Donnerstag, 27.10.2016

WADA-Präsident Craig Reedie soll zurücktreten

Anti-Doping-Kämpfer wollen Gewaltenteilung

Unterfinanziert, frustriert, fremdgesteuert: Nach einem Jahr voller Skandale wähnt sich der Anti-Doping-Kampf am Scheideweg. Vor der Veröffentlichung des zweiten McLaren-Reports im Dezember fordern die Spitzenvertreter der internationalen Anti-Doping-Organisationen Investitionen und absolute Unabhängigkeit vom IOC.

Sie drängen damit auch unmissverständlich auf den Rücktritt von WADA-Präsident Craig Reedie, der gleichzeitig IOC-Mitglied ist. "Für uns ist klar: Man kann nicht zwei Herren dienen. Entweder er tritt aus dem IOC zurück oder als WADA-Präsident", sagte Travis Tygart, Chef der US-Anti-Doping-Agentur (USADA), dem SID in Bonn. Zwar rede man "nicht über Personen, sondern über Positionen", doch: "Wenn das Herrn Reedie einschließt, muss er seinen Platz in allen Entscheidungsgremien räumen."

Schon am Vortag hatten die Nationalen Anti-Doping-Agenturen von 17 Ländern nach einem Treffen in Bonn eine klare Gewaltenteilung im weltweiten Anti-Doping-Kampf gefordert. "Kein Entscheidungsträger innerhalb einer Anti-Doping-Organisation sollte ein Amt oder eine Funktion innerhalb einer Sport- oder Sportevent-Organisation innehaben", hieß es in einer gemeinsam veröffentlichten Mitteilung.

"Wir können nicht den Fuchs den Hühnerstall bewachen lassen", sagte Tygart: "Die Entscheidungsträger müssen absolut unabhängig vom Sport sein." Andrea Gotzmann, Vorstandsvorsitzende von Deutschlands Nationaler Anti Doping Agentur (NADA), meinte: "Wir müssen professionelle Strukturen schaffen und wollen auch bei der WADA Interessenskonflikte ausgemerzt sehen."

Fall "Russland" führte zu Imageschaden

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Durch den fragwürdigen Umgang mit den Enthüllungen zum Staatsdoping in Russland hat das IOC dem Sport nach Ansicht der Anti-Doping-Kämpfer einen verheerenden Imageschaden zugefügt. "Die olympische Flamme brennt schwächer als jemals zuvor", sagte Tygart: "Das IOC hat es verpasst, sauberen Sportlern den nötigen Schutz zu geben."

Gleichzeitig biete der Skandal die einmalige Möglichkeit, mit diesen Missständen aufzuräumen. Neben der Entscheidungsgewalt bei Sanktionen fordert die WADA dafür vor allem Geld. "Jetzt ist die Zeit, um in einen sauberen Sport zu investieren", sagte der stellvertretende Geschäftsführer der WADA, Rob Koehler, an die Adresse von "IOC, Regierungen, Sponsoren".

Ob bei diesen überhaupt ernsthaftes Interesse besteht, darf jedoch bezweifelt werden. Erst Anfang der Woche war bekannt geworden, dass adidas seine mit 300.000 Euro ohnehin überschaubare Unterstützung für die NADA in Deutschland zum Ende des Jahres einstellt. Auch die vom "olympischen Gipfel" Anfang Oktober ausgearbeiteten Vorschläge zur Reform des weltweiten Anti-Doping-Kampfes gehen vielen nicht weit genug.

"Reformen sind dringend notwendig, es darf aber nicht auf ein Reförmchen hinauslaufen", sagte Gotzmann: "Wir müssen professionelle Strukturen überall etablieren und damit den Druck auf andere erhöhen." Ein "weiter so" kann es für Gotzmann im nacholympischen Jahr nicht geben: "Wir sind an einem Scheideweg, an dem wir uns fragen müssen, was wir falsch gemacht haben."

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