Dirk Bauermann im Interview

"Die BBL ist eine Insel des Glücks"

Freitag, 12.12.2014 | 13:35 Uhr
Dirk Bauermann blickt optimistisch in die Zukunft
© getty
Advertisement
Erlebe
deinen Sport
live
FIBA U19 World Cup
Sa15:15
Argentinien -
Frankreich
FIBA U19 World Cup
Sa17:30
Iran -
USA
FIBA U19 World Cup
Sa17:45
Deutschland -
Litauen
FIBA U19 World Cup
So15:30
Frankreich -
Neuseeland
FIBA U19 World Cup
So16:00
Spanien -
Kanada
FIBA U19 World Cup
So17:45
Puerto Rico -
Deutschland
FIBA U19 World Cup
Di13:45
Spanien -
Mali
FIBA U19 World Cup
Di16:00
Italien -
USA

An einem der kältesten Orte Europas gelang Dirk Bauermann das "Ende der Negativspirale". Der Ex-Bundestrainer über das Abenteuer Krasny Oktyabr Wolgograd, einen einzigartigen Exzentriker als Boss und folgenschwere Judgement Calls im Sommer.

SPOX: Herr Bauermann, Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Sie wurden am Mittwoch 57 Jahre alt. Wie feiert man einen Ehrentag in einer der kältesten Ecken Europas?

Dirk Bauermann: Wir hatten an meinem Geburtstag das Eurocup-Spiel bei Partizan Belgrad, daher musste ich mir Gott sei Dank keine Gedanken machen. Ich hatte vorsorglich die Mannschaft bereits die Woche davor zum Essen eingeladen, das reicht. (lacht)

SPOX: Sie sind seit sechs Wochen als Headcoach beim russischen Klub Krasny Oktyabr Wolgograd, auf Englisch Red October Wolgograd, tätig. Wie kann man sich das Leben dort vorstellen?

Bauermann: Es ist wirklich kalt. Tagsüber sind es zwischen -5 und -10 Grad und nachts geht es häufig unter -15 Grad. Und es weht immer ein unangenehmer Wind. Doch das ist schon okay, wir spielen ja keinen Fußball. (lacht) Generell darf man sich Wolgograd nicht als Metropole vorstellen. Sie hat zwar eine Million Einwohner, aber sie ist gleichzeitig die drittlängste Stadt der Erde, die sich 70 Kilometer entlang der Wolga erstreckt. Man muss es sich vorstellen wie am Nil: Links und Rechts sind zwei Kilometer landein besiedelt, dann beginnt die Wüste. Insofern besitzt Wolgograd keinen richtigen Stadtkern und es gibt entsprechend von den historischen Sehenswürdigkeiten abgesehen nicht so viel zu tun. Das passt vollkommen. Mit zwei Spielen pro Woche liegt die Konzentration ohnehin ausschließlich auf den Job und selbst wenn Wolgograd mehr bieten würde, wäre keine Zeit dafür.

SPOX: Wolgograd, das ehemalige Stalingrad, wurde im Zweiten Weltkrieg vom deutschen Reich fast komplett zerstört. Wie wurden Sie als erster deutscher Basketball-Trainer, der in Russland arbeitet, aufgenommen?

Bauermann: Es war in den Medien natürlich ein Thema, was vollkommen verständlich ist, andererseits habe ich nie eine Abneigung verspürt. Im Gegenteil: Ich wurde von allen mit offenen Armen empfangen, und wenn der Zweite Weltkrieg angesprochen wird, heißt es immer: "Wir haben nicht gegen die Deutschen gekämpft, sondern gegen die Nazis und Faschisten." Ich finde es bemerkenswert, dass es keine Vorbehalte gibt, und man spürt, dass viele Russen die Hoffnung haben, dass Deutschland im aktuellen Konflikt zwischen der westlichen Welt und Putin vermitteln kann.

SPOX: Sie erarbeiteten sich schnell einen guten Ruf in Wolgograd: Nachdem Ihrem Vorgänger der Start missglückte und dieser entlassen wurde, gelangen Ihnen zuletzt sieben Siege hintereinander. Und das in der sehr anspruchsvollen VTB United League, dem Zusammenschluss der besten osteuropäischen Teams, sowie dem Eurocup, dem Pendant zur Europa League im Fußball. Im Eurocup erreichten Sie vorzeitig die zweite Runde, bevor am Mittwoch mit der Niederlage bei Partizan die Erfolgsserie riss. Wie fällt das erste Fazit aus?

Bauermann: Das Wichtigste war, dass wir die Negativspirale beendet haben. Es fällt immer schwer, so etwas zu konstatieren, aber die Mannschaft befand sich in keinem guten Zustand. Körperlich war es ordentlich, die Kultur im Spiel und der Umgang miteinander mussten hingegen um 180 Grad verändert werden. Die Ergebnisse zeigen, dass wir uns auf einem guten Weg befinden. Mit dem Erreichen der zweiten Eurocup-Runde erreichten wir das erste Saisonziel und in der VTB United League liegen wir nun auf einem Playoffplatz. Wir treten als Team auf und die Spieler merken, dass die Veränderungen fruchten. Wobei ich sehr genau weiß, dass man sich speziell im osteuropäischen Raum auf einem schmalen Grat bewegt und man sich nie sicher fühlen sollte.

SPOX: Sie führten vergangene Saison den litauischen Topklub Lietuvos Rytas zwar in die Euroleague, nur wenig später folgte aber die Trennung. Jetzt arbeiten Sie in Wolgograd unter einem vermeintlich ähnlich wankelmütigen Besitzer. Dmitry Gerasimenko ist mit 36 Jahren bereits General Direktor des Stahl-Giganten Krasny Oktyabr, dem namensgebenden Vereinssponsor. Und: Weil er ein derart ambitionierter Basketballer ist, ließ er sich von Ihrem Vorgänger sogar in der VTB United League aufstellen und kam in sechs Spielen jeweils für wenige Minuten zum Einsatz, ohne einen Punkt zu erzielen. Wie verläuft die Zusammenarbeit?

Bauermann: Gerade läuft alles gut und man muss sehen, wie sich die Dinge entwickeln, wenn Normalität einkehrt. Wir hatten noch keinen Lackmus-Test. Ich habe in meiner Karriere viele Präsidenten erlebt und ich finde mittlerweile einen besseren, weniger rigiden Weg, um mit den Eigenheiten umzugehen. Ich bin zuversichtlich, denn: Anders als viele andere Mäzene ist Dima ein guter Typ. Dass jemand wie er, der so früh in seinem Leben eine so hohe Position erreicht hat, nicht einfach ist, liegt in der Natur der Sache. Aber er ist offen und mit ihm kann man sich sehr gut unterhalten. Man muss immer verstehen, was Dimas Motivation war, den Klub zu kaufen und aufzubauen. Sein Motto: "Wenn ich schon nicht gut genug bin, um bei den großen Vereinen zu spielen, will ich wenigstens einen großen Verein besitzen." Daher lasse ich ihn vielleicht mal das Trikot anziehen und er darf sich mit den Spielern auf die Bank setzen. Einsetzen würde ich ihn natürlich nicht.

SPOX: Ist er ein solch bunter Vogel, wie es klingt?

Bauermann: Total, Dima ist eine sehr schillernde Persönlichkeit. Ein junger, sehr wohlhabender Industrieller, der sehr gut vernetzt und durchsetzungsfähig ist. Dass muss man sein, um in Russland mit nicht einmal 35 Jahren eine derart wichtige Rolle zu übernehmen und mehrere Fabriken zu besitzen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass er nie schläft, so hart arbeitet er, um seine großen Ziele zu verfolgen. Dennoch pflegt er einen sehr respektvollen Umgang. Er setzt sich gerne mit mir zum Essen, macht eine Flasche Rotwein auf und redet über Basketball. Nicht nur über uns, sondern ganz allgemein über den europäischen Basketball. Er kennt fast jeden Spieler der Euroleague. Und dort will er in zwei, drei Jahren hin, deswegen lässt er eine Halle für 5000 Leuten mit Swimmingpool und Fitnesscenter und vielen weiteren Annehmlichkeiten bauen. Die Perspektive ist spannend.

SPOX: Trotzdem hatte es erstaunt, dass Sie Wolgograd den Zuschlag gaben. Gerüchteweise waren Sie mit Vereinen aus der absoluten Topkategorie im Gespräch. Haben Sie sich verschätzt?

Bauermann: Es gehört zum Business dazu. Dieser Sommer war wie so oft: Man erhält relativ früh Angebote und wenn man damit rechnet, dass sich zu einem späteren Zeitpunkt zwei, drei andere Optionen ergeben, wartet man ab. Mein Agent war der festen Meinung, dass sich mindestens eine sehr interessante Option auftut, daher mussten wir einen Judgement Call treffen und wir harrten der Dinge. Nur: Diese Option zerschlug sich, sodass wir in eine Warteschleife gerieten. Irgendwann reichte es und ich wusste, dass ich raus muss, um zu zeigen, was ich kann. Als sich der Kontakt zu Wolgograd ergab, entschied ich mich sehr schnell. So ist das Geschäft und es gibt keinen Grund, etwas nachzutrauern. Mit der VTB United League und dem Eurocup arbeite ich nun in zwei hochinteressanten Ligen.

SPOX: Unter anderem verzichteten Krösus ZSKA Moskau, Euroleague-Champ Maccabi Tel Aviv und Olympiakos Piräus im Sommer darauf, einen großen Namen als neuen Trainer zu präsentieren.

Bauermann: Ich selbst habe nie direkt mit den Klubs gesprochen, aber in dem Bereich bewegten sich die Kontakte meines Agenten. Leider kam nichts zustande, so ist das eben.

SPOX: Ihr Vertrag in Wolgograd gilt für diese Saison. Wie soll es danach weitergehen? Weiter Russland? Oder eine Rückkehr in die BBL?

Bauermann: Ich möchte weiter erfolgreich mit der Mannschaft arbeiten. Was danach kommt, hängt von so vielen Faktoren ab, dass Fantasieren nichts bringt. An sich ist es natürlich so: Die BBL ist meine Heimat und das Leben und Arbeiten in Deutschland mit der Infrastruktur und der Professionalität ist im Vergleich zu anderen Ländern eine Insel des Glücks. Insofern würde ich perspektivisch gerne zurückkommen, wenn es sportlich passt.

Seite 1: Bauermann über seinen neuen Verein, den Präsidenten und die Zukunft

Seite 2: Bauermann über den DBB, Chris Kaman und die Nationalmannschaft

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung