Freitag, 20.08.2010

Tomasz Adamek im Porträt

"Es gewinnt nicht derjenige, der lauter brüllt"

Tomasz Adamek marschierte in den letzten Jahren unaufhaltsam durch drei Gewichtsklassen und schickt sich an, der kommende Mann im Schwergewicht zu werden. Oftmals unterschätzt, strafte der zurückhaltende Adamek seine Gegner Lügen. Nun folgt ein Duell mit Michael Grant, das als Generalprobe für Kämpfe mit Klitschko und Co. dienen soll. Polens Box-Legende Dariusz Michalczewski hat allerdings seine Bedenken.

2007 kassierte Tomasz Adamek seine bisher einzige Profi-Niederlage gegen Chad Dawson
© Imago
2007 kassierte Tomasz Adamek seine bisher einzige Profi-Niederlage gegen Chad Dawson

Ein Mann, ein Hammer, ein Reifen: Immer wieder drischt Tomasz Adamek mit dem mehrere Kilogramm schweren Arbeitsgerät auf das Hartgummi ein. Bis zur völligen Erschöpfung. Der Blick in seinen Augen verrät, dass sein Wille stark ist. Stärker noch als die Grenzen, die sein Körper ihm aufzulegen versucht. Elf Wochen lang quälte er sich mit einem neuen Trainingsprogramm, welches er selbst als "Kampf mit Leib und Seele" bezeichnete. Mit Erfolg: Sein Sparringspartner Malik Scott konnte kaum fassen, welche Wucht ihm neuerdings entgegenschlägt.

Nötig scheint die Tortur allemal, denn der 33-jährige Pole hat sich ein klares Ziel gesteckt: Er will den Weltmeistergürtel im Schwergewicht gewinnen und damit Geschichte schreiben. Nach seinen WM-Titeln im Halbschwer- (2005) und Cruisergewicht (2008) greift Adamek nun nach einem Gürtel in der Königsklasse. Er wäre der erste Boxer, dem das gelingt.

"Das Schwergewicht ist für mich immer noch das Größte. Leute sagen, dass es in anderen Klassen Titel gibt, die mehr wert sind als die heutigen Schwergewichtsgürtel. Für mich sind das leere Worte. 'Tomasz Adamek, Heavyweight Champion of the World' klingt immer noch am besten", sagte Adamek in einem Interview mit "fightnews.com".

Der biegsame Bergbewohner

Dabei gilt Adamek, der vor fünf Jahren aus Polen in die USA übersiedelte, außerhalb des Rings als bescheidener, gelassener Typ. Sein Spitzname Goral bedeutet übersetzt so viel wie Bergbewohner. "Wir kennen uns schon sehr lange. Er ist oft zu mir gekommen und hat mich um Rat gebeten. Er ist ein ruhiger Kerl, lebt für seine Familie und den Sport. Ein guter Junge mit viel Charakter", erklärte sein Landsmann Dariusz Michalczewski gegenüber SPOX.

Große Wortgefechte vor Kämpfen liegen in der Tat nicht im Naturell des Linksauslegers. "Was auf den Pressekonferenzen passiert, hat nichts mit dem Geschehen Ring zu tun. Es gewinnt nicht derjenige, der vorher lauter brüllt", meint Adamek. Vielleicht auch ein Grund dafür, dass die häufigste Erklärung seiner 41 geschlagenen Gegner lautete: "Ich habe ihn unterschätzt".

Michalczewski sieht Adamek als den "kommenden Mann" und attestiert ihm eine hohe boxerische Qualität: "Tomasz ist wesentlich variabler als ich es damals war. Ich habe viel mehr mit der linken Hand geboxt und wenn es funktioniert hat, habe ich im Kampf nichts anderes mehr gemacht. Er ist da wesentlich vielseitiger, kann sich prima auf Gegner einstellen."

Die Mankos: Physis und Reichweite

Und in der Tat bewies der Pole, der in den niedrigeren Gewichtsklassen selten einen offenen Schlagabtausch vermied, in seinen ersten Schwergewichtskämpfen gegen Chris Arreola und seinen 41-jährigen Landsmann Andrzej Golota (Michalczewski: "eine lebendige Leiche") eine überlegene Technik, gute Beinarbeit und Cleverness.

Lediglich in Sachen Physis offenbarte Adamek noch Nachholbedarf. Ein Defizit, an dem er wohl weiter arbeiten muss und wird, um ein "echtes" Schwergewicht, ein potentieller Klitschko-Bezwinger zu werden.

"Weiß nicht, ob er es schafft"

Auch Michalczewski bereitet diese Problematik Kopfschmerzen: "Man muss sehen, dass er aus dem Halbschwergewicht kommt. Gerade wenn er in Zukunft Leute wie die Klitschkos oder Haye boxen will, wird das ein wichtiger Punkt sein. Das sind geborene Schwergewichtler. Ich weiß nicht, ob er das schaffen kann." Den anstehenden Kampf gegen Michael Grant erklärt Michalczewski deshalb zur Feuerprobe für Kämpfe dieser Kategorie.

"Ob er das packen kann, entscheidet sich durch solche Kämpfe wie gegen den Zwei-Meter-Mann Grant. Das ist das erste Mal, dass er gegen einen Gegner in Klitschkos Größe boxt", sagt der Tiger und ist sich sicher: "Tomasz wird vorzeitig gewinnen, aber darum geht es nicht. Das Entscheidende wird sein, wie er mit diesem Boxertyp zurecht kommt."

Weniger skeptisch sieht WBA-Weltmeister David Haye Adameks Aufstieg ins Schwergewicht: "Er ist der einzig interessante Boxer im Schwergewicht neben mir. Er boxt spektakulär und könnte bald soweit sein, um einen WM-Titel zu kämpfen", sagte der Brite im SPOX-Interview. Haye, der ebenfalls aus einer niedrigeren Klasse aufstieg, weiter: "Mit uns ehemaligen Cruisergewichtlern ist es definitiv aufregender geworden. Wir können so flink schlagen, da wissen die Walujews dieser Welt gar nicht, wo sie sind."

Grant als Generalprobe

Ob Haye Recht behält, wird Adamek zunächst gegen Michael Grant, den körperlich größten Gegner seiner Karriere, unter Beweis stellen müssen. Sollte er gegen den erfahrenen Amerikaner tatsächlich zeigen, dass er auch diesem Boxertypus die Stirn bieten kann, wäre der Sprung ins Schwergewicht endgültig geglückt.

Bei einer überzeugenden Genralprobe steht die Tür zu großen Gegnern für Adamek, der bei der IBF auf Rang drei geführt wird, jedenfalls sperrangelweit offen. Dabei wäre es bereits im vergangenen Jahr schon fast zum Kampf gegen Witali Klitschko gekommen. Die Anfrage kam damals jedoch zu kurzfristig.

"Ich konnte das Angebot von Witalis Leuten nicht annehmen, da ich nur drei Wochen zur Vorbereitung gehabt hätte", erklärte Adamek auf "fightnews.com" und fügte an: "Es wäre absolut bescheuert, die Millionen anzunehmen und völlig unpräpariert in den Kampf meines Lebens zu gehen, nur um mein Konto aufzustocken. Das würde ich niemals tun."

Eines ist jedenfalls sicher: Bei der nächsten Gelegenheit wird Adamek vorbereitet sein. Und egal, ob der Name des Gegners dann Witali, Wladmir oder David lautet, wird nach dem Kampf niemand mehr behaupten können, Adamek unterschätzt zu haben.

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Thomas Jahn

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