Boxen

"So realistisch war noch kein Boxfilm"

Von Interview: Haruka Gruber
Wahlberg spielt den Ex-Box-Weltmeister Micky Ward (l.), Bale seinen Halbbruder Dicky Eklund
© Central Film

"The Fighter" ist der beste Boxfilm seit "Wie ein wilder Stier" - und Mark Wahlbergs Tribut an einen der legendärsten Boxer der Neuzeit. Regisseur David O. Russell, der für den Oscar nominiert wurde, über Herzblut von Hauptdarsteller und Produzent Wahlberg, die Zusammenarbeit mit Manny Pacquiao und die Klitschkos. Ab dem 7. April ist "The Fighter" in den deutschen Kinos zu sehen.

SPOX: Sportfilme genießen unter Sport-Fans einen schlechten Ruf - doch "The Fighter" ist eine Ausnahme. "Sports Illustrated" widmete Ihrem Film die Coverseite und bezeichnete ihn sogar als "den besten Sportfilm der Dekade". Ist das womöglich ein größeres Lob als die sieben Oscar-Nominierungen?

David O. Russell: Ob es eine größere Ehre ist, kann ich schwer beurteilen, immerhin sind es die Oscars. Aber es ist außergewöhnlich, von den Sport-Experten eine solche Zustimmung zu erfahren. Es auf das Cover der "Sports Illustrated" zu schaffen, ist fucking amazing. Ein unglaublich großes Kompliment.

SPOX: "The Fighter" erzählt die wahre Geschichte des Boxers Micky Ward, der in den 90er Jahren auf Kirmes-Veranstaltungen kämpfte und häufig verlor, mit 34 Jahren jedoch Weltmeister wurde. Dieser Erfolg gehört zu den größten Sensationen der Box-Geschichte. Wie haben Sie von Wards Werdegang erfahren?

Russell: Ich bin zwar ein Box-Fan und kannte Ward vom Namen her, aber die gesamte Story war mir neu. Erst Mark Wahlberg hat mich darauf aufmerksam gemacht, als er mir das Drehbuch vorlegte und mir von seinem Film-Projekt erzählte. Mir war sofort klar, dass ich die Geschichte verfilmen muss, alles andere wäre fahrlässig gewesen.

SPOX: Warum sind Sie sich sicher, dass "The Fighter" nicht nur Cineasten, sondern auch Sport-Fans gefällt?

Russell: Weil es die perfekte Mischung ist. Ward war als Boxer schon einzigartig: Ihm gelang es, mit 34 Jahren Weltmeister zu werden, obwohl er vorher nur als Fallobst und wegen seiner sehr ungewöhnlichen Box-Technik als Exot galt: Statt wie fast jeder andere auf Kopfschläge zu gehen, war seine Spezialität der Bodypunch, er machte die Gegner mit Körpertreffern fertig. Am meisten fasziniert hat mich jedoch die zwischenmenschliche Dramatik. Die Dynamik zwischen ihm und seinem Halbbruder Dicky Eklund ist unglaublich facettenreich und intensiv.

SPOX: Der acht Jahre ältere Eklund war selbst ein exzellenter Boxer und hatte 1978 seinen größten Kampf gegen Sugar Ray Leonard, bevor er cracksüchtig wurde und später im Knast landete. Trotz der Abhängigkeit blieb er lange Wards Trainer - und ruinierte so beinahe dessen Karriere.

Russell: Es war die größte Herausforderung, das komplexe Verhältnis der beiden einzufangen. Ich habe mit beiden stundenlang geredet - und man muss sie einfach lieben, obwohl sie die gegensätzlichsten Menschen sind, die man sich vorstellen kann. Ward ist extrem ruhig, zurückhaltend und bescheiden. Er hat sich auch zu der Zeit, als er nichts mehr besaß und von jedem abgeschrieben wurde, nie beschwert oder das Wort erhoben. Er ist die Sinnbild dieser "Never give up"-Attitüde. Und daneben Eklund. Er plappert ohne Punkt und Komma, er ist crazy, sprunghaft und witzig zugleich, er hat ein riesiges Herz. Er war als Boxer wie Muhammad Ali, immer volles Risiko.

SPOX: Was sagen die realen Ward und Eklund zur Verfilmung Ihres Lebens?

Russell: Gott sei dank lieben sie sie. (lacht) Es hat eine Zeit gebraucht, bis der Film ihnen gerecht wurde. Vor allem für Eklund war es schwierig. Während Ward wie im echten Leben die moralisch integre Hauptrolle zukommt, wird Eklunds Crack-Süchtigkeit und Unzuverlässigkeit genau thematisiert. Mit so etwas mag keiner Jahre danach konfrontiert werden, egal wie gut man die Vergangenheit verarbeitet hat.

SPOX: Dafür bleibt die Vorstellung von Christian Bale, der Eklund spielt und dafür mit dem Oscar als bester Nebendarsteller belohnt wurde, beim Zuschauer mehr haften.

Russell: Das zeigt, mit welcher Passion Wahlberg "The Fighter" vorangetrieben hat. Er ließ Ward und Eklund sogar bei sich wohnen, um sie besser zu studieren. Am außergewöhnlichsten war es jedoch, dass er die prestigereichere Rolle Christian Bale überließ. Mark alias Micky Ward hält als Hauptrolle den Film zusammen, aber Christian erhält den Oscar, weil seine Rolle vielschichtiger ist und er mehr Raum für das Schauspielen bekommt. Das alles war für Mark jedoch kein Problem, weil es sein Herzensprojekt war.

SPOX: Woher kommt Wahlbergs fast schon an Besessenheit grenzende Leidenschaft für Ward und Eklund?

Russell: Er stammt aus der gleichen schlechten Gegend in der Nähe von Boston wie Ward und Eklund und hat sie als Jugendlicher bewundert, entsprechend wichtig war ihm die Verfilmung. Er war gewillt, alles auf sich zu nehmen. Er bereitete sich vier Jahre auf "The Fighter" vor, indem er heimlich bei seinen anderen Film-Projekten einen Privatcoach mitnahm, um sich die gleiche Statur anzutrainieren wie Ward am Höhepunkt seiner Karriere. Außerdem verbrachte er viel Zeit mit Manny Pacquiao und dessen Trainer Freddy Roach, um an seiner Box-Technik zu arbeiten.

SPOX: Und?

Russell: Sie haben selbst gesehen, wie realistisch die Kampfszenen sind. Wahlberg hat bewusst auf ein Double verzichtet und nahm in Kauf, dass er bei den Dreharbeiten immer und immer wieder getroffen wurde. Die Schläge sind natürlich nicht so hart wie im echten Boxsport, dennoch war er übersät mit blauen Flecken. Der echte Micky Ward meinte, dass Mark mit seiner Technik und den körperlichen Voraussetzungen echte Chancen hätte, ein Weltklasse-Boxer zu werden, wenn er zehn, 15 Jahre jünger wäre.

SPOX: Wahlberg selbst betonte, dass "The Fighter" der realistischste Boxfilm aller Zeiten sein soll. Was ist so falsch an "Wie ein wilder Stier", "Rocky" oder "Million Dollar Baby"?

Russell: Das alles sind großartige Filme, vor allem liebe ich "Rocky". Aber die meisten Box-Szenen in Hollywood sind stark überzeichnet, wir hingegen haben einen anderen Ansatz gewählt und wollten, dass jeder Zuschauer nachempfinden kann, wie die Kämpfe von Ward damals wirklich abliefen: Mark hat selbst geboxt und Wards Bewegungsabläufe studiert. Wir haben für die Dreharbeiten die TV-Crew angeheuert, die damals die Ward-Kämpfe übertragen hat. Wir kauften die damaligen TV-Kameras auf, um den speziellen Sportübertragungs-Look hinzukriegen. Und wir nutzten die Original-Kommentare der Kämpfe und haben sie in den Film gemischt. Ich behaupte: So realistisch fühlte sich noch nie ein Boxfilm an.

SPOX: Gab es Überlegungen, echte Boxer als Schauspieler anzuheuern? Beispielsweise hat David Haye Hollywood-Ambitionen, Wladimir Klitschko wiederum bekam bei "Ocean's Eleven" eine Gastrolle.

Russell: Nein. Generell sind Boxer daran gewöhnt, eine Rolle zu spielen und als Showman aufzutreten, deswegen erfüllen sie einige Voraussetzungen für Hollywood. Aber ich kenne Haye und die Klitschkos zu wenig, um deren schauspielerisches Talent einschätzen zu können. Sie sollen erst einmal das Schwergewicht wieder spannender machen, dann sehen wir weiter. (lacht)

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