Reals Sergio Llull im Porträt

Königlicher ohne Krone

Donnerstag, 12.03.2015 | 12:08 Uhr
Sergio Llull ist bei Real Madrid der Mann für die großen Momente
© getty
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Sergio Llull ist einer der besten und gleichzeitig spektakulärsten Spieler Europas. Die Houston Rockets machten ihn einst zum teuersten Zweitrundenpick aller Zeiten, trotzdem reizt ihn die NBA nur bedingt. Denn Llull ist nicht nur Königlicher durch und durch - ihm fehlt auch immer noch der ultimative Erfolg.

7,7 Sekunden auf der Uhr, Einwurf Real. Madrid liegt bei Unics Kazan mit einem Punkt hinten. Sergio Llull läuft fast bis zur Mittellinie zurück, um sich den Ball von Einwerfer Rudy Fernandez abzuholen.

Danach geht alles ganz schnell. Gustavo Ayon stellt knapp hinter der Dreierlinie einen Block, die Verteidiger switchen. Böser Fehler. Plötzlich hat Llull einen Big Man gegen sich und handelt instinktiv. Per Crossover bringt er seinen Gegner aus dem Gleichgewicht. Step-Back. Jumper. Swish. Kazan hat noch 1,1 Sekunden, aber keine Auszeit mehr - der Verzweiflungswurf hat nie eine Chance.

Madrid hat gewonnen und jubelt, Llull jedoch bleibt ruhig. Er nimmt die Gratulation von Coach Pablo Laso entgegen und hakt die Partie ab. Dieser Gamewinner am 24. Oktober vergangenen Jahres war eben bei weitem nicht sein Erster.

Mr. Big Shot

Genau genommen ist er schon seit Jahren derjenige bei Real, der den Großteil der ganz wichtigen Würfe nimmt - dank seiner Cleverness, seiner Wurfstärke und einer in Europa außergewöhnlichen Explosivität. Er ist zudem so kreativ, dass selbst die wildesten Würfe bei ihm eine Chance haben. Wenn man ihn nach seinem Lieblings-Gamewinner fragt, muss er trotzdem nicht lange überlegen.

Denn wenn es für einen Real-Spieler eines gibt, das über allem steht, sind es Siege über den FC Barcelona. Das gilt im Basketball genauso wie im Fußball. Wer einen Clasico entscheidet, wird bei den eigenen Fans zum Helden - insbesondere dann, wenn bei dem Spiel auch noch ein Titel entschieden wird.

So wie zum Beispiel beim Finale der Copa del Rey 2012. Das Szenario glich dem aus dem Kazan-Spiel fast exakt, auch wenn Llull den Pass diesmal von Sergio Rodriguez bekam - und den Wurf mit sogar nur einer Zehntelsekunde auf der Uhr reindrückte.

"Ein ganz tolles Gefühl. Den Pokal zu gewinnen, Barcelona zu schlagen und dann noch selbst den Buzzerbeater zu treffen - das ist schon etwas Außergewöhnliches", beschrieb Llull, der folgerichtig zum MVP des Spiels ernannt wurde, seine Gefühle nach dem Spiel gegenüber BIG.

Das komplette Paket im Backcourt

Es sind genau diese Momente, die Llull mit Real verbinden - und Real mit ihm. Seitdem er bei den Königlichen spielt, hat er bereits acht spanische Titel gewonnen und seine Rolle immer weiter wachsen sehen. Seit Jahren bildet er gemeinsam mit Rodriguez und Fernandez den wohl besten Backcourt Europas und steht in der Turkish Airlines Euroleague länger auf dem Court als alle anderen bei Real.

Es spielt dabei keine Rolle, ob er als Shooting Guard aufläuft oder auf der Eins, da er sowohl als Passer (5,4 Assists im Schnitt, beste Assist-Turnover-Rate in der Euroleague) als auch als Scorer (9,8 Punkte, 39,8 Prozent 3FG) zu glänzen weiß.

Generell hat er ein gutes Gespür dafür, dem Team immer genau das zu geben, was es gerade braucht: Er kann das Tempo fixieren oder rausnehmen und ist zudem ein intelligenter Verteidiger.

Teuerster Zweitrundenpick aller Zeiten

Es ist genau diese Vielseitigkeit, welche die Houston Rockets 2009 dazu verleitete, den Denver Nuggets stolze 2,25 Millionen Dollar für die Rechte an Llull zu bezahlen - damit wurde er zum teuersten Zweitrundenpick aller Zeiten.

Ihre Scouts verglichen ihn mit Spielertypen wie Kyle Lowry und Goran Dragic. Sam Hinkie, damals noch in Houston angestellt, lobte Llull gegenüber Jason Friedman 2010 in den höchsten Tönen: "Er ist sehr schnell und athletisch, einzigartig für einen europäischen Guard. Er widerlegt viele der Stereotypen, die man mit Einsern aus Übersee verbindet, kann mehrere Positionen verteidigen und ist zudem ein herausragender Schütze."

Auch wenn Hinkie mittlerweile die Philadelphia 76ers leitet, ist das Interesse an Llull in Texas nie abgerissen. Rockets-GM Daryl Morey gab im Sommer 2014 offen zu, sich erneut um einen Wechsel des Guards in die NBA bemüht zu haben. Wer auf Llulls NBA-Debüt wartet, sollte aber trotzdem lieber nicht die Luft anhalten.

Schauspieler und Titelsammler

Das liegt zum einen an seinem Vertrag, der bis 2018 gilt und laut Marc Stein von ESPN eine "gigantische" Ausstiegsklausel beinhaltet. Zum anderen soll Llull laut Jonathan Givony auch kein Interesse daran haben, eine untergeordnete Rolle in den USA einzunehmen, wie sie seine Teamkollegen Rodriguez und Fernandez dort innehatten.

Bei Real weiß jeder, wie wichtig er ist. Der Mann aus Menorca ist in Spanien zudem extrem populär, spielte bereits in mehreren TV-Sendungen ("Aida", "El Club de Pizzicato") mit und genießt das Leben als Star in Spanien sichtlich.

Das ist aber noch nicht alles; Llull ist erfolgsverwöhnt. Extrem erfolgsverwöhnt. Nicht nur mit Real. Auch mit der Nationalmannschaft nennt er bereits zwei EM-Titel, einmal EM-Bronze und dazu auch noch Olympisches Silber sein Eigen. Der wichtigste Vereinstitel in Europa fehlt ihm aber noch - und das nagt an ihm.

Debakel gegen Maccabi

Viermal zog Llull mit Madrid bereits ins Final Four der Euroleague ein, 2013 und 2014 ging es sogar bis ins Endspiel. Beide Male zogen die Königlichen jedoch den Kürzeren, erst gegen Olympiakos und im letzten Jahr dann in einem dramatischen Overtime-Krimi gegen Maccabi Tel Aviv.

Dabei war Real vor allem 2014 der große Favorit, nachdem sie die Konkurrenz ein Jahr lang nahezu ausnahmslos vorgeführt und im Halbfinale Barca mit 100:62 verprügelt hatten. "Im Finale gegen Real hat uns niemand etwas zugetraut, weil sie als das große Superteam galten", erinnerte sich Maccabi-Forward Alex Tyus im SPOX-Interview. Doch bekanntlich kam alles anders.

Nicht zuletzt hatte das mit Llull zu tun. Ganz uncharakteristisch für ihn versagte er auf größter Bühne und blieb ohne Punkt (0/7 FG), auch wenn er 8 Assists verteilte. Seine Enttäuschung war offenkundig. "Wir sind komplett am Boden. Vor allem ich, weil mein Spiel ziemlich schlecht war. Ich konnte meinen Teamkollegen nicht helfen. Ich war nicht auf der Höhe", entschuldigte er sich nach der Niederlage - und kündigte Besserung in der nächsten Saison an.

Erste Erfolge 2015

Bisher sind die Königlichen 2015 auf Kurs. Der erste Titel der Saison wurde in der Copa del Rey bereits geholt, das Finale standesgemäß gegen Barca gewonnen. In der Liga ACB teilt man sich mit Unicaja Malaga derzeit die beste Bilanz (19:4). Und auch in der Euroleague war der Einzug in die Playoffs von Beginn an so sicher wie das Amen in der Kirche.

Das ist für Llull und Real aber nicht mehr als ein Zwischenstopp. Vielmehr wird es erwartet. "Wenn du für Real Madrid spielst, kennst du nur ein Ziel, nämlich Titel zu gewinnen. Etwas anderes zählt bei uns nicht", erklärte der Combo-Guard einst gegenüber BIG. Und kaum einer verkörpert diese Mentalität mehr als er.

In diesem Jahr soll es endlich mit der Krönung klappen, dem ersten Titel in Europas Königsklasse seit genau 20 Jahren, "La Novena" für Real. Und jeder weiß, wer den Ball bekommen wird, wenn die Uhr langsam runtertickt. Diesmal wird Sergio Llull bereit sein.

Sergio Llull im Steckbrief

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