Basketball

"Modell Deutschland" auf dem Prüfstand

Von Haruka Gruber
Der Trainer und sein Spielmacher: Dirk Bauermann gibt Steffen Hamann Anweisungen
© Getty

Keine Leistung, keine Winner-Mentalität - keine Qualität? Die Probleme der Bayern sind die Probleme der deutschen Nationalspieler - und mit Jan Jagla könnte es einen von ihnen wegziehen. Dabei gehört es zum Masterplan der Münchner, ähnlich zum Fußball wenn möglich einen Großteil des DBB-Teams unter Vertrag zu haben. "Das ist unser Anspruch", sagt Präsident Uli Hoeneß. Aber ist es möglich, mit den Nationalspielern auch die nationale Spitze anzugreifen? Ein Zwischenfazit mit Coach Dirk Bauermann vor dem Heimspiel gegen Bayreuth (Donnerstag, 18 Uhr im LIVE-TICKER).

Robin Benzing (Small Forward, 22 Jahre)

Stats: 25:21 Minuten, 9,2 Punkte, 3,6 Rebounds

Wer über die deutschen Nationalspieler urteilt, kommt an einem Wort nicht vorbei, das im Englischen "resilience" heißt, Widerstandsfähigkeit. Die Auswärtsschwäche mit 7 Niederlagen aus 8 Pflichtspielen, das Hergeben von deutlichen Führungen, teils hanebüchene Fehler in der Crunchtime, das Zitterhändchen an der Freiwurflinie: Das alles dient als Beleg für die fehlende Abgebrühtheit - unter anderem eben von Benzing, der vor zwei Jahren von Trainer-Legende Svetislav Pesic als das größte Small-Forward-Talent Europas bezeichnet wurde.

Seine Anlagen sind nach wie vor überragend: die Größe, die langen Arme, der Touch, die Schnelligkeit. Und doch bleibt der Eindruck, dass Benzing bei aller Begabung noch nicht richtig in München und der großen Bayern-Welt angekommen ist.

"Es ist eine besondere Situation, für die Weltmarke FC Bayern zu spielen. Es ist etwas ganz anderes, als für einen normalen Verein zu spielen. Dann sitzt halt mal ein Uli Hoeneß in der ersten Reihe. Das ist vor allem für junge Spieler sehr schwierig", sagt Bauermann. Erschwerend sei die Sprunggelenksverletzung von der EM hinzugekommen, die ihm 6 Wochen des Trainings gekostet hätte, "deswegen hat die Integration länger gedauert". Zumindest wirkt Benzing mittlerweile staibler als sein gleichaltriger Backup Philipp Schwethelm und etablierte sich als vierte Scoring-Option hinter Je'Kel Foster, Chevon Troutman sowie Jared Homan. Seine 31,4 Prozent von der Dreierlinie sind dürftig, dafür ist ihm das Bemühen anzumerken, den schmerzhaften Weg zum Korb zu suchen und sich weniger auf den Distanzwurf zu verlassen. Bauermann: "Das wird schon."

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Bastian Doreth (Point Guard, 22)

Stats (Zweitliga-Saison 2010/11): 23:54 Minuten, 7,4 Punkte, 3,0 Assists

Könnte der Gewinner des durchwachsenen Saisonstarts sein: Wegen einer Knie-OP in der Vorbereitung muss er bis Januar pausieren, doch dann dürfte er recht schnell zu mehr Minuten kommen als im ursprünglich tief besetzten Backcourt gedacht: Je'Kel Foster fehlt ebenfalls bis in den Januar hinein, Ben Hansbrough löste seinen Vertrag auf, Jon Wallace nährt mit seiner Inkonstanz Zweifel an seiner Wertigkeit.

Angesichts des Versprechens von Sportdirektor Marko Pesic, sich nicht mehr zu verstärken, dürfte ein fitter Doreth in der Rotation mit Wallace um Hamanns Backup-Rolle konkurrieren - und hätte dabei das Vertrauen von Bauermann sicher, der seit jeher als Förderer des 22-Jährigen gilt. Doreths Stärken: bissige Defense und ein ordentlicher Wurf (letzte Zweitliga-Saison: 44,7 Prozent Dreier).

Demond Greene (Shooting Guard, 32)

Stats: 20:56 Minuten, 5,4 Punkte, 1,5 Rebounds

Man hätte glauben können, dass es sich Greene so langsam in der Rolle gemütlich macht, als Veteran das Team zu führen und in der Garbage-Time Minuten zu hamstern. Das Gegenteil ist aber der Fall: Greene wirkt so fit wie lange nicht und sticht aus der Gruppe der meist enttäuschenden deutschen Nationalspieler heraus - dabei ist sein Basketball mehr effizient denn flashy, so wie es zu Beginn der Karriere noch war.

Ihm obliegt es als Mann von der Bank, kraft seiner Schnelligkeit und Muskelkraft den besten gegnerischen Guard zu decken und vorne den offenen Dreier zu nehmen - was ihm beides vorzüglich gelingt. Seine Dreierquote bewegt sich bei 56,0 Prozent.

"Demond gehört zu den stärksten Verteidigern der Liga. Außerdem stabilisiert er mit seiner Ruhe und Ausgeglichenheit seine Mitspieler", sagt Bauermann. Der Trainer hätte auch sagen können: Mit mehr Spielern von der Denke eines Greene würden wir besser dastehen als jetzt.

Steffen Hamann (Point Guard, 30)

Stats: 25:29 Minuten, 7,4 Punkte, 4,5 Assists

Der Zankapfel der Basketball-Nation: Seine 4,5 Assists, die gleichbedeutend sind mit dem 7. BBL-Platz, werden genauso wenig thematisiert wie die entschuldbaren 2,1 Turnover. Insgesamt vertändeln die Bayern so selten den Ball wie kein anderes Team.

Nur: Hamann unterlaufen die Turnover zu den ungünstigsten Zeitpunkten. Bei den Niederlagen in Bremerhaven und gegen Alba lagen die Bayern nur knapp hinten und hätten mit einem erfolgreichen Korb das Spiel gewonnen oder in die Overtime gebracht, doch beide Male wurde der finale Angriff durch einen Hamann-Blackout zunichte gemacht. Kurios auch, als er sich in Artland in einer kritischen Phase der Verlängerung an einem Dreier versuchte - und scheiterte. Bei einer Quote von 21,7 Prozent nicht weiter verwunderlich.

"Es ist keine Frage, dass Steffen besser spielen kann und Luft nach oben hat. Trotzdem ist er sehr wichtig für uns als Verteidiger und Drahtzieher. Er entwickelt ein immer besseres Gefühl dafür, wie und wann er wohin den Ball zu passen hat, damit sich die Mitspieler gut fühlen", so Bauermanns Erklärung, warum er weiterhin Hamann als Starting-Point-Guard vertraut und der wilder spielende College-Star Ben Hansbrough das Nachsehen hatte, so dass dieser frustriert seinen Vertrag kündigte.

Doch in einem Punkt ist selbst Bauermann ratlos: Dass die Bayern nur die Nummer 15 in Sachen Freiwurfquote sind, liegt auch an Hamann. In der 2. Liga traf er fast 90 Prozent, nun sind es für einen Guard indiskutable 55,8 Prozent. Bauermann: "Es gibt keine Erklärung dafür. Ich würde nur all den Kritikern und Besserwissern sagen wollen: Spielt mal für den FC Bayern, steht auf dem Parkett und geht an die Freiwurflinie. Dann können wir darüber noch einmal reden."

Jan Jagla (Power Forward, 30)

Stats: 15:37 Minuten, 6,4 Punkte, 3,6 Rebounds

Dass er überhaupt in München seine Arbeit antrat, war nach der für ihn enttäuschenden EM nicht selbstverständlich. Aus seinem Umfeld war durchaus die Unverständnis darüber zu vernehmen, warum Bauermann ihn in der Nationalmannschaft so spärlich einsetzte, obwohl er ihn für die Bayern verpflichtet hat. Jagla selbst haderte in Litauen sichtbar mit der Situation, auf eine öffentliche Klage verzichtete er aber aus Gründen der Harmonie und der political correctness.

Sein Kalkül: In München verbessert sich seine Perspektive unter Bauermann. Eine Hoffnung, die nicht erfüllt wird. Für die erste Fünf kam er anfangs nur als Notlösung auf der ungeliebten Center-Position in Betracht, mit den Verpflichtungen von Chevon Troutman und später Jared Homan schrumpfte zusehends seine Einsatzzeit.

In den vergangenen drei Partien stand er insgesamt nur 19:27 Minuten auf dem Court - in denen er alle 10 Würfe vorbeisetzte und leidliche 3 Rebounds abgriff. Sein Effektivitätswert lag ausschließlich im negativen Bereich. Zum Saisonstart hin war ihm anzumerken, dass er das Phlegma vergangener Jahre hinter sich lassen und mit Selbstvertrauen vorangehen wollte. Doch wohl fühlte er sich nie, was sich darin zeigte, wie oft und unnötig er Dreier nimmt - und diese nicht verwandelt (20,5 Prozent).

Verständlich also, dass er in der Big-Men-Rotation hinter Troutman, Homan und Aleksandar Nadjfeji nur auf Rang vier steht. Entsprechend scheint ein vorzeitiger Wechsel nicht ausgeschlossen: Die Bayern könnten sich eines Besserverdieners entledigen, Jagla wiederum mit 30 Jahren noch einmal einen Neuanfang bei einem Verein wagen, der ihm Minuten garantiert.

Bauermann aber schließt einen Weggang aus: "Jan hat eine schwere Phase hinter sich und war die letzten drei Wochen angeschlagen. Aber er arbeitet sehr hart an sich. Mit jeder Woche und jedem Monat werden wir einen stabileren Jan Jagla erleben, der uns mit seiner Erfahrung weiterhelfen wird."

Philipp Schwethelm (Small Forward, 22)

Stats: 21:21 Minuten, 5,8 Punkte, 3,4 Rebounds

Müht sich in gleicher Weise wie Small-Forward- und Alters-Genosse Benzing mit den Wirrungen bei einem Großverein. "Phil neigt dazu, sich zu sehr unter Druck zu setzen. Er muss sich eine gewisse Abgezocktheit aneignen, die man als Werfer haben muss", sagt Bauermann.

Ähnlich wie bei der EM lässt sich Schwethelm, vom Gemüt her eher sensibel als übertrieben cool, von einer großen Aufmerksamkeit noch einschüchtern. Für das beschauliche Bremerhaven netzte er 42,9 Prozent der Dreier ein, in München sind es nur 29,4 Prozent. Eklatant die Defizite auf dem hohen Eurocup-Niveau: 14 Dreierversuche in 6 Spielen, nur 1 Treffer. Dass er an sich über eine vorzügliche Wurftechnik verfügt, beweisen die 92,3 Prozent von der Freiwurflinie in der BBL.

Es war bezeichnend, wie er beim Kantersieg gegen Gießen seine beste Leistung zeigte (5/5 Würfe, 15 Punkte), dafür bei der Klatsche im entscheidenden Spiel ums Eurocup-Weiterkommen in Treviso verschwand: 0/3 Würfe für 0 Punkte. Dennoch versichert Bauermann: "Es ist ein normaler Lernprozess. Wir machen uns keine Sorgen. Phil wird sich wie die anderen noch deutlich steigern."

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