Chris Fleming als neuer Bundestrainer

Der bestmögliche Konsens

Von Max Marbeiter
Freitag, 21.11.2014 | 17:27 Uhr
Chris Fleming (M.) unterschreibt beim DBB einen Zweijahresvertrag
© getty
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Mit Chris Fleming hat der DBB seinen neuen Coach gefunden. Der ehemalige Bamberger soll der Nationalmannschaft Kontinuität bringen und das junge Team konkurrenzfähig machen. Ganz Basketball-Deutschland begrüßt die Entscheidung des DBB. Zurecht.

"Ich finde die Entscheidung sehr gut. Für mich ist sie sogar die bestmögliche." Svetislav Pesic ist schon mal zufrieden. Die Wahl des Deutschen Basketball Bundes stimmt Bayerns Coach glücklich. Der DBB hat nach Monaten der Ungewissheit nun nämlich Chris Fleming zum neuen Bundestrainer ernannt. Genauer: Zum neuen Vollzeit-Bundestrainer. Kein halbgares DBB-Engagement als Dreingabe auf eine Anstellung bei irgendeinem Klub. Keine Ablenkung durch mit dem Verein zu erreichende Ziele. Fleming wird sich voll und ganz dem DBB und der Nationalmannschaft widmen. Mindestens einmal bis 2016.

Auch - und vor allem - das begrüßt Pesic. Der DBB habe somit gleich zwei gute Entscheidungen getroffen, lobte die Coaching-Legende nach Bayerns Euroleague-Niederlage gegen den FC Barcelona. Auch Alba-Geschäftsführer Marco Baldi sprach von einer sehr guten Wahl. BBL-Boss Jan Pommer hält Fleming für einen "ganz ausgezeichneten und hochangesehen Trainer."

Basketball-Deutschland scheint also tatsächlich einen Konsens gefunden zu haben. Dass sich der ehemalige Erfolgscoach der Brose Baskets Bamberg gleichzeitig auch für den DBB entschied, ist allerdings keinesfalls selbstverständlich. Schließlich sollen auch europäische Topklubs Interesse angemeldet haben, konkret wurde Fleming mit Tibor Pleiß' ehemaligem Klub Laboral Kutxa in Verbindung gebracht.

Assistent bei den Spurs

International ist Fleming also ebenfalls hoch angesehen, und das sogar über die Grenzen Europas hinaus. So engagierte niemand geringerer als NBA-Champion San Antonio Spurs den Coach als Assistenten für die Summer League. Fleming hat seine Entlassung nach sechs Jahren Bamberg gewinnbringend genutzt, sich weiter gebildet, um neue Eindrücke zu gewinnen. Neue Eindrücke, von denen nun der DBB profitieren, mit denen Fleming seiner ohnehin bereits beeindruckenden Vita ein neues, aber nicht minder erfolgreiches Kapitel hinzufügen möchte.

Nowitzki: Fleming? "Eine sehr gute Wahl"

"Ich freue mich sehr, dass ich als Bundestrainer arbeiten darf und danke dem Deutschen Basketball Bund für das große Vertrauen, das er in mich setzt", erklärte Fleming auf seiner Antrittspressekonferenz. "Ich bin überzeugt davon, dass in der Mannschaft großes Potential steckt." Selbiges auch zu nutzen, liegt nun am Coach.

Und dafür, darin liegt der nächste Konsens, ist Fleming der richtige Mann. "Chris ist ein Glücksfall", lobt beispielsweise Wolfgang Heyder seinen langjährigen Bamberger Weggefährten. Es sei schlicht und ergreifend kein Zufall, dass Fleming so viele Titel gewonnen habe. Insgesamt acht, um ganz genau zu sein. Viermal die Meisterschaft und viermal den Pokal.

Endlich Kontinuität!

Aus Sicht des DBB aber vielleicht noch wichtiger: Chris Fleming steht für Kontinuität. Im Anschluss an seine aktive Karriere coachte er acht Jahre lang in Quakenbrück, führte die Artland Dragons zunächst in die BBL und 2007 schlussendlich zu Pokal-Sieg und Vizemeisterschaft. In Bamberg gewann Fleming bis zu seiner Entlassung im Sommer in sechs Jahren vier Mal in Serie die Meisterschaft, drei Mal gelang den Brose Baskets dabei sogar das Double.

Kurz: Fleming weiß, was es heißt, über einen langen Zeitraum etwas aufzubauen - und plant, dies nun auch beim DBB zu tun. Er möchte "langfristig etwas entwickeln", erklärte der Coach zum Einstand. Nun geht es darum, aus all den Talenten um Dennis Schröder, Daniel Theis, Maxi Kleber und Tibor Pleiß in den kommenden Jahren ein Team zu formen, das sich konstant weiterentwickelt, bis es irgendwann soweit ist, wieder regelmäßig über die Vorrunden großer Turniere hinauszukommen.

Das zu erreichen, ist nach den Ergebnissen der letzten Jahre sicherlich keine einfache Aufgabe. Zumal auch die EM-Qualifikation nicht mit gewünschter Reibungslosigkeit vonstattenging. Damit haftete auch Übergangs-Bundestrainer Emir Mutapcic der erste Makel an - obwohl Svetislav Pesic' Assistent angesichts der kurzen Vorbereitung und der Teilnahme einiger seiner Spieler an der Summer League eine denkbar schwierige Aufgabe zu lösen hatte.

"Er ist ein deutscher Trainer"

Der Neuanfang Fleming bietet nun die Chance, die Enttäuschungen der letzten Jahre hinter sich zu lassen. Der ehemalige Bamberger dürfte keine großen Anlaufschwierigkeiten haben. Weshalb? Ganz einfach: "Er ist ein deutscher Trainer", erklärt Pesic. Was der Bayern-Coach damit meint: Fleming ist zwar in den USA geboren, damit auch amerikanischer Staatsbürger, verbrachte seine gesamte Coaching-Karriere allerdings in Deutschland.

Mehr noch: Er lernte sein Handwerk zwischen Nordsee und Alpen, verbrachte zuvor sechs Jahre als Spieler in Deutschland und kennt damit sowohl Land und Leute als auch seine zukünftigen Spieler bestens. Tibor Pleiß, der sich nach dem Spiel in München ebenfalls positiv zum neuen Bundestrainer äußerte, formte Fleming zu einem Center von internationalem Format. Nach drei Jahren Bamberg unter dem Amerikaner wechselte Pleiß zunächst zu Laboral Kutxa und steht mittlerweile beim FC Barcelona unter Vertrag. Als nächster Schritt wartet die NBA. Gelingt der Sprung, hat auch Fleming seinen Anteil.

Ebenso wie an der Entwicklung von Karsten Tadda, der unter seinem ehemaligen Coach zum Nationalspieler aufstieg. Auch Heiko Schaffartzik, Maxi Kleber, Daniel Theis oder Dennis Schröder kennt Fleming aus direkten Duellen in der BBL. "Er kennt die Entwicklung und Spieler hier", sagt deshalb auch Pesic.

Endlich ein Konzept

Flemings ruhiges, besonnenes Wesen dürfte beim jungen Team zudem Anklang finden. Wenn nötig, kann er allerdings auch laut werden. Beispielsweise wenn sein Konzept nicht umgesetzt wird. Und genau das ist der Punkt. Fleming verfolgt ein Konzept, er weiß, wie man ein Team aufbaut. So hat er in Bamberg "immer diejenigen gehalten, die unsere Arbeitseinstellung und Vorstellungen vom Basketball geteilt haben, und versucht, sie über Jahre an uns zu binden", erklärte Fleming vor der vergangenen Saison im SPOX-Interview.

Beim DBB ist er nun nicht einmal gezwungen, abwanderungswillige Spieler vom Verbleib zu überzeugen. Er kann sich voll und ganz auf das Zusammenstellen des Teams für die EM im eigenen Land konzentrieren, der Mannschaft seine Philosophie näher bringen.

Denn - auch das war in der Vergangenheit im deutschen Basketball nicht immer selbstverständlich - Fleming hat tatsächlich eine Philosophie, ein Konzept. Ein erfolgreiches noch dazu. Die Bamberger Teams unter Fleming glänzten meist durch intensive, starke Defense, die jederzeit im Stande war, den jeweiligen Gegner zu entnerven.

Und auch offensiv besaßen die Baskets stets eine feste Identität. Nur kam die mitunter ein wenig statisch daher. Speziell während der titellosen letzten Saison ließ Bamberg die Shotclock teils unnötig weiter herunterlaufen, ehe der Angriff wirklich gelaufen wurde. Dazu wurden viele Give-and-Goes genutzt, der Lowpost nur selten gesucht.

Pesic ist optimistisch

Was sich Fleming für das DBB-Team ausgedacht hat, weiß freilich noch niemand. Fest steht, dass ihm beispielsweise mit Schröder, Harris, Theis, Schaffartzik, Kleber, Günther und Pleiß einige Optionen zur Verfügung stehen. Der Coach selbst bezeichnet seinen Kader schon mal als "breiter als jemals zuvor". Dirk Nowitzki und Chris Kaman hat Fleming dabei nicht einmal miteingerechnet. Natürlich würde er sich aber "sehr freuen, wenn sich beide dafür entscheiden, teilzunehmen. Sie sind herzlich willkommen. Wir haben bereits gute Signale bekommen".

Doch auch ohne die beiden NBA-Stars zweifeln nur die wenigsten daran, dass Chris Fleming für die EM ein konkurrenzfähiges Team zusammenstellen wird. "Ich bin sehr optimistisch, dass wir uns gut auf die EM vorbereiten können", gibt sich auch Pesic zuversichtlich. "Das brauchen die deutschen Spieler. Sie müssen mehr trainieren als alle anderen." Nur gut also, dass der DBB soeben die wohl bestmögliche Wahl getroffen hat.

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