist ein Kampf mit Felix Sturm realistischer? Beide könnten sich unabhängig von WM-Gürteln und offiziellen Gewichtsklassen auf ein selbst bestimmtes Gewichtslimit einigen.

Wegner: Eine reizvolle Begegnung. Aber erstmal sollen beide wieder auf die Beine kommen. So wie Felix zuletzt gekämpft hat, war es auch nichts Besonderes. Früher hat er hervorragend aus der Bewegung geboxt, mittlerweile steht er viel zu oft. Dennoch bleibt er ein guter Mann.

SPOX: Abraham wird sich im Super-Mittelgewicht durchsetzen müssen, um wieder einen Weltmeisterschafts-Gürtel und an Marktwert zu gewinnen. Hätte er überhaupt eine Chance gegen Ward oder Lucien Bute?

Wegner: Das ist kein Problem für Arthur! Vom Leistungsvermögen her hat er es auf jeden Fall in sich. Das Problem ist die Opferbereitschaft.

SPOX: Opferbereitschaft?

Wegner: Vor dem Ward-Kampf schwang er schöne Reden. Ich war richtig begeistert davon, wie er auftrat und Ansagen machte: "Ich weiß, um was es geht! Ich werde alles geben!" Und dann kam der Abend zum Vergessen. Das einzige Kriterium ist seine Leistungsfähigkeit im Wettkampf und der Wille, sich durchzubeißen. Er muss dahin kommen, physische Schmerzen zu ertragen.

SPOX: Seit dem "Blutkampf von Wetzlar", als Abraham mit einem gebrochenen Kiefer Edison Miranda besiegt hatte, gilt er doch als ein Boxer mit Nehmerqualitäten.

Wegner: Der Kampf hat ihm einen guten Ruf eingebracht. Deswegen denkt jeder, dass er sehr tough ist. Aber schon damals habe ich ihn fast schon dazu prügeln müssen, weiterzumachen. Das war beinahe kriminell von mir. Die Worte, die ich ihm ins Gesicht brüllte, sind nicht zitierbar. Der einzige Unterschied zu heute ist, dass er damals meine Worte besser annahm.

SPOX: Abraham hingegen klagte im SPOX-Interview darüber, dass er seine "eigene Identität" verloren hätte, weil er sich anders als früher zu sehr auf die Stärken des Gegners konzentrieren musste und so seine eigenen Stärken verlor.

Wegner: Das sind halt Ausreden, die sich Arthur für die Journalisten aufgehoben hat. Darüber kann ich mich totlachen. Er wartete nur auf die Fehler des Gegners, statt diesem den eigenen Stil aufzudrücken. Wenn ich mich wehrlos hingebe, darf ich mich nicht über das Ergebnis wundern. Ihm fehlte das taktische Geschick. Welcher Weltklasse-Boxer stellt sich denn andauernd mit der Doppeldeckung hin? Das geht doch nicht. Früher im Mittelgewicht funktionierte das, weil einige Gegner sich müde geboxt haben an der Doppeldeckung und später von Arthurs Schlagkraft weggehauen wurden. Jetzt sind die Gegner pfiffiger - und darauf konnte sich Arthur nicht einstellen. Er muss dahin kommen, seine Kontrahenten boxerisch und psychisch unter Druck zu setzen.

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